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Kein Zerspringen dank Schmelzventil

An- und Neubau eines Einkaufs-, Kultur- und Gastronomiezentrums in Budapest
Kein Zerspringen dank Schmelzventil

Ein neues Gebäude lockt am Budapester Donauufer zum Einkaufen, Kultur und Gastronomie. Die Realisierung der frei geformten Gebäudehülle stellte hohe Anforderungen an alle am Bau Beteiligten. Für den baulichen Brandschutz sorgt unter anderem eine raffinierte Konstruktion aus Spezialglas.

Anne-Marie Ring, München | be

In prominenter Lage in Budapest, zwischen Freiheitsbrücke und Petöfibrücke am Pester Donauufer, bereichert eine fantasievolle Bauskulptur die Silhouette der Donaumetropole. Mit dem gläsernen „Wal“, wie das im Oktober 2013 eröffnete Einkaufs-, Kultur- und Gastronomiezentrum „Bálna“ im Volksmund genannt wird, setzen die Stadtväter auf den „Bilbao-Effekt“.
Den 2006 international ausgeschriebenen Architekturwettbewerb zur Revitalisierung der in unmittelbarer Nähe der Donau gelegenen Brachfläche konnte das niederländische Büro Kas Oosterhuis, Rotterdam, für sich entscheiden. Oosterhuis überzeugte die Jury mit einem Entwurf, der die denkmalgeschützten Lagerhallen von 1881 in eine Konstruktion aus Stahl und Glas einbindet, welche sich über eine Länge von rund 150 m entwickelt. Es ist diese Mischung aus alt und neu, die dem Gebäude seinen besonderen Charakter verleiht, wenn auch Oosterhuis‘ Entwurf nicht in der von ihm gewünschten Form umgesetzt wurde: Anstelle der ursprünglich geplanten, von der Primärkonstruktion getrennten Verglasung wurde die äußere Hülle schließlich direkt auf die stählernen Rundrohre aufgebracht. Dieser Aufbau wurde nach Plänen der AFC GmbH, Wien, realisiert.
Nutzungskonzept
Die gläserne Außenhülle überspannt eine Netto-Gesamtfläche von über 26 000 m2, die sich auf das Erdgeschoss, vier oberirdische und drei unterirdische Etagen verteilen. Besucher betreten den „Wal“ an den jeweiligen Giebelseiten. Die aus Backsteinen gemauerten Eingangsbogen zu den Geschäften lassen die ursprüngliche Substanz der denkmalgeschützten Lagerhallen von 1881 erkennen, die in die Stahl-Glas-Konstruktion eingebunden wurden. Das Innere ist lichtdurchflutet, der Boden der oberen Etagen mit Parkett belegt, was man in einer Shoppingmall nicht erwarten würde. Aber das will der „Wal“ auch gar nicht sein, sondern vielmehr ein Zentrum für „Kultur, Unterhaltung, Gastronomie und Handel“. Das im Erdgeschoss gelegene Restaurant bietet einen ungestörten Blick auf die nahe Donau, die darüber liegenden Etagen sollen künftig als Ausstellungs- und Veranstaltungsflächen genutzt werden.
Als einer der ersten Nutzer hat sich die „Neue Galerie Budapest“ angesiedelt, deren erste permanente Ausstellung unter dem Titel „Eintauchen in Budapest“ sicher nicht zufällig eine Anspielung auf die Gebäudeform ist: Die Galerie hat es sich zum Ziel gesetzt, das herausragende Zentrum der Bildenden Künste von Budapest zu werden.
Brandschutzkonzept
Die beschichtete Stahlkonstruktion erfüllt die Brandschutzanforderung E (G) 30. Das von Dr. Lajos Gábor Takács, Budapest, entwickelte Brandschutzkonzept unterteilt das Gebäude in 19 Brandabschnitte. An Deckenabschnitte, die nicht über einem Fluchtweg liegen, wurden keine besonderen Brandschutzanforderungen gestellt; hier durften jedoch ausschließlich nicht brennbare Materialien verwendet werden. Bereiche, die Fluchtwege überdecken, mussten der Brandschutzanforderung E (G) 30 genügen. In diesen Bereichen kam das Spezialglas Pyran S von Schott Technical Glass Solutions zum Einsatz. In den Zwischenraum der Isolierglasscheiben wurden jeweils zwei Schmelzventile eingebaut. Diese schmelzen im Brandfall auf und es entsteht eine Öffnung, durch die die Luft des Scheibenzwischenraums nach außen entweichen kann.
Schmelzventile kommen immer dann zum Einsatz, wenn die Gegenscheibe zur Brandschutzscheibe ebenfalls ein vorgespanntes Glas ist. Sie stellen sicher, dass die Scheiben im Brandfall nicht durch den erhöhten Innendruck im Scheibenzwischenraum zerspringen.
Die mechanische Festigkeit von vorgespanntem Floatglas ist so hoch, dass es ohne diesen Druckausgleich nicht gewährleistet wäre, dass in der ersten Phase des Brandes die Gegenscheibe und nicht die Brandschutzscheibe zerspringt, wie es bei einem einfachen Floatglas als Gegenscheibe der Fall ist.
Die Eignung dieser von der Bauwag Bt, Budapest, in Zusammenarbeit mit Orosházaglas Kft., Orosháza, vorgeschlagenen und entwickelten Sonderkonstruktion war zuvor in zwei Brandprüfungen – in waagrechtem und in geneigtem Zustand – nachgewiesen worden.
Der Scheibenaufbau (von unten nach oben: VSG aus 8 mm Pyran S/1,52 mm PVB/6 mm Float/20 mm SZR mit zwei Schmelzventilen/10 mm ESG Sunguard neutral 62) kombiniert die Brandschutzanforderungen (innen) mit einem (außen liegenden) Sonnenschutzglas. Pyran S ist ein monolithisches, thermisch vorgespanntes Borosilicatglas nach DIN EN 13024–1. Als Bestandteil von Brandschutzverglasungen der Feuerwiderstandsklassen E (G) 30, E (G) 60, E (G) 90 und E (G)120 bewährt es sich seit Jahren am Markt. Es eignet sich darüber hinaus für Anwendungen mit multifunktionalen Anforderungen wie z. B. Wärme-, Sonnen- und Schallschutz. Gemeinsam mit Systempartnern entwickelt die Schott Technical Glass Solutions GmbH Konstruktionen mit Pyran S, die international zugelassen und hervorragend für den Einsatz in Stahl-Glas-Fassaden wie der des „Wals“ geeignet sind.
Die Orosházaglas Kft. produzierte insgesamt 1 300 großformatige, dreieckige Isolierglaselemente. Davon waren 405 aus Pyran S, die je nach Lage im Gebäude mit dreieckigen Aluminium-Sandwichpaneelen wechseln.
Entwurf: Kas Oosterhuis, Ilona Lénárt, Rotterdam und ONL Hungary Kft. (Kas Oosterhuis, Ilona Lénárt), Budapest Bauleitung: Bánáti + Hártvig Architect Kft., Budapest Statik: Péter Markovics, MTM Kft., Budapest Brandschutzkonzept: Dr. Lajos Takács, Budapest
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