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Wolken versus Gleichförmigkeit

Neubau eines Mehrfamilienhauses in Tübingen
Wolken versus Gleichförmigkeit

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In Tübingen fand sich eine Baugemeinschaft zusammen, um ein individuelles Wohnhaus in kinderfreundlichem Umfeld zu bauen. Mit Christoph Manderscheid als Architekten entstand ein Mehrfamilienhaus, dessen Fassade – und nicht nur die – sich deutlich vom Umfeld abhebt. Grund hierfür ist u.a. ein historischer Kalkputz mit warmer, wolkiger Farbgebung.

Guido Wollenberg | jo

Die Baugemeinschaft „En Familie“ besteht aus acht Familien. Zusammengeführt hat sie der Wunsch, optimal auf ihre Bedürfnisse abgestimmte Eigentumswohnungen zu bauen. Die passenden Partner fanden sie in dem Stuttgarter Architekten Christoph Manderscheid und in Lucia Landenberger aus Tübingen, die die Projektsteuerung übernahm. Christoph Manderscheid, der viel Erfahrung im Bereich der Sanierung von historischen Gebäuden gesammelt hat, ist von der Optik und der Funktionalität von Kalkputz überzeugt. So schlug er der Baugemeinschaft vor, dem Neubau mit einem Kalkputz einen ganz eigenen Charakter zu verleihen. Während diese etwas ungewöhnliche Vorgehensweise bei einem Bauträger wohl eher auf Ablehnung gestoßen wäre, ließ sich die Baugemeinschaft begeistern.
Das Gebäude gehört zum Tübinger Wohnentwicklungsgebiet „Alte Weberei Lustnau“. Es liegt an einem Platz im Zentrum der neu entstehenden Wohn- und Gewerbeflächen des Erschließungsgebiets. Neben den Wohnungen beherbergt es auch ein Eltern- und Kind-Café und eine Keramikwerkstatt. Das Café wird von mehreren Elternteilen gemeinsam betrieben und die Werkstatt gehört ebenfalls einer Eigentümerin. Diese gewerbliche Nutzung war Voraussetzung für die Baugenehmigung, da die Stadt hier eine Mischnutzung verwirklichen möchte.
Flexibler Ansatz
Das Projekt umfasst acht Wohnungen mit Größen zwischen 100 und 140 m². Die Preise liegen zwischen 2 100 und 2 600 €/m2 inklusive Grundstück und Nebenkosten. Die Differenz wird durch die Lage der Wohnungen bestimmt. Im Erdgeschoss mit Gartennutzung und in den oberen Stockwerken, die zusätzlich über Dachterrassen verfügen, liegen die Preise etwas höher. Die Wohnungen sind an eine lokale, regenerative Primärenergiequelle angeschlossen. Eine nahe gelegene Kläranlage liefert eine günstige Wärmeversorgung aus der Verstromung des Klärgases.
Das kam der Baugemeinschaft entgegen, da sich so auch bei der Wärmedämmung ein Mittelweg finden ließ. Das Gebäude entspricht dem Energiestandard KfW 70 und verzichtet bewusst auf einen noch höheren und teureren Wärmeschutz.
Erkennbare Materialien und Verarbeitung
Von außen betrachtet sticht das Gebäude durch seinen wolkigen Putz sowie Erker und Balkone aus Lärchenholz aus dem baulichen Umfeld hervor. Für Christoph Manderscheid ist dabei die Frage nach der Beschaffenheit der verwendeten Materialien von großer Bedeutung. Was strahlen sie aus und welche Atmosphäre entsteht?
Generell baut er gerne mit naturnahen Materialien, die nicht absolut gleichmäßig aussehen. Die Verarbeitungsweise sollte auch im Nachhinein erkennbar bleiben.
Mit Vorliebe setzt er Beton, Holz und durchgefärbtem Putz ein: „Der Hang zu diesen Materialien und Verarbeitungsweisen kommt sicherlich auch aus unser Erfahrung mit der Altbausanierung“, erklärt Manderscheid. „Der Umgang mit historischen Materialien und die Abstimmung der Sanierung auf die alte Bausubstanz haben uns geprägt.“
Aus dieser Historie stammt auch seine Sympathie für den Kalkputz. Dabei überzeugen ihn nicht nur die leuchtende Farbigkeit und die ästhetische Oberflächenanmutung der Fassade, die sich mit dem Lichteinfall immer wieder verändert. Im Laufe der Jahre hat er auch festgestellt, dass sich auf einem Kalkputz weniger Mauerspinnen ansiedeln, dass die Oberfläche weniger schnell verschmutzt und dass der Algen- und Pilzbefall auch ohne Einsatz biozider Wirkstoffe weitgehend ausbleibt.
Für das Projekt in Tübingen hat Manderscheid den historischen Kalkputz NHL-P von tubag eingesetzt. Als entscheidend für die Zusammenarbeit erwies sich, dass tubag über die Technik verfügt, den Oberputz individuell auf Wunsch des Kunden durchzufärben, denn auf einen zusätzlichen Anstrich der Fassade wollte er gerne verzichten.
Kalkputz im Neubau: Eigenständige Anmutung
Der Farbigkeit des Oberputzes widmeten Architekt und Baugemeinschaft besondere Aufmerksamkeit. So wurden in Zusammenarbeit mit tubag ca. 15 Musterflächen angelegt.
Grundlage für den Putz bildeten Wände aus einem Schalungsstein-System mit Blähton-Schale und einer integrierten Polystyrol-Kerndämmung. Darauf kam zunächst als Grundputz ein Trass-Kalk-Leichtputz, der TKP-L von tubag. Der Trass-Kalk-Leichtputz ist ein rein mineralischer Putz, der durch die Trassbeigabe leicht zu verarbeiten ist und als Grundputz im Innen- und Außenbereich eingesetzt werden kann. Der diffusionsoffene und feuchteregulierende Putz wurde maschinell in einer durchschnittlichen Stärke von 12 mm aufgespritzt. Nach einer Standzeit von ca. vier Wochen brachten die Fachhandwerker den NHL-P in gleicher Stärke auf, einen Kalkputz mit natürlich hydraulischem Kalk als Bindemittel. Auch bei dem NHL-P handelt es sich um einen rein mineralischen und leicht zu verarbeitenden Putz, der diffusionsoffen und feuchteregulierend wirkt. Bei Bedarf kann er, so wie in Tübingen, wasserabweisend eingestellt werden.
Durch den biozidfreien Schutz vor Algenbefall, Ausblühungen und Mauerspinnen eignet er sich auch für Neubau-Projekte, wenn die besondere Anmutung des Kalkputzes zum Gebäude passt.
Als Ergebnis der Experimente mit der Farbigkeit wurde der NHL-P mit einer Kombination aus Ziegelmehl und rotem Eisenoxid eingefärbt.
Wichtig war dem Architekten über die Farbanmutung hinaus, dass nach der Verarbeitung die Kornstruktur des Kalkputzes deutlich hervortreten sollte. So wirkt der Putz nicht nur optisch
durch seine wolkige Struktur, sondern auch haptisch einem allzu gleichförmigen Erscheinungsbild entgegen.
Für zusätzliche farbliche Abwechslung sorgt ein grauer Sockelputz, der im Kellenwurf aufgebracht wurde. Stellenweise zieht er sich vom Sockel bis zur Erdgeschossdecke hoch: Er umschließt die großen Fensterflächen von Café und Keramikwerkstatt genauso wie die beiden Eingänge des Gebäudes.
Einen weiteren Akzent setzen kleine dunkle Farbfelder über den Fenstern im obersten Geschoss. Sie laufen bis hoch zur Dachkante und wurden extra mit etwas schwarzem Eisenoxid abgedunkelt, um optisch an Zinnen zu erinnern.
Architekt: Christoph Manderscheid, Projektleitung: Silke Koch, Manderscheid Partnerschaft, Stuttgart Projektsteuerung Baugemeinschaft: Lucia Landenberger, Projektsteuerung, Tübingen


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