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Im historischen Gewand

Umbau und Generalsanierung der Neuen Galerie in Kassel
Im historischen Gewand

Im Rahmen eines rund 200 Millionen Euro umfassenden, hessischen Investitionsprojektes findet derzeit eine grundlegende Neuordnung und Sanierung der Kasseler Museen statt. Die „Neue Galerie“ wurde als erstes Projekt fertig gestellt. Dabei wurden außen nur Dach-oberlichter und Fenster erneuert, während eine Lichtdecke Tageslicht in die Innenräume bringt. Ursprüngliche Strukturen konnten erhalten oder wieder hergestellt und durch ein stimmiges Licht- und Raumkonzept optimiert werden.

Anne Fingerling | be

Das historische Gebäude wurde zwischen 1871 und 1877 nach dem Vorbild der Alten Pinakothek in München errichtet, mit zentralem Mitteltrakt im Erdgeschoss und Obergeschoss sowie seitlich angeordneten Lichtkabinetten. Im zweiten Weltkrieg zerstörte eine Bombe den östlichen Eckpavillon mit dem großzügigen und prächtig ausgestatteten Treppenhaus. Das Innere des Gebäudes brannte zum großen Teil aus. Der Wiederaufbau der Ruine erfolgte erst ab 1965 bis 1976.
Bei der aktuellen Generalsanierung galt es vor allem, den technischen und gestalterischen Anforderungen an ein modernes Museum gerecht zu werden und zugleich den ursprünglichen Charakter des historischen Gebäudes wieder klarer hervorzuheben. Die Umgestaltung erfolgte nach den Plänen des Berliner Architekturbüros Volker Staab.
Die Außenhülle des Gebäudes im Stil der Neorenaissance blieb weitgehend unverändert erhalten, abgesehen vom vollständig erneuerten Dachoberlicht und den Fenstern. Die Erschließung erfolgt nun wieder über den östlich gelegenen „Kopfbau“ mit seinem neu hinzugewonnenen Foyer; einem lichten, großzügig gestalteten Empfangsbereich.
Materialentscheidungen aus früheren Umbaumaßnahmen wurden revidiert, um ein durchgängiges Ausstellungskonzept zu realisieren und die vielfältigen Raumgruppen zu einer neuen Einheit zusammenzuführen.
Das gesamte Gebäude erhielt eine Fußbodenheizung; „der neue geschliffene Betonboden fungiert als aktiver Heiz- und zugleich Kühlkörper“, so Per Pedersen von Staab Architekten. Der einheitliche Belag aus hellgrauem, geschliffenem Beton (Terraplan von Dyckerhoff Weiß) mit Zuschlägen aus hellem Carrara-Marmor erstreckt sich vom Foyer über die Treppen durch alle Ausstellungsbereiche und verbindet sie somit zu einer räumlichen Einheit. Auch die Brüstungen im Treppenaufgang sind in geschliffenem Sichtbeton belassen; „als würden sich die Brüstungen aus dem Material der Treppenstufen heraus entwickeln“, erklärt Per Petersen die Idee. Handläufe und sämtliche Einbauten im Foyerbereich wurden in heller Räuchereiche ausgeführt und setzten sich optisch von den übrigen Flächen ab.
Rundgang
Dem Foyer schließen sich drei nebeneinander liegende Räume an. Im Bereich des mittleren Raumes befand sich zuvor das zentral angeordnete Treppenhaus sowie der Zugangssteg zum Beuys-Raum. Diese Erschließungszone aus den 1970er Jahren war eine der aus heutiger Sicht fragwürdigen Entscheidungen, durch deren vollständigen Wegfall zusätzlicher Ausstellungsraum gewonnen werden konnte.
Der empfohlene Rundgang im EG beginnt im nordöstlich gelegenen Seitenkabinett mit den sogenannten Kuppelräumen, eine Abfolge seitlich belichteter, überwölbter Kabinette mit Gemälden des 19. Jahrhunderts. Ein Verbindungsraum am Ende des Seitenkabinetts schließt den Rundgang im Erdgeschoss und öffnet sich, analog zum Foyerbereich, über einen Lichthof zum OG hin.
Der Rundgang führt den Besucher weiter zur Loggia – ein Gestaltungselement aus dem 19. Jahrhundert. Sie findet als Wandelhalle im OG ihre Entsprechung und bietet reizvolle Ausblicke. Zugleich dienen diese Bereiche als notwendige Pufferzonen für die klimatisierten Ausstellungsräume. Die großformatigen Fenster in der Wandelhalle bzw. Loggia sind mit besonders effizienten Wärmeschutzgläsern (U-Wert 1,1; g-Wert 0,23 – 0,43) von Steindl ausgestattet.
Speichermasse
Die aus der Umbauzeit in den 60er und 70er Jahren stammenden Leichtbauwände aus Gipskarton wurden entfernt und durch gemauerte Wände ersetzt. Durch deren Speicherfähigkeit lassen sich stärkere Temperaturschwankungen vermeiden. Abschließend sind alle Flächen verputzt und gestrichen; eine auf die Ansprüche der Sammlung fein abgestimmte Variation von Weiß und Grau bestimmt das Gesamtbild. Der Grundriss des EG setzt sich im OG fort; in Anlehnung an die historische Planung. Auch hier lassen sich innerhalb der klaren, linearen Struktur einzelne Raumgruppen bilden und zusammenschließen. Herzstück und zugleich Höhepunkt sind die zentralen Oberlichtsäle mit den neuen Lichtdecken.
Neue Dachkonstruktion
Das alte Stahldach war außen auf der Glasebene mit völlig vergilbten Plastikscheiben, sogenannten Stegplatten, belegt. Die historische Struktur war nicht tragfähig genug und musste neuen statischen Erfordernissen entsprechend durch eine neue Stahlkonstruktion aus Stahlfachwerkbindern ersetzt werden. Die Dachflächen, Konstruktion von Lamilux, sind mit einer speziellen Verglasung mit einem g-Wert von 0,15 versehen, in deren Scheibenzwischenraum ein Prismensystem integriert ist, welches das direkte Sonnenlicht reflektiert und das diffuse Licht in die Räume leitet (Siteco: „stationäres Prismensystem“). Eine direkte Besonnung der Kunstwerke sowie unerwünschte Wärmestrahlung werden also verhindert . Eine weitere, darunter liegende Ebene besteht aus einer Klimaverglasung und trennt den Dachraum thermisch vom Ausstellungsraum. Schließlich folgt abschließend die in den Ausstellungsräumen sichtbare Staubdecke. Die satinierten Kunststoffscheiben (Marvel Satino) der Lichtdecken sorgen dafür, dass die Qualität des Tageslichtes erhalten bleibt, jedoch gleichmäßig streut.
Fazit
Obgleich die vorhandene Architektur wenig Freiraum für eine Umgestaltung zu einem zeitgemäßen Museumsbau ließ, gelang es, das vorhandene Potenzial auszuschöpfen und den originären Charakter des Gebäudes wieder deutlicher hervorzuheben. Es hat sich gezeigt, dass die historisch überlieferte Struktur auch für die Präsentation moderner Kunst funktioniert. Die klare, architektonische Linienführung in Verbindung mit einem in sich stimmigen Licht- und Raumkonzept machen den Museumsbesuch zum genussvollen Kunst-Erlebnis.
Architekturbüro: Staab Architekten, Berlin Bauleitung: Atelier 30 Architekten, Kassel Statik: Fehling und Jungmann, Kassel
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