Neubau eines Wohn- und Bürokomplexes in Rotterdam

Rhythmisch gestaffelt

„Schiecentrale Fase 4B“ wertet neuerdings das Lloydkwartier im ehemaligen Rotterdamer Hafengebiet auf. Für den teilweise elfgeschossigen Neubaukomplex entwarfen Mei Architecten einen transparenten Fassadenvorhang aus Stahlgewebe sowie 100 Abstellraum-Boxen aus braunem Polyester, die in unregelmäßigem Rhythmus aus der Fassade hervorstoßen.

Robert Uhde

Die Umwandlung der ehemaligen Hafengebiete in Rotterdam gehört europaweit zu den größten städtebaulichen Planungen der vergangenen Jahrzehnte. Bereits in den 1970er-Jahren hatte die Stadt damit begonnen, brach liegende Grundstücke und leer stehende Gebäude zu zentrumsnahen Wohn- und Büroquartieren umzunutzen. Zuletzt verlagerten sich die Aktivitäten dabei vorrangig auf den Bereich des Lloydkwartiers am nördlichen Maasufer. Bis 2014 sollen hier 65 000 m² Büroflächen sowie 1 800 Wohnungen neu entstehen.
Im Zentrum der Planungen steht die Fläche rund um den ehemaligen Schiehaven mit der denkmalgeschützten „Schiecentrale“, die 1906 als Elektrizitätszentrale errichtet worden war und nach ihrer Sanierung 2006 als Sitz mehrerer Filmstudios dient. Direkt hinter dem viergeschossigen Monument wurde zuletzt der hochverdichtete Wohn- und Bürokomplex „Schiecentrale Fase 4B“ fertig gestellt. Der als kompakte „Stadt in der Stadt“ durch die vor Ort ansässigen Mei Architecten entwickelte Neubau stellt 7 000 m² Büroflächen sowie 176 Wohneinheiten zur Verfügung. Als weitere Funktionen wurden ein Supermarkt, eine öffentliche Sporthalle, ein viergeschossiges Parkhaus mit 400 Stellflächen, ein Spielplatz sowie eine halböffentliche, gemeinschaftlich nutzbare Dachterrasse integriert.
Statt das geforderte Raumprogramm in einem einzigen Volumen unterzubringen, entwickelten Projektarchitekt Robert Winkel und sein Team zwei unterschiedlich hohe Baukörper mit bewusst heterogener Gestaltung, die durch einen viergeschossigen Sockel miteinander verbunden werden. Das größere der beiden Volumen steigt oberhalb dieses Sockels als 11-geschossige Scheibe mit einer Höhe von 55 m direkt hinter der ehemaligen Elektrizitätszentrale empor – mit rund zwei Dritteln der Büroflächen sowie 104 Wohnungen. Der kleinere Baukörper in Richtung Westen bietet auf sechs Geschossen zusätzliche Büroflächen sowie 52 flexible Wohneinheiten.
Um eine rhythmische Staffelung der unterschiedlichen Baumassen zu schaffen und die Aussicht zu optimieren, wurden beide Scheiben um rund 40 m gegeneinander verschoben. Komplettiert wird das Raumangebot durch zwanzig ebenerdig erschlossene Reihenhauswohnungen mit jeweils 3,5 Geschossen, die in einem schmalen Streifen westlich an das Parkhaus angrenzen. Sämtliche weiteren Funktionen wurden im Sockel sowie in einem kleineren, mit schwarzen Asphaltplatten verkleideten Baukörper in Richtung Nordwesten untergebracht.
Überraschende Details
Ähnlich abwechslungsreich wie die Höhenstaffelung des Gebäudeensembles präsentiert sich auch die kontrastreiche Detaillierung der verschiedenen Fassaden. Eine überraschende Perspektive bietet dabei die Ostfassade der elfgeschossigen Hochhausscheibe: Statt einer herkömmlichen Brüstung als Absturzsicherung vor den außen liegenden Erschließungsgalerien hängten die Planer hier einfach einen Vorhang aus rostfreiem Stahlgewebe vor die Fassade. „Die gefederte Aufhängung bewirkt dabei, dass das Netz bei Druck ähnlich wie ein Trampolin nachschwingt“, erklärt Projektarchitekt Robert Winkel.
Der aus jeweils 2,7 x 6,2 m großen Abschnitten zusammengesetzte Vorhang bietet einerseits genügend Durchsicht, andererseits schützt er vor Wind und Regen und erzeugt so das Gefühl einen Binnenraums auf den Galerien. „Eigentlich werden die Gewebe zum Trocknen von Holz verwendet“, so Winkel. „Aber letztlich leisten sie auch hier gute Dienste.“
Die einzelnen „Fäden“ des Vorhangs werden werkseitig aus 0,9 mm starkem Draht gewebt – „für einen möglichst lebendigen Fassadeneindruck haben wir für unsere Zwecke aber ganz bewusst auch ‚Webfehler‘ einbauen lassen.“
Ein weitere innovative Neuerung im Wohnungsbau sind die eigentümlichen Boxen aus einem braunem Polyesterharz-Verbundwerkstoff, die direkt gegenüber den einzelnen Wohnungs- bzw. Büroeingängen in unregelmäßigem Rhythmus aus der Fassade hervorstoßen. Die industriell anmutenden, jeweils durch ein schmales horizontales Fensterband geöffneten Ausbuchtungen sind den einzelnen Wohnungen als externe Abstellräume zugedacht, lassen sich bei Bedarf aber auch als zusätzlicher Werkraum nutzen. Die nach außen hin scheinbar wahllose Platzierung spiegelt dabei die flexible Raumaufteilung der einzelnen Einheiten mit frei wählbarer Anordnung der jeweiligen Eingänge wider. „Die Hülle der Boxen besteht aus einem 5 cm starken Kern aus PU-Schaum, der beidseitig von einer Hülle aus Polyester umgeben ist“, so Robert Winkel. „Die Stabilisierung und Aufhängung erfolgt jeweils über eine Stahlträgerkonstruktion, das zulässige Ladegewicht beträgt damit 1 000 kg.“
Aussicht auf die Maas
Sämtliche nach Westen hin orientierten Fassaden wurden im Kontrast mit einer durchgehenden Glasfront ausgebildet, um so eine frei Aussicht auf den Rotterdamer Hafen zu ermöglichen. „Für einen fließenden Übergang zwischen innen und außen haben wir dabei faltbare, vom Boden bis zur Decke durchgehende Faltwände verwendet“ so Robert Winkel. „So steht den Bewohnern mit wenigen Handgriffen ein beinahe vollwertiger Balkon zur Verfügung.“
Die individuell angepassten öffenbaren Faltwände setzen sich zusammen aus unterschiedlich breiten Rahmen aus Stahl, die aufgrund der hier herrschenden kräftigen Westwinde allerdings anders als sämtliche anderen auf dem Markt erhältlichen Modelle nach außen aufklappen. Als Brüstungen wurden herkömmliche, für diese Funktion leicht verstärkt ausgebildete Absperrgitter eingebaut, wie sie sonst bei Großveranstaltungen verwendet werden – ein überraschender Kontrast zwischen hochwertiger Architektur und profanem Alltagsdesign.
Planung: Mei Architecten, Rotterdam Planungsteam: Robert Winkel, Hennie Dankers, Robert Platje, Eelco Dekker, Frank Aarssen, Jack Bouwer, Erwin Verhoeve, Maurice de Ruijter, Bart Spee, Jack Hoogenboom, Mirjam van Dam, Joanne Wienk, Leah Wiederholdt, Meike Stoetzer, Richel Lubbers, Michel Zaan, Jane Nagtegaal Statik: PBT Delft, Delft
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