Offene Abgrenzung

Schiebe- und Schiebefalttüren

Großflächige Glas-Schiebe- und Schiebefalttüren als Austritte zu Balkonen und Terrassen können im gehobenen Wohnungsbau das Verhältnis von innen und außen auf überraschende Weise neu definieren. Selbst im geschlossenen Zustand sorgen geschosshohe, ungeteilte Glasflächen und optisch stark reduzierte Profile faktisch für eine Auflösung der Wand.

Markus Hoeft

Als der frühzeitliche Mensch noch nicht sesshaft war, galten ihm Orte mit weiter Aussicht in die Landschaft als ideale Lagerplätze, was leicht nachvollziehbar und wenig überraschend ist: Von dort ließen sich sowohl zu jagende Tiere als auch eventuell nahende Feinde ausgezeichnet beobachten.
Das eigentlich Verblüffende besteht eher darin, dass Aussichtspunkte, Panoramablicke oder ganz allgemein sich weit öffnende Raumsituationen für uns auch heute noch eine besondere emotionale Aufenthaltsqualität bieten. Wir gehen zwar kaum noch jagen, erklimmen aber in Freizeit und Urlaub wegen ihrer Aussicht alle möglichen Hügel, Berge oder hilfsweise Türme. Wir erwarten – zumindest in Mitteleuropa – auch schon längere Zeit keine bedrohlichen Feinde mehr, empfinden aber den Sitzplatz auf Terrasse oder Balkon mit ungehindertem Blick über Landschaften oder städtische Räume als besonders wertvoll und erstrebenswert.
In Architektur übersetztes Erbe
Es ist hier nicht der Ort im Detail zu klären, welche genetischen oder sozio-kulturellen Prägungen der Menschheit sich bei dieser Vorliebe über Jahrtausende gehalten haben. Spannender scheint die Frage, wie sich diese Prägungen in Architektur übersetzen lassen, um Raumsituationen besonderer Qualität zu kreieren. So ist zum Beispiel auffällig, dass es offenbar nicht primär auf die Höhenlage eines bevorzugten Platzes ankommt, sondern auf die Weite des Ausblicks, auf den fließenden Übergang zwischen dem eigenen Standort und dem Panorama, aber gleichzeitig auch auf eine gewisse Dialektik der Abgrenzung: Der Betrachter möchte unmittelbar Teil der Landschaft sein, gleichzeitig aber eben diese Landschaft als das Andere, das Äußere erleben, das vom schützenden Inneren eindeutig getrennt und unterschieden ist.
Die Bauteile, die diesem emotionalen menschlichen Erbe vielleicht am meisten entsprechen, sind repräsentative Austritte zu Balkonen oder Terrassen, wie sie mit Schiebe- und Schiebe-Falt-Türen ausgebildet werden können. Sie schaffen deutlich größere Öffnungen und sind meist optisch unauffälliger als einfache drehbare Balkontüren. Mit geschosshoher Verglasung und schlanker Profilgeometrie erfüllen sie selbst in geschlossenem Zustand das Bedürfnis nach einem weiten Ausblick, vermögen aber zugleich mit einem zeitgemäßen Wärme- und Schallschutz ihre abgrenzende Funktion zwischen außen und innen zu erfüllen.
Geöffnet erweitern sie den Wohnbereich ins Freie und schaffen unerwartete, sehr individuelle Raumsituationen, die auch ein gewisses Repräsentationsbedürfnis befriedigen. Großflächige Schiebe- und Schiebefalttüren sind insofern Elemente des höher- und höchstwertigen Bauens. Bauherren bzw. Bewohner wissen die Exklusivität der Lösungen zu schätzen und akzeptieren auch den gegenüber einfachen Drehtüren höheren Preis.
Reduzierte Profilgeometrien
Die Ansicht in geschlossenem Zustand wird vor allem von den Profilen sowie den Flügelgrößen bestimmt. Bei den Ansichtsbreiten der Flügelprofile ist – ähnlich wie bei Fassaden – eine stetige Tendenz zur Verringerung zu beobachten, in Extremfällen werden nur noch 30 mm benötigt, beispielsweise beim Schiebetürsystem Schüco ASS 77 PD.
Da die Tragfähigkeit und Statik der Rahmen aber letztlich sichergestellt werden muss, geht der „Schwund“ bei den Profilbreiten etwas zu Lasten der Profiltiefen. Diese Entwicklung wird auch durch den allmählichen Übergang von Zweifach- zu Dreifach-Verglasungen forciert. Bautiefen der Flügel von 50 bis 60 mm sind lediglich für Zwei-Scheiben-Isolierglas geeignet. Für einen zeitgemäßen Wärmeschutz muss jedoch mit drei Scheiben geplant werden, was dann Bautiefen ab 70 mm aufwärts erfordert, bei noch dickeren Spezialverglasungen auch deutlich mehr. Bei diesen Maßen handelt es sich um die Bautiefe der einzelnen beweglichen Flügel, für die Blendrahmen oder den Dopplungsbereich von Schiebetüren muss mit größeren, optisch wirksamen Profiltiefen gerechnet werden.
Trotzdem sind sehr reduzierte und elegante Gestaltungen möglich, weil für den Gesamteindruck nicht nur die Größe der Rahmenprofile ausschlaggebend ist, sondern auch ihre Menge und damit die Scheibengröße. Geschosshohe Ausführungen mit 3,0 m oder etwa bei Sunflex Glas-Faltwänden auch bis 3,50 m Bauhöhe vermeiden eine Querteilung der Glasflächen.
Die realisierbare Flügelbreite hängt technisch vom maximal zulässigen Flügelgewicht ab, das durchaus bis 500 kg betragen kann.
Viele Hersteller geben statt des Gewichtes die möglichen Baugrößen an, zum Beispiel für die Hebe-Schiebeelemente Wicslide 160 von Wicona bis 3,24 m Breite bzw. 3,40 m Höhe oder für das Schiebeflügelsystem air-lux maximal 5,9 m x 3,0 m, was dann fast 18 m² Glasfläche bedeutet. Alle genannten Größenangaben sind nur als Beispiele zu verstehen. Die tatsächlich erreichbaren Maße hängen vom Flügelgewicht ab und können nicht mit jeder Verglasung erreicht werden.
Schieben, heben und/oder falten
Profilgeometrie, Flügelgröße und architektonische Wirkung von Schiebe- oder Schiebefalttüren hängen auch vom Material der Rahmen ab. Durch die hohe Tragfähigkeit können vor allem mit Aluminium optisch reduzierte Rahmen erreicht werden. Aber auch Holz oder Kunststoff können große Flügel optisch elegant fassen: Bei den Kunststofflösungen etwa die Schiebesysteme von Inoutic/Deceuninck, Hebe-Schiebetüren Vekaslide von Veka oder die Hebe-Schiebetür Premidoor 88 von Profine, letztere beispielsweise mit bis 2,9 m Höhe und im Standard bis zu 6,5 m Breite. Daneben gibt es – ähnlich wie bei Fenstern – Materialkombinationen von Profilen aus Holz oder Kunststoff mit Aluminiumdeckschalen, die den hohen Wärmeschutz der konstruktiven Materialien mit der Oberflächenästhetik des Metalls kombinieren.
Für den Nutzungskomfort und das Erscheinungsbild im geöffneten Zustand ist vor allem die Verfahrung der Flügel von Bedeutung. Bei zur Seite verfahrbaren Schiebe- oder Hebe-Schiebe-Türen bleiben die Flügel in der Regel sichtbar, sofern sie nicht in einer Wandtasche platziert werden können. Durch die Anordnung von zwei oder drei Schienen lassen sich mehrere bewegliche Flügel kombinieren. Dann entstehen mit reinen Schiebelösungen ähnlich große Öffnungsflächen wie mit Schiebe-Falt-Systemen, bei denen die Flügelpakete unauffällig an der Seite geparkt werden können. Mit Faltlösungen lassen sich ganze Wände zum Verschwinden bringen, im geschlossen Zustand sind allerdings mehr senkrechte Teilungen zu sehen, weil jeder einzelne Faltflügel schmaler sein muss als eine Schiebetür.
Doch für welche Öffnungsart man sich auch entscheidet, große Flügel haben zwangsläufig auch ein großes Gewicht, weshalb bei per Hand zu verfahrenden Systemen unbedingt auf Leichtgängigkeit und Anschlagsdämpfung geachtet oder besser gleich ein motorischer Antrieb geprüft werden sollte.
Schließlich sind repräsentative Austritte Elemente des hochwertigen Bauens, in dem teilweise schon normale Fenster elektromotorisch ausgerüstet sind. Dann sollte nicht gerade bei den vergleichsweise schweren Schiebetüren gespart werden. Das gilt auch für ästhetische Details wie verdeckt liegende Beschläge oder bündiges Schließen der Flügel.
Gegen Kälte und Wärme schützen
Großflächige Schiebelösungen – auch Schiebefalttüren – sind in erster Linie optisch-architektonische Elemente des Gebäudes und dürften auch primär unter diesem Gesichtspunkt ausgewählt werden. Aber sie müssen natürlich auch eine Reihe technischer Anforderungen erfüllen, von denen die Wärmedämmung und die damit zusammenhängende Luftdichtheit eine der wichtigsten sein dürfte. Gerade die Dichtheit ist einer der Gründe, warum sich völlig rahmenlose Systeme, wie es sie für den Ladenbau ja durchaus gibt, im Wohnungsbau mit seinen Wärmeschutzanforderungen kaum geeignet sind. Trotzdem ist eine Ganzglas-Optik möglich, die zum Beispiel bei der Solarlux Glas-Faltwand SL 82 durch ein Profil überdeckendes Stufenglas und schmale Rahmenprofile erreicht wird.
Das thermische Verhalten von Schiebe- und Schiebefalttüren hängt neben dem Wärmeschutz der Rahmen maßgeblich von der Verglasung und auch der Elementgröße ab, weshalb es keine festen U-Werte für die einzelnen Produkte geben kann.
In den meisten Sortimenten existieren jedoch Lösungen, die einen passivhaustauglichen Wärmeschutz Uw um 0,8 W/m²K ermöglichen.
Was natürlich nur mit Dreifachverglasungen funktioniert, dafür dann aber auch jedes unangenehme Gefühl eines Kälteabfalls an den großen Glasflächen vermeidet. Gleichzeitig muss angesichts der großen verglasten Flächen Vorsorge gegen eine Überhitzung der Räume getroffen werden. Dabei können konventionelle Verschattungen mit Rollos oder Jalousien leicht die Architektur verunklaren, weshalb vor allem individuelle Lösungen mit Vordächern, Auskragungen oder anspruchsvollen Lamellensystemen geprüft werden sollten – jeweils in Kombination mit einem niedrigen Energiedurchlass (g-Wert) der Verglasung.
Weitere zu beachtende technische Parameter können je nach Lage und Einbausituation die Luftdurchlässigkeit, der Schallschutz (der wiederum von der Verglasung abhängt), die Regendichtheit sowie die Widerstandsfähigkeit bei Windlast sein. Besondere Aufmerksamkeit verlangt bei zugänglichem Einbau außerdem die Einbruchsicherheit, bei der die Systeme in der Regel RC 2 erreichen. Das entspricht der früheren WK 2 und gilt als Schutz für den gewöhnlichen Wohnbereich gegen Gelegenheitstäter. Hier könnte sich ein Verständigungsbedarf zwischen Planer und Bauherren ergeben, denn große Schiebetüranlagen werden eben oft im gehobenen Wohnungsbau verwendet, für den sich unter den Einbrechern nicht nur die Gelegenheitstäter interessieren müssen. Eventuell sind darum Zusatzmaßnahmen für den Einbruchschutz zu planen, wenn die Nutzer einen höheren Sicherheitsbedarf haben. Dies gilt vor allem für den ebenerdigen Einbau in Einfamilienhäusern und Villen, wo großflächige Schiebesysteme und Schiebefalttüren sicher ihr größtes Einsatzfeld haben, etwa bei Wintergärten und Gärtenhäusern, der Erweiterung der Wohnräume zur Terrasse oder großzügig verglasten privaten Schwimmbädern. Aber auch städtisch geprägte Anwendungen bei Penthäusern, Balkonen oder Terrassen von gestaffelten Geschossen sind möglich. Mit diesen Einbausituationen wird die frühmenschliche Suche nach dem weiten Ausblick dann endgültig von der ursprünglichen Landschaft in die zeitgemäß-urbane Architektur übertragen.

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