Umbau und Erweiterung eines Speichergebäudes zum Landesarchiv in Duisburg

Identitätsstiftende Synthese

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Im Duisburger Innenhafen wurde 2014 das neue Landesarchiv NRW eröffnet. Ortner & Ortner Baukunst ergänzten ein Speichergebäude von 1936 um einen 76 m hohen Klinkerturmbau und schafften damit eine gelungene Synthese aus alt und neu. Komplettiert wird das Ensemble durch einen wellenförmigen Baukörper mit Lesesälen und Büros auf sechs Ebenen.

Robert Uhde

Seit Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der Duisburger Innenhafen sukzessive zum größten Binnenhafen des Kontinents. Mitte der 1970er Jahren war der einst bedeutende Umschlagplatz für Holz, Kohle und Getreide jedoch immer weniger konkurrenzfähig und das Areal lag ähnlich wie in vielen anderen europäischen Hafenstädten zunehmend brach. Inzwischen hat sich vor Ort jedoch manches getan. Denn auf Basis eines 1992 vorgestellten Masterplanes von Norman Foster wurde ein großer Teil des Gebietes Schritt für Schritt zu einem modernen Wohn- und Dienstleistungsquartier umgewandelt. Die alten Speicher, Silo- und Mühlengebäude schaffen dabei eine identitätsstiftende Kulisse für neue Wohn- und Bürogebäude.
Als jüngster Mosaikstein am Standort wurde inzwischen der denkmalgeschützte RWSG-Getreidespeicher (Rheinisch-Westfälische-Speditions-Gesellschaft) in der Schifferstraße saniert und zum Landesarchiv Nordrhein-Westfalen erweitert und umgenutzt. Das nach Plänen von Ortner & Ortner Baukunst (Wien, Berlin, Köln) realisierte, nach vier Jahren Bauzeit fertiggestellte Projekt ergänzt den 48 m hohen Hafenspeicher um einen zentral aus dem Kern des Gebäudes aufsteigenden Neubauturm. Der bundesweit größte Archivbau beherbergt auf 20 quadratisch geschnittenen Ebenen insgesamt rund 140 Regalkilometer zur Lagerung unterschiedlichster Dokumente aus der Geschichte des Landes Nordrhein-Westfalen bzw. seiner Rechtsvorgänger. Den horizontalen Gegenpol zu dieser vertikalen Figur schafft ein direkt an das Hafenbecken angrenzendes wellenförmiges Gebäude mit einer Länge von 160 m, das auf sechs Ebenen Lesesäle, Büros und Erweiterungsflächen zur Verfügung stellt.
Speicher im Speicher
Der denkmalgeschützte Altbau war 1936 als armierter Betonbau mit backsteinerner Außenhülle errichtet worden. Der siebengeschossige Baukörper im Zentrum wird dabei an seinen Stirnseiten durch zwei giebelständige Flügel mit abweichend neun Geschossen flankiert, die beide durch eine komplexe Giebeldachkonstruktion überdeckt werden. Im Zuge des Umbaus wurde der gesamte Komplex aufwändig saniert und in seinem Kern durch einen hoch aufsteigenden, aus Stahlbeton errichteten Neubauturm mit filigran detaillierter Klinkerschale ergänzt. Die im Inneren des Ensembles zusätzlich eingefügte Stahlkonstruktion nimmt dabei die Lasten des Archivs auf.
Ein markantes Detail des neu aufgesetzten, in seiner reduzierten Formensprache fast schon archaisch scheinenden Baukörpers ist das abstrakt gestaltