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Blaue Schildkröte

Sportkomplex in Odessa
Blaue Schildkröte

Dipl.-Betriebswirt Fred-Roderich Pohl, POHL CONSULT Bovenden / red.

Odessa hat ein neues Wahrzeichen, einen Hightech-Sportkomplex in Form einer Schildkröte am Meer. Damit sollte ein Ort geschaffen werden für die vielfältigen Sportaktivitäten der mit einer Million Einwohner fünftgrößten Stadt der Ukraine.
Noch dominieren historische Gebäude die Stadtarchitektur, wie die säulengeschmückten Museen für Kunst und Archäologie oder die Belvedere Kolonnade. Man kennt vielleicht auch die 142 m lange, riesige Potemkin-Treppe zum Schwarzen Meer aus dem Filmklassiker von 1925 „Panzerkreuzer Potemkin“ – aber wer kennt schon die moderne Architektur der Stadt?
Der Sport spielt eine bedeutende Rolle im Leben der 47 Millionen Einwohner der Ukraine. Das ist leicht abzulesen z.B. am Medaillenspiegel der letzten Olympiade in Athen, wo die Ukraine den zwölften Rang einnahm. Daher bestand der Bedarf an einer weiteren geeigneten Sportarena, die ideale Bedingungen für das Training wie für Wettkämpfe bieten sollte.
Die Idee des Architekten Juriy Serjogin war, die Form einer überdimensionalen Schildkröte als Konstruktion zu wählen. Dahinter steckte symbolisch die schützende Funktion des Schildkrötenpanzers und die Tatsache, dass Schildkröten bei guter Pflege über 100 Jahre alt werden können. Solidität und Langzeitverhalten sollten daher im Vordergrund des Entwurfes stehen in Verbindung mit weitgehender Wartungsfreiheit des Komplexes. Diese Qualitätsvorstellung führte auch dazu, dass fast alle technisch schwierigen Gewerke am Bau an deutsche Firmen oder deren Repräsentanten in der Ukraine vergeben wurden.
Handwerklich anspruchsvoll
Die 6 000 m2 Dach und Fassade des Komplexes stellten eine handwerkliche Herausforderung für die Böhme Haustechnik GmbH dar, die den Auftrag vom ukrainischen Generalunternehmen Santa erhielt. In Dresden hatte die mittelständische Firma bereits hochsensible, historische Metalldacheindeckungen in Falztechnik ausgeführt, wie z.B. das Dach des Dresdner Zwingers, das Schloss Pillnitz, die Garnisonskirche in Dresden usw. Diese handwerklichen Fähigkeiten und die Metalldacherfahrungen seit 1984 wurden für das ehrgeizige Projekt in Odessa benötigt.
In der Ukraine ist zwar die eigentliche handwerkliche Falztechnik schon lange bestens bekannt, gearbeitet wird dort jedoch fast ausschließlich mit Stahlblechen (keine Stahlbänder), die in relativ kurzen Längen und viel zu großen Standard-Breiten verlegt werden. Mit simplen Werkzeugen und Holzleisten erfolgt die Verformung per Hand.
Dabei lässt die Planheit sehr zu wünschen übrig, da das Material Eigenspannungen hat oder spätestens dann bekommt, wenn thermische Einflüsse einwirken. Der Stahl wird in der Regel erst an der Baustelle nach der Verformung gestrichen. Der Lack platzt leicht ab wegen fehlender oder qualitativ nicht ausreichender Vorbehandlung. Schon nach wenigen Jahren zeigt sich Rost, der zu Korrosion führt und das Dach undicht werden lässt.
Zeitgemäßes Material
Um durch ein modernes und umweltfreundliches Material mit individueller Farbgebung Akzente zu setzen, fiel die Entscheidung für die Konstruktion des Sportkomplexes zugunsten Falzonal® – bandlackiertes Aluminium in Falzqualität von Novelis Deutschland/PREFA. Seit ca. 40 Jahren hat sich Falzonal® weltweit in allen Klimazonen bewährt.
Falzonal® ist in 38 Standardfarben erhältlich, von „einfachen“ Pastellfarben über hochpigmentierte Farben bis zu Metallics oder auch Kupfer- oder Zink-Patina-Farben. Eine besondere Spezialität sind die so genannten „look-alikes“. Das sind PVdF-Lackierungen, die den Originalfarben von Kupfer, Blei, Zink, Edelstahl oder sogar Titan erstaunlich ähneln und aus der Distanz optisch nicht zu unterscheiden sind. Diese Farben weisen eine Reihe von Vorteilen gegenüber den jeweiligen Originalwerkstoffen auf (je nach Material) wie z.B.:
