Anbau eines Bürogebäudes in Landshut

Traditionsbewusstes Passivhaus

Ästhetik, Energieeffizienz und Nachhaltigkeit zeichnen den neuen Bürotrakt des Architekten Rudi Prock bei Landshut aus. Er errichtete mit Konstruktionsvollholz den Anbau an ein ehemaliges Bauernhaus und gewann damit den „Zunftholzpreis Objektbau“ des Rettenmeier Architekturwettbewerbs 2008.

pro publica, Filderstadt

In dem über 400 Jahre alten Anwesen, einem ehemaligen Bauernhof im niederbayrischen Landkreis Landshut, entstehen heute Pläne für moderne Gebäude mit geringem Energieverbrauch. Seit 1995 nutzte der Architekt, Denkmalpfleger und EnEV-Sachverständige Rudi Prock einen Teil des ehemaligen Bauernhauses als Büro. Im Laufe der Zeit erwiesen sich die Räumlichkeiten jedoch als zu klein. Ihm und seinen Mitarbeitern fehlte es an Licht, ausreichend Arbeitsfläche und einem Archiv. Bei der Planung legte der Architekt besonderen Wert darauf, dass sich der neue Bürotrakt unterordnet und gut in den bestehenden Gebäudekomplex integriert, dessen älteste Gebäudeteile aus dem Jahre 1589 stammen.
Neu errichtet wurde ein zweigeschossiges, riegelförmiges Bürogebäude und ein großer Flachbau, der als Verbindungselement von Haupthaus und Büro dient. Die Grundstückssituation stellte den Architekten vor einen erhöhten Planungsaufwand, denn das Haupthaus befindet sich an einer Hangkante, die um 90° knickt. Diese Topografie wurde vom Planer aufgenommen, wodurch ein geschützter Innenhof entstand. Er ist mit gepflasterten Wegen, Rasen und Kiesflächen versehen. Darüber hinaus schmücken mehrere Laubbäume den Hof und spenden im Sommer angenehmen Schatten. Zwei dieser Bäume wurden auch zum Maßstab der Planung: Rudi Prock hat den Eingang des Bürogebäudes so konzipiert, dass die ca. 80 Jahre alten Eschen den Eingang flankieren. Sie sind auch der Grund dafür, dass der Gebäuderiegel im Erdgeschoss um ca. 1,5 m zurückspringt. Nur so kann den Baumwurzeln genügend Freiraum gewährleistet werden.
Sorgsame Materialwahl
Der untere Teil des Büros ist teilweise in den Hang gebaut, dadurch werden nicht alle Räume natürlich belichtet. Für den Planer lag nahe, dort das dringend benötigte Archiv unterzubringen. Ferner beherbergt das Erdgeschoss ein großes Foyer und einen Raum, der augenblicklich zwar als Garderobe dient, jedoch jederzeit als weiterer Büroraum genutzt werden kann. Eine Treppe, deren Trittstufen mit hellem Eichenparkett belegt ist, führt in das Obergeschoss. Hier befindet sich der 28 m² große Besprechungsraum sowie die Büros des Ingenieurteams.
Bei den tragenden Bauteilen des Bürotraktes entschieden sich die Planer für traditionelle Baustoffe. Das Erdgeschoss wurde aus hochdämmendem Ziegelmauerwerk (W08 Coriso Ziegel von Leipfinger-Bader) errichtet, wobei der Architekt auf eine zusätzliche Außendämmung verzichtete. Für das Obergeschoss setzte der Planer Konstruktionsvollholz KVH-1plus der Marke rettenmeier Zunftholz ein. Dieses auf sein Emissionspotenzial geprüftes Baumaterial zeichnet sich durch genaue Maßhaltigkeit, bauphysikalisch sichere Konstruktionen und eine definierte Holzfeuchte von ωv = 15 ± 3 % aus. Rudi Prock sagt zu seiner Wahl: „Wir haben uns für Rettenmeier-Konstruktionsvollholz entschieden, weil unser Zimmermann dazu riet. Mit der Qualität des Baustoffs sind wir sehr zufrieden.“
Der Holz-Hersteller bietet KVH-1plus in zwei unterschiedlichen Qualitäten mit der Bezeichnung Si und NSi an. Konstruktionsvollholz mit der Kennzeichnung Si ist für sichtbare Anwendungen, zum Beispiel für freistehende Stützen, sichtbare Balken oder Dachsparren geeignet. Die Bezeichnung NSi weist darauf hin, dass dieses Holz für nicht sichtbare Anwendungen, zum Beispiel Wandständer oder verkleidete Dachsparren, eingesetzt wird. Da im Obergeschoss alle Innenwände mit Gipsfaserplatten beplankt wurden verwendete Rudi Prock ausschließlich nicht sichtbares Konstruktionsvollholz für den Büroneubau.
Bei der Planung der Fenster strebte der Architekt maximal erreichbare Dämmwerte und eine durchgängige Lichtbandoptik an. Um den äußerst niedrigen UW-Wert von 0,63 W/m²K zu erreichen, wählte der EnEV-Sachverständige eine Dreifachverglasung mit Kryptonfüllung und überdeckte die Fensterrahmen mit Holzweichfaserplatten.
Energieeffizient und nachhaltig
Bei der Bestandserweiterung war nachhaltiges Bauen für den Architekten ein unabdingbares Planungsziel. Dies ist an mehreren Stellen des Gebäudekomplexes erkennbar. Beispielsweise sind Trink- und Brauchwassersystem getrennt, wodurch die wertvolle Ressource Wasser geschont wird. Darüber hinaus ist das komplette Büro mit Naturdämmstoffen, wie Zellulosedämmwolle und Holzweichfaserplatten, gedämmt.
Der Neubau hat eine Energiebezugsfläche von knapp 150 m², wobei sich der Heizwärmebedarf auf 14 kWh/m²a beläuft. Beheizt wird das Gebäude über einen Brennwertkessel und Solarkollektoren. Das System wird durch Pufferspeicher ergänzt, die insgesamt über ein Fassungsvermögen von 2 000 Liter verfügen. Darüber hinaus ist das Gebäude mit einer balancierten Passivhauslüftung mit Erdwärmeübertragung ausgerüstet. Hierfür wurde parallel zum Neubau ein ca. 30 m langer Erdreichwärmetauscher in die Hangkante eingelassen. Mit seiner Hilfe wird in kalten Jahreszeiten die Zuluft im Erdreich erwärmt bzw. in warmen Jahreszeiten gekühlt und anschließend in die einzelnen Räume geführt.
Die erforderliche Luftmenge wird mittels Zu- und Abluftöffnungen geregelt. Die Fortluft wird durch den Wärmetauscher geführt und in die Garage geleitet, wo die verbleibende Wärme erneut genutzt wird. Die Erweiterung des niederbayrischen Bauernhofs zeigt, wie durch Nachverdichtung im Bestand traditionelle Bauweisen gepflegt werden können und ästhetische Passivhausarchitektur entsteht. Voraussetzung ist gute Planung, Einfühlungsvermögen für die Bauaufgabe und die Wahl entsprechender Baumaterialien.
Architekturbüro: Rudi Prock, Prock + Thumann, Essenbach/Landshut
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