Neubau einer Berufsschule in Den Haag

Im Sinne von Mondrian

In Den Haag wurde ein ungewöhnlicher Schulneubau für den lokalen Bildungsträger ROC Mondriaan fertig gestellt. Für die Fassadengestaltung des langgestreckten Entwurfs verwendete das Büro LIAG geometrisch aneinander gefügte Rahmen aus weißem, schalungsglattem Beton. Einige davon um-schließen quadratische Fenster, andere nehmen farbige Elemente in den fünf „Mondrian-Grundfarben“ auf.

Robert Uhde

Wenn national oder international von niederländischer Architektur die Rede ist, dann dominieren dabei zumeist die beiden Metropolen Amsterdam und Rotterdam. Die drittgrößte Stadt des Landes, der 500 000 Einwohner zählende Regierungssitz Den Haag, spielt dagegen eher selten eine Rolle. In unmittelbarer Nähe zum Bahnhof wurde dort zuletzt ein ungewöhnlicher Neubau für die Berufsschule ROC Mondriaan fertiggestellt. Das an der Kreuzung Waldorpstraat/Leeghwaterplein direkt neben dem bestehenden Standort der Schule platzierte Gebäude integriert auf einer Bruttogeschossfläche von 30 000 m² unterschiedlich große Lehrräume für die verschiedenen Ausbildungsangebote der Einrichtung.
Bauherr des Projekts ist das zur Niederländischen Bahn gehörende Unternehmen NS Poort, das landesweit die Umnutzung ehemaliger Bahnflächen vorantreibt. Nach der Entscheidung, das leer stehende Bahngrundstück für einen ROC-Neubau zu nutzen, hatte das Unternehmen 2009 in enger Absprache mit der Schule das Büro LIAG mit der Planung des Projekts beauftragt. Das seit fast einhundert Jahren bestehende Büro war 1919 durch Dirk Roosenburg gegründet worden; der 1962 verstorbene Architekt gilt als einer der Pioniere der Niederländischen Moderne und ist überdies der Großvater von Rem Koolhaas.
CI-gerechte Fassadengestaltung
Ausgehend von der viel befahrenen Grundstückslage zwischen der nördlich angrenzenden Bahnlinie und der südlich verlaufenden Waldorpstraat mit ihren bis zu 15 Geschossen hohen Büro- und Geschäftsgebäuden haben die Architekten den maximal fünfgeschossigen Neubau als langgestrecktes, an vielen Stellen abrupt zurückspringendes Volumen mit unterschiedlichen Geschosstiefen und mit markant gestalteter Außenhülle geplant. Das durchgehende Fassadenraster mit den horizontal wie vertikal nebeneinander liegenden quadratischen Betonrahmen im Format 1,80 x 1,80 bzw. 1,80 x 3,60 m ermöglicht dabei eine flexible Innenraumaufteilung und schafft gleichzeitig eine deutliche städtebauliche Aufwertung des ansonsten nur wenig ansehnlichen Standortes.
„Ursprünglich hatten wir eigentlich einen Backsteinentwurf vorgesehen“, berichtet Projektarchitekt Erik Schotte. “Nach sechsmonatiger Diskussion mit der für Gestaltungsfragen zuständigen Welstandscommissie haben wir uns dann allerdings für eine grundlegende Überarbeitung unseres Entwurfes und für eine Gestaltung mit Betonrahmen entschieden.“ Einige der strahlend weißen Betonrahmen umschließen quadratische Fenster, die in Ergänzung zu einigen großen Fensterflächen für ausreichend Tageslicht im Innenraum sorgen. Die übrigen Rahmen fassen opake Glaselemente ein.
„Die farbige Gestaltung der Elemente in den Tönen Rot, Blau, Gelb, Hellgrau und Dunkelgrau verweist dabei ganz bewusst auf die Ästhetik der Künstlergruppe De-Stijl und auf Piet Mondrian, dem Namensgeber der Schule. Auf diese Weise fungiert die Außenhülle letztlich als überdimensioniertes architektonisches Logo des ROC Mondriaan“, erklärt Erik Schotte das Konzept.
Die verschiedenen Farben haben die Architekten ganz bewusst unregelmäßig auf der Fassade angeordnet, um das strenge Fassadenraster aufzubrechen und das Ergebnis wie zufällig erscheinen zu lassen. Die eigentliche Höhe sowie die Geschossgliederung des Schulgebäudes lassen sich aus dem abstrakten Fassadenraster nur schwer ablesen. Der Neubau erscheint so beinahe ohne Maßstab – auch das eine intelligente städtebauliche Antwort auf den bestehenden Kontext.
Bauen mit Betonfertigteilen
Um eine kostengünstige Lösung zu erzielen, wurde die Fassade des Gebäudes aus massiven dreiteiligen Sandwich-Elementen im Format von 3,60 x 3,60 m zusammengesetzt (im Bereich der Fenster wurden alternativ einfache Rahmen verwendet). Die jeweils 75 cm dicken und 14 t schweren Elemente integrieren neben der markant gestalteten Außenhülle auch die komplette Tragkonstruktion sowie die Dämmung. An der Außenhülle selbst wurden jeweils vier Rahmen aus weißem, schalungsglatten Beton eingearbeitet – „die tief zurückliegenden Glaselemente im Inneren der Rahmen wurden dabei bereits ab Werk mit einbetoniert“, erklärt Erik Schotte. Die Betonfertigelemente werden von von Hering Bau gefertigt.
Die farbigen Glaselemente sind von Betoglass. Physikalisch ermöglicht der Polytransmitter die Verbindung unterschiedlicher Baustoffe. Seine Aufbringung erfolgt werksintern. Betoglass kann anbetoniert oder bauseits für Wand und Boden wie eine Fliese appliziert werden. Durch seine rissüberbrückenden Eigenschaften bieten sich wirtschaftliche Lösungen im Sanierungsfall an. Passend dazu wurden für den Schulneubau Fassadenprofile von Schüco ausgewählt: FW60+ und AWS 65.
Arkade im Sockelbereich
Ein weiteres auffälliges Detail im Außenbereich des Neubaus ist der um 5,40 m zurückversetzte Sockel in den beiden unteren Geschossen. In Verbindung mit den tragenden Stützen sowie einigen größeren Fensterflächen haben die Architekten so eine langgestreckte Arkade entlang der Waldorpstraat geschaffen. Die Deckenelemente wurden dabei in der gleichen Struktur wie die Fassade ausgebildet. Neben ihrer städtebaulichen Funktion als Fußweg zwischen Bahnhof und einem angrenzenden Einkaufszentrum fungiert die Arkade gleichzeitig als repräsentativer Eingangsbereich der Schule. Die direkt angrenzende Bushaltestelle sowie der angrenzende Bahnhof ermöglichen dabei eine optimale Anbindung und Erreichbarkeit des Gebäudes. Zusätzlich wurde eine Fußgängerbrücke über die Waldorpstraat errichtet, um eine direkte Verbindung zum südlich angrenzenden Altbaukomplex des ROC Mondriaan zu schaffen.
Flexibler Innenraum
Für den Innenraum der Schule wurde entsprechend der Fassadenaufteilung ein Raster von 1,80 x 1,80 m zugrunde gelegt. Funktionales Herzstück sind dabei die beiden getrennt nutzbaren Foyers im Zentrum des Gebäudes, die eine unabhängige Erschließung sämtlicher Unterrichtsräume in den verschiedenen Bereichen des Gebäudes ermöglichen.
„In Verbindung mit einer stützenfreien Überspannung zwischen der Fassade und den Foyerwänden in Form einer Spannbetonhohldecke haben wir in sämtlichen Bereichen flexible Grundrisse für die unterschiedlichen Funktionen erhalten“, erklärt Erik Schotte. „Bei Bedarf ist es sogar möglich, das Gebäude später eventuell als Bürogebäude oder als kombiniertes Schul- und Bürogebäude nutzen zu können.“
Je nachdem, wie sich die Zahl der Berufsausbildenden in den kommenden Jahren und Jahrzehnten verändert.
Planung: LIAG, Den Haag | NL Projektteam: Erik Schotte, Esther Klausen, Carina Nørregaard, Peter Donkers, Martin Pasman