Neubau eines Spielplatz-Pavillons in Utrecht

Spielerisch stimulieren

Im niederländischen Utrecht gibt es einen neuen Kinderspielplatz mit Pavillon. Der minimalistische Neubau der Amsterdamer Architekten Mulders vandenBerk schafft einen bei Wind und Wetter nutzbaren Aufenthaltsort für die Kinder des angrenzenden Quartiers. Aus der Nähe wird dabei die filigrane Oberflächengestaltung der Fassade mit stilisierten Abbildungen von Märchenfiguren aus aller Welt sichtbar.

Robert Uhde

Einst galt das seit Ende der 1950er-Jahren im Südwesten von Utrecht entwickelte Quartier Kanaleneiland als Musterbeispiel für eine moderne Stadterweiterung nach den Idealen des Funktionalismus. Doch seit den 1990er-Jahren hat sich der rund 30 000 Einwohner zählende Stadtteil zunehmend zu einem Problemviertel mit hoher Arbeitslosigkeit und hohem Migrantenanteil entwickelt. Deshalb werden seit 2007 vermehrte Anstrengungen zur Verbesserung der Wohnqualität vor Ort realisiert. Eine der zahlreichen Maßnahmen war dabei die Errichtung eines neuen Spielplatzes mit einem bei Wind und Wetter nutzbaren Aufenthaltsraum für Kindern unter zwölf Jahren.
Mit der Umsetzung des Projekts war das Amsterdamer Büro Mulders vandenBerk Architecten beauftragt worden. Um den neuen Pavillon möglichst gut in die Umgebung zu integrieren und gleichzeitig einen ruhigen Gegenpol zu der Lebendigkeit der Kinder zu schaffen, entwickelten die Projektarchitekten Joost Mulders und Chris van den Berk eine minimalistisch gestaltete eingeschossige Box mit schlichten weißen Fassaden:
„Die vier großen Fensterfronten und die zentrale Lage mitten auf dem neuen Spielplatz schaffen einen fließenden Übergang von innen nach außen und ermöglichen den Kindern gleichzeitig einen guten Überblick über den Spielplatz und die angrenzende Umgebung“, erklärt Chris van den Berk das grundlegende Konzept. Die Erschließung des in Fertigbauweise als Holzskelettbau errichteten Baukörpers erfolgt über einen kleinen Eingangsflur in Richtung Osten.
Der Länge nach untergliedert ist der unmittelbar anschließende Innenraum in drei gleich große Spielbereiche. Die bewusst reduzierte Ausstattung beschränkt sich dabei auf wenige zwei- oder dreidimensionale geometrische Elemente zum Sitzen, Spielen, Ordnen oder an die Wand Befestigen:
„Statt den Kindern also ein überbordendes Angebot an Spielen zu präsentieren, wollten wir sie ganz bewusst dazu stimulieren, eigenständig kreativ zu werden“, so Chris van den Berk.
Der mittlere, von zwei Seiten aus einsehbare Raum wurde mit großen Farbfeldern an Wand und Boden in den Farben Blau, Gelb, Rosarot und Grün gestaltet, der nach Süden gelegene Raum bietet einen orangefarbenen Boden sowie Wände in Orange und Schwarz. Der nach Norden gelegene Abschnitt präsentiert sich im Kontrast mit hellen beige-farbenen Wänden und mit einer großen Magnettafelwand. Als weitere Funktionen integriert der Pavillon eine Küchenzeile im zentralen Spielraum, einen Technik-Kern, ein WC sowie ein kleines Büro mit eigenem Zugang nach außen.
Grafisch gestaltete Fassade
Eine weitere „Spielfläche“ zur Imagination und zur kindlichen Entdeckungsreise bietet die Außenfassade des Pavillons. Aus der Entfernung erscheint die Hülle zunächst schlicht weiß, beim Näherkommen lassen sich aber zahlreiche grafische Figuren erkennen, die in die Hülle gefräst sind. Neben der grafischen Bearbeitung der Fassade gehörte dabei bereits der Prozess der Motivsuche zum Gestaltungskonzept.
Denn um die geeigneten Darstellungen auszuwählen, hatte das mit der Gestaltung der Fassade beauftragte Büro DesignArbeid aus Amsterdam die Kinder des Quartiers vorab nach ihren Lieblingsfiguren aus Märchen und Erzählungen befragt. Aus Grimms Märchen wurden dabei Schneewittchen, Rapunzel und Rotkäppchen genannt. Daneben haben wurden aber auch Abbildungen vom türkischen Nasreddin oder vom niederländischen Sint Maarten aufgenommen. „Das Zusammenspiel der verschiedenen Figuren soll dabei symbolisch das friedliche Zusammenleben von Menschen aus unterschiedlichsten Nationen befördern“, so Chris van den Berk. Als Namensgeber des Spielplatzes wählten die Kinder schließlich die Figur des „Anansi“ aus – eine mythologische Figur aus Westafrika, die als Schöpfer von Sonne, Mond und Sternen beschrieben wird.
Technische Umsetzung
Im nächsten Schritt wurden die ausgewählten Figuren als stilisierte Darstellungen grafisch umgesetzt. Im Zusammenspiel der unterschiedlichen Figuren entstand dabei ein puzzleartiges, auf den ersten Blick beinahe abstraktes grafisches Liniennetz, aus dem sich nach und nach die einzelnen Charaktere ablesen lassen. Um das ungewöhnliche Gestaltungskonzept anschließend für die Fassade des Pavillons umsetzen zu können, hatten die Architekten vorab spezielle weiße Acrylplatten als Material für die Außenhülle ausgewählt (DuPont Corian in Glacier White).
Das porenlose, homogene Oberflächenmaterial auf Basis von Acrylharz zeichnet sich durch eine angenehm glatte Oberflächenhaptik aus. Es lässt sich somit nicht nur fugenlos bearbeiten und problemlos reinigen, sondern außerdem auch praktisch in jede denkbare Gestalt verformen – „eine ideale Voraussetzung, um die Grafiken vorab im Werk mit einer CNC-Fräse direkt auf die 12 Millimeter starken, jeweils 0,95 x 3,5 Meter großen Platten fräsen zu können“, erklärt Chris van den Berk.
Auf der Baustelle vor Ort brauchten die werkseitig bearbeiteten Platten dann lediglich noch auf der oberhalb der Holzskelett-Konstruktion aufgebrachten Aluminiumrahmenkonstruktion verleimt und verschraubt zu werden. „Im Fassadenzwischenraum wurde zusätzlich eine dampfdiffusionsoffene Folie (DuPont Tyvek type 2460B) eingebracht, um das Gebäude ausreichend vor Feuchtigkeit zu schützen“, so Chris van den Berk. Mit wenig Aufwand gelang es so, das ungewöhnliche Gestaltungskonzept technisch und ästhetisch hochwertig umzusetzen. Die Kinder wissen das zu schätzen und sind entsprechend begeistert von „ihrem“ Pavillon.
„Auffällig ist dabei, dass es bei dem Neubau anders als bei der direkt angrenzenden Schule keinerlei Probleme mit Vandalismus oder Graffitis gibt“, so der Architekt. Es scheint, als gebe es einen Ehrenkodex im Viertel, der die Gestaltung der Kinder honoriert und deshalb vor dem Pavillon Halt macht. Ein Ansatz, der Schule machen sollte.
Planung: Mulders vandenBerk Architecten, Amsterdam
Planungsteam: Joost Mulders, Chris van den Berk, Robert van der Lee, Lucas Torres, Cecilia Thomsen, Idette de Boer Gestaltung Fassade: DesignArbeid, Amsterdam
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