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BIM-Manager sind eigentlich Übersetzer

Interview mit Ursula Reiner von ATP Wien
„BIM-Manager sind eigentlich Übersetzer“

Seit 2012 arbeitet das internationale Planungsbüro ATP architekten und ingenieure mit der integralen Planungsmethode Building Information Modeling (BIM) – und ebenso lange wird daran gefeilt, den Einsatz der digitalen Planungssoftware noch effektiver und umfassender zu machen.

Vor rund fünf Jahren begann ATP mit der Entwicklung einer digitalen Schnittstelle zwischen Planung und Ausschreibung. Seit diesem Jahr ist »BIM2AVA« – für Ausbau und Rohbau – unternehmensweit im Einsatz. »BIM2AVA«  führt umfangreiches Fachwissen aus Bautechnik, Planung, Ausschreibung und Programmierung zusammen. Denn: Damit sich die Elemente aus dem BIM-Modell automatisiert mit dem Ausschreibungsprogramm verbinden, muss bereits in der frühen Planungsphase systematisch modelliert werden.

Im Interview erklärt Architektin und BIM-Managerin Ursula Reiner – die seit fast zehn Jahren mit BIM plant und nun über ein Jahr lang die Finalisierung von »BIM2AVA« begleitete – was der „große Schritt“ für die tägliche Arbeit des integralen Planerteams bedeutet, wie er zustande kam und weshalb sie eigentlich „Übersetzerin“ ist.

Frau Reiner, wie hängen denn Planung (BIM) und Ausschreibung (AVA) eigentlich zusammen?

Reiner: Planung, Kostenmanagement und Ausschreibung hängen sehr eng zusammen. Schon bei einem Wettbewerb, d. h. in der frühen Planungsphase, müssen wir PlanerInnen Kosten angeben. Diese können wir nur abschätzen, wenn wir die wichtigsten Qualitäten eines Gebäudes definieren; wenn wir beispielsweise wissen, ob es sich um eine Wand mit Natursteinverkleidung oder eine Wand mit Vollwärmeschutz handelt. Daraus ergeben sich sehr unterschiedliche Kostenansätze.

Bei einem Vorentwurf wird vieles noch nicht im Detail festgelegt, aber man muss gewisse Qualitäten unterscheiden können: Fassadenflächen, Geschossdecken, Fußbodenaufbauten, Außen- und Innenwände, Fundamente. Werden die Hauptelemente in der richtigen Qualität modelliert, lassen sich die Kosten schon in der frühen Phase plausibilisieren. Das ist dann eine gute Basis für die spätere Erstellung eines Leistungsverzeichnisses.

Fehlerquellen verringern

Das BIM-Modell ist also die Grundlage für die Ausschreibung?

Reiner: Ich würde sogar sagen: »BIM2AVA« ist eigentlich der Zweck, warum wir BIM machen! Denn BIM bedeutet, jedem modellierten Element so viele Informationen zu hinterlegen, dass man daraus einen Positionstext für eine Ausschreibung machen kann. 3D-Ansichten, Visualisierungen oder Pläne ergeben nur in Kombination damit ein BIM-Modell. Dieses Hinzugeben von Informationen, das ist im Grunde BIM.

Was leistet das ATP-Entwicklungsprojekt »BIM2AVA«?

Reiner: Mit dem modellbasierten Massen-Auswerten haben wir im Grunde nichts Neues erfunden. Auch Baufirmen modellieren Projekte oft grob nach, um Kalkulationen durchführen zu können. Beim Entwicklungsprojekt »BIM2AVA« haben wir allerdings die Schnittstelle vom Modell zum Leistungsverzeichnis, also die verbale Beschreibung aller Elemente, die zu dessen Errichtung erforderlich sind, weiterentwickelt und automatisiert.

Aufgrund der zahlreichen Standorte und Projektsparten ist ATP in dieser Entwicklung sehr weit. Früher mussten wir händisch Excel-Tabellen auslesen, um die Informationen ins Ausschreibungsprogramm zu übertragen. Jetzt geht das automatisch und digital. Das ist ein großer Schritt!

Wie kann man sich dieses automatisierte Ausschreiben vorstellen?

Reiner: Die digitale Schnittstelle basiert auf einem Knöpfchen, das wir jetzt in BIM drücken: „CPI Export“. In einem anderen Programm gibt es das Pendant „CPI Import“. Und schon sind alle Modell-Informationen eins zu eins übertragen – wenngleich wir das Ganze dennoch immer auf Plausibilität prüfen sollten.

Das klingt und ist einfach, aber damit die Formeln im Hintergrund greifen, mussten wir den gesamten Workflow umdrehen. Vorher setzten wir oft zunächst Elemente ab und ordneten sie dann dem fertigen Modell zu. Jetzt nehmen wir den Aufbauten-Katalog – ein Excel- oder auch handschriftliches Projekt – und „übersetzen“ ihn zunächst in die Parameter-Codes, die wir in den Content Sheets festgelegt haben.

Verbindliche Qualität

Als BIM-Managerin sind Sie also eigentlich „Übersetzerin“?

Reiner: Kann man so sagen (lacht). Die Übersetzung ist wichtig, weil oft erfahrene ProjektleiterInnen mit jungen ModelliererInnen zusammenarbeiten. Letztere kennen sich mit dem Programm sehr gut aus, ihnen fehlt aber noch die bautechnische Erfahrung. Als BIM-Managerin schalte ich mich zwischen ProjektleiterIn und ModelliererIn und erläutere etwa, welche Benennungssystematik und welche Parameter im Aufbauten-Katalog wichtig sind.

„Fubo_FLI_0170_Estrich“ ist z. B. die Benennung für einen Fußboden auf Estrich mit Fliesenbelag. Zusätzlich hat jedes Element von uns einen „Bauelementschlüssel“ bekommen, der einer Baukostengliederung entspricht. Mit diesen Informationen können die ModelliererInnen effizient die weiteren Parameter befüllen und die einzelnen Teile in BIM als Musterelemente nachbauen. Dann hat man sozusagen ein Baukastensystem, mit dem das Modell aufgebaut werden kann und aus dem sich dann das Leistungsverzeichnis ableitet.

Das Ganze steht und fällt also mit der Befüllung der Parameter?

Reiner: Das ist richtig. Für die Codierung macht es leider einen Unterschied, ob eine Brandschutzqualifikation mit EI30 oder EI-30 angegeben ist. Die hinterlegten Formeln suchen nämlich nach einem bestimmten Wert. Diese Definition der Parameter – das war das Spannende und zugleich Mühsame an der Entwicklung! Wir waren ja ein bunt gemischtes Team: Wir PlanerInnen von ATP mit dem bautechnischen Wissen und die ProgrammiererInnen von Plandata, die ATP-Tochter für Softwareentwicklung, mit dem Revit-Wissen.

Fast ein Jahr lang gingen wir in Scrum-Meetings zweimal pro Woche Element für Element durch und überlegten uns, wie was definiert und später programmiert werden muss. Dabei galt es, so genau wie erforderlich und zugleich so allgemein wie möglich zu arbeiten. In der Abstimmung mit allen Fachbereichen und Standorten hier den „kleinsten gemeinsamen Nenner“ für die Standardelemente zu finden war wohl die größte Herausforderung.

Neue Planungskultur

Was sind die größten Vorteile von »BIM2AVA«?

Reiner: Zum einen kann schneller ausgeschrieben werden, zum anderen werden Abschreibfehler und Doppelbearbeitungen vermieden. Den größten Vorteil sehe ich jedoch in der Umkehrung des Workflows: Überlegen wir uns gemeinsam bereits in der frühen Planungsphase, wie und wann wir was festlegen, sparen wir uns zahlreiche Änderungsschleifen und kommen mit den Änderungen, die dazugehören, viel besser zurecht. Da schließt sich auch der Kreis zum Konzept2BIM – eine ATP-Taskforce, welche die Leistungsdefinition in der frühen Planungsphase erarbeitete.

Außerdem: Durch das Anlegen der Musterelemente haben wir bereits jetzt eine umfangreiche digitale Bau-Bibliothek, die laufend erweitert wird und aus der man sich beim Planen bedienen kann. Mit der Zeit wird »BIM2AVA« also noch effizienter.

Wie wurden/werden die ATP-MitarbeiterInnen im Umgang mit »BIM2AVA« geschult und wie nehmen sie die Neuerung auf?

Reiner: Für die meisten ist dies mit einem großen Aha-Erlebnis verbunden: „Deswegen befüllen wir also all diese Werte!“; „So macht BIM Sinn!“. Nahegebracht wird den Teams das Thema in der Projektarbeit – es gibt ein »BIM2AVA«-Startgespräch, in dem der optimierte Workflow Schritt für Schritt besprochen wird. Außerdem haben wir ProjekleiterInnen-Fortbildungen, wo insbesondere jene abgeholt werden, die nicht täglich mit dem Programm arbeiten.

Mein Ziel ist, dass jede/r ProjektleiterIn ein BIM-Modell öffnen und mit wenigen Klicks z. B. herauslesen kann, wie viel Quadratmeter Fassade geplant sind und welche Qualitäten diese hat – ohne, dass er/sie dazu den/die Modellverantwortliche/n braucht. Grundsätzlich ist das nicht schwer, aber man muss es natürlich lernen. Diese Art der Zusammenarbeit erleichtert auch wesentlich die Kommunikation im Team.

BIM-gestützte Kostenplanung

Welche andere Schnittstelle zu BIM sollte Ihrer Meinung nach ebenfalls weiterentwickelt werden?

Reiner: Wir führen in unserem Hause immer wieder Diskussionen darüber, wie weit sich BIM bereits entwickelt hat und was wir gerne noch erreichen möchten. Bestimmt kann das BIM-Modell noch mehr auf der Baustelle eingesetzt werden. So besteht z. B. die Möglichkeit, bei einer Baustellenbegehung Fotos mittels Standorterkennung mit dem Modell zu verknüpfen und so Baufortschritt und gegebenenfalls Mängel zu dokumentieren (»BIM2BAU«). Leider arbeiten noch nicht viele Baufirmen damit. Insbesondere hinsichtlich der Kosten- und Terminverfolgung gibt es zahlreiche Möglichkeiten, die man verstärkt anwenden kann.

Als Planungsbüro schaffen wir die Schritte von der Skizze zum Modell und vom Modell zur Baustelle – der letzte Schritt, und da sind die AuftraggeberInnen gefragt, ist es, das BIM-Modell als Datenpaket für den Gebäudebetrieb und dessen Optimierung zu verwenden. (»BIM2FIM«).

Welches Fazit ziehen Sie persönlich aus der Projektarbeit?

Reiner: Mir hat die Entwicklung viel Spaß gemacht. Seitdem ich Revit nutze, arbeite ich immer schon gern mit den Bauteillisten. Für mich sind sie der Vorteil schlechthin von diesem Programm! Es sieht vielleicht wie ein trockenes Thema aus, aber wenn man das Gebäude, das man plant, im Hinterkopf behält, wird es spannend.

Ich hatte das Gefühl, in der Projektarbeit viel von meinem persönlichen Wissen und von meiner Planungserfahrung einbringen zu können. In erster Linie bin ich Architektin und BIM ist für mich das optimale Werkzeug. Mich begeistert, dass ich am Ende einer langen Planungszeit auf der Baustelle beobachten kann, wie „mein“ virtuelles Modell, von dem ich jeden Winkel kenne, Realität wird.

Open BIM braucht open AVA


Zur Person

Ursula Reiner ist Architektin und seit 2012 bei ATP Wien tätig, aktuell als Associate, Senior Architect und BIM-Managerin. Neben dem Entwicklungsprojekt »BIM2AVA« engagierte sie sich auch in der »Taskforce Konzept2BIM«.


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