Anbau einer Mensa und eines Hortes an eine Schule in Berlin

Tragende Rolle für massives Holz

Anbauten an Denkmale sind stets eine besondere Herausforderung, der bei der Freien Waldorfschule mit einem schnörkellosen Kubus begegnet wurde. Die Besonderheit des Gebäudes liegt in der aus hohlraumfreiem Massivholz bestehenden Konstruktion, die schlanke Bauteilabmessungen und hohe Grundrissflexibilität ohne tragende Innenwände ermöglicht.

Markus Hoeft

Rein äußerlich zeigt sich der Anbau ausgesprochen unspektakulär: Mit rund 17 m Länge bei 10 m Gebäudetiefe eher klein, mit seiner klaren kubischen Form und der weitgehend glatten Putzfassade zurückhaltend, gelegen auf der Rückseite der Schule in einer fast schon als Gasse anmutenden Nebenstraße.
Doch das Understatement ist gewollt und das eigentlich Spannende des Gebäudes verbirgt sich unter dem Putz: Eine tragende dreigeschossige Massivholzkonstruktion, ausgerechnet in der „steineren Stadt“ Berlin und hier – mit wohl zufälliger Ironie – ausgerechnet in der Steinstraße.
Der Anbau ist Teil eines denkmalgeschützten Schulkomplexes, der in den Jahren 1950–53 entstand und als herausragendes Zeugnis der Schularchitektur aus den Anfangsjahren der DDR gilt. Der jetzige Nutzer, die Freie Waldorfschule Berlin-Mitte, benötigte den Anbau für eine Küche mit Mensa, die sich heute im Erdgeschoss befinden, und zusätzliche Horträume in den beiden Obergeschossen. Aus der vergleichsweise untergeordneten Funktion und Lage des Anbaus sowie aus dem Respekt vor dem angrenzenden Baudenkmal erklärt sich die zurückhaltende Außenansicht des Neubaus.
Konstruktiv und energetisch
Mit dem Naturbaustoff Holz hatte sich die Berliner Architektin Dipl.-Ing. Susanne Scharabi bereits bei ihrem rund einen Kilometer von der Schule entfernten Niedrigenergiehausprojekt Wohnen an der Barnimkante (2009) auseinander gesetzt:
„Schon dort haben wir die Möglichkeiten tragender Massivholzbauweisen geprüft, uns aber am Ende für eine nichttragende Holzfassade entschieden. Der Gedanke, Holz nicht nur als Gebäudehülle einzusetzen, sondern tatsächlich damit zu konstruieren, hat mich jedoch nicht mehr losgelassen.“
Die Chance zur Verwirklichung der Idee bot sich dann ein Jahr später beim Anbau für die Waldorfschule, zu deren Schulkonzept der ökologische und nachhaltige Baustoff Holz in jeder Beziehung gut passt. Doch es gab auch eine Reihe handfester bautechnischer Gründe bei der Entscheidung für das Massivholz. Etwa die hohe Tragkraft des Materials, die gerade auf dem beengten innerstädtischen Grundstück Nutzflächengewinne durch schlanke Wände ermöglichte und mit der sich die großen Öffnungen der Erdgeschossfenster oder der Übergänge zum Bestandsbau gut beherrschen ließen.
Zu den vergleichsweise geringen Wandstärken trägt auch die gute Wärmedämmung des Holzes bei, die gleichzeitig ein weitgehend wärmebrückenfreies Bauen an den auskragenden Decken zuließ. Sowohl die Holzdecke über der eingerückten Außentreppe als auch die Holzdecken über und unter einer Eckloggia im zweiten Obergeschoss konnten durchlaufend hergestellt werden – also ohne aufwändige thermische Trennung, wie sie im Betonbau für auskragende Bauteile in der Regel erforderlich ist.
Holz-Fertigteile für Wand/Decke
Ein weiteres wichtiges Argument bei der Entscheidung für die Holzkonstruktion war die kurze Bauzeit. Da das Vorhaben u.a. mit Fördermitteln des Konjunkturpakts II finanziert wurde, musste es noch im Jahr 2010 fertig gestellt werden. Dies gelang, weil alle Wände und Decken inklusive Dach als objektbezogen hergestellte und zugeschnittene Massivholz-Fertigteile auf die Baustelle kamen und dort nur noch montiert werden mussten. Der Rohbau der oberirdischen Geschosse entstand auf diese Weise innerhalb von drei Wochen.
Montagebasis war das massiv ausgeführte Kellergeschoss, auf dem die Außenwände aus kreuzweise verleimtem Brettsperrholz Leno (Finnforest Merk) stehen. Der kreuzweise Aufbau mit seiner dauerhaften Verklebung sorgt für dimensionsstabile, verwindungssteife Bauteile. Gleichzeitig bewirkt er einen Absperr- effekt im Sinne der Luftdichtheit; eine zusätzliche Luftdichtheitsfolie ist in der Fläche nicht erforderlich, lediglich die Elementstöße waren mit Klebebändern abzudichten.
Die Decken inklusive der als Flachdach dienenden obersten Decke entstanden aus massivem Brettsperrholz X-LAM (Poppensieker & Derix), das ebenso wie die Wände aus Fichte hergestellt wird. Es handelt sich um hohlraumfreie reine Holzdecken, auf denen ohne zusätzliche Betondeckschicht ein konventioneller Fußboden mit Mineralwolle-Trittschalldämmung, Fußbodenheizung und Anhydritestrich aufgebaut werden konnte. Die Wände des Sanitärtrakts, wiederum aus Brettsperrholz Leno, dienen als aussteifender Kern.
„Auf tragende Innenwände konnten wir durch eine Mischung der Holzbauweise mit Stahlträgern und Stützen verzichten“, beschreibt Susanne Scharabi ihre Intention der hohen Nutzungsflexibilität. „Sowohl Küche und Mensa als auch Horträume in den beiden Obergeschossen konnten im Innenausbau frei gestaltet werden. Aber auch ein späterer Umbau zu Klassenräumen oder ähnlichem bleibt möglich.“
Für den Brandschutz des Schulanbaus in der Steinstraße wurde ein ausführliches Brandschutzkonzept entwickelt, das nicht nur isoliert die einzelnen Bauteile betrachtet, sondern eine Gesamtbewertung der tragenden Konstruktion vornimmt. Dabei werden auch die Rettungs- und Feuerwehreinsatzwege sowie Alarmierungs-, Entrauchungs- und Löscheinrichtungen im Gebäude berücksichtigt. Unter diesen Bedingungen konnten Erleichterungen gegenüber der sonst in Gebäudeklasse 4 erforderlichen hochfeuerhemmenden Ausführung der tragenden Wände, Stützen und Decken vorgesehen werden: Die tragende Konstruktion musste hier mit K30 gekapselt werden.
Auf der Innenseite der Wände und der Unterseite der Decken leistet dies eine 18 mm dicke Beplankung mit Gipsfaserplatten (Rigidur von Rigips). Auf der Fassadenseite konnte auf die Montage einer zusätzlichen Platte verzichtet werden, weil hier das rein mineralische Wärmedämm-Verbundsystem (Lobatherm von Quick-mix) die Kapselwirkung übernimmt, wie durch eine gutachterliche Stellungnahme nachgewiesen werden konnte.
Tragendes Massivholz mit 165 mm Dicke sowie die Mineralwolle-Wärmedämmung WLG 040 von 160 mm ergänzen sich mit dem Außenputz und der inneren Kapselung zu 353 mm Außenwanddicke. Die Wandstärke liegt also knapp unter der Marke einer klassischen 36er Mauerwerkswand, erreicht aber trotzdem einen U-Wert von 0,18 W/(m²K).
Die Fenster sind überwiegend flächenbündig zur Holzkonstruktion montiert. Um das Schulgebäude jedoch eindeutig von Wohnungsbauten abzugrenzen wurden einige Fenster der Straßenseite aus der Fassadenebene herausgehoben.
Bei aller Schlichtheit verleihen diese „Monitorfenster“ genannten Öffnungen dem Bau eine bestimmte Eigenständigkeit und Individualität als Holzbau in der steinernen Umgebung.
Architektin: Dipl.-Ing. Susanne Scharabi, Berlin Brandschutznachweis: Leibenatus Stockburger Wittayer Architekten Ingenieure, Berlin Tragwerksplaner: Dipl.-Ing. (FH) Jens Liebig, Berlin

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