  • Gewichtsvorteile bei Verarbeitung, Transport und Verlegung
  • Verarbeitungsvorteile wie z. B. Verlegung bei Tieftemperaturen bis um Null Grad Celsius, ohne zu brechen oder der Notwendigkeit einer Erwärmung des Metalls bei der Verformung
  • Umweltschutzvorteile (kein Schwermetallabtrag)
  • Vorteile im Korrosionsverhalten (keine Hinterlüftung erforderlich zur Vermeidung von rückseitiger Lochkorrosion)
  • Preisvorteile pro verlegtem Quadratmeter bei optisch gleichem Eindruck.
Die Legierung AlMn1Mg0,5 und die Festigkeit H41 sowie die Lackqualität (PVdF in der Version 80/20) sind auf die besonderen Anforderungen der Falztechnik abgestimmt. Das Material ist einschließlich der PVdF-Lackierung extrem verformungsfähig. Die optimale Lackhaftung auf dem Aluminium ist das Ergebnis der so genannten Coil-Coating-Technologie, das heißt des kontinuierlichen Walzenauftrages vom Lack in einer großindustriellen Breitbandlackieranlage.
Zwei- bis vierfach wird eine Lackschicht jeweils separat bei hohen Temperaturen eingebrannt. Die Materialrückseite wird mit einem Schutzlack beschichtet, der gegen eventuelle korrosive Einflüsse durch Schwitzwasser oder Dampfdiffusion der verlegten Schare wirkt.
Farb- und Wölbeffekte
Beim Sportkomplex in Odessa wählte der Architekt die Sonderfarbe Azurblaumetallic. Diese spezielle PVdF-Farbe ist nicht nur im Metallic-Look ausgeführt, sondern zeigt sich als so genannte „Shine-Farbe“ in verschiedenen Farbnuancen, je nach Betrachtungswinkel und der Reflektion der Sonnenstrahlen. So meint man am Morgen ein Blau zu sehen, welches sich jedoch im Laufe des Tages zu einem scheinbaren Kupferfarbton entwickeln kann mit diversen Nuancen zwischen beiden Extremen.
Dieser Effekt wird noch verstärkt durch eine erstmals bei diesem Projekt im großen Stil eingesetzten technischen Neuentwicklung aus dem Hause Dr. Mirtsch GmbH, Teltow. Die so genannte „Wölbstrukturierung“ gibt dem Material nach dem Vorbild der Natur verschiedene Betrachtungswinkel durch die hexagonale und dreidimensionale Strukturierung vor.
Prof. Dr. Frank Mirtsch, Hochschullehrer an der Technischen Fachhochschule Berlin, befasst sich mit dem Phänomen selbstorganisierter, dreidimensionaler Strukturen in dünnen Flachmaterialien verschiedenster Art. Hintergrund ist die Bionik, die der Natur die effektive Leichtbautechnik absieht.
Hierzu Prof. Dr. Mirtsch: „Wir haben festgestellt, dass sich dünnes Material wie Blech und Folien aller Art am einfachsten und am besten versteift, wenn es sich unter minimaler hydraulischer Belastung quasi von selbst in die dritte Dimension verformt. Dabei entstehen selbstorganisierend durch den „Plopp–Effekt“ regelmäßige sechseckige Strukturen, die dem dünnen Material eine hohe Formsteifigkeit (Biegesteifigkeit) verleihen. Dieser Prozess der Selbstorganisation basiert auf den typischen Prinzipien natürlicher Strukturbildungen“.
Bei dem „Wölbstrukturieren“ genannten Verformungsprozess bleibt die Metalloberfläche einschließlich des Lackes vollkommen beschädigungsfrei erhalten im Gegensatz zu herkömmlichen Metallprägungen mittels Druck, der über Walzendessinierungen zur Verformung eingesetzt wird.
Im Fall des Sportkomplexes in Odessa wurden die Falzonalbänder in der Abmessung 0,7 x 600 mm zunächst bei Dr. Mirtsch GmbH wölbstrukturiert, dann zugeschnitten und später entsprechend den erarbeiteten Detailplänen verfalzt. Die gesamte weitestgehend vorgefertigte Metalldachhaut wurde anschließend per LKW an die Baustelle angeliefert.
Die Montage erfolgte als nichtbelüftete Konstruktion. Als tragende Unterkonstruktion wurde ein Trapezblech eingesetzt, während die Wärmedämmung aus Foamglas® besteht.
Weitere Informationen
Wölbstrukturierte Falzonalbänder bba 515
Architekt: Juriy Serjogin, Kiew, Ukraine
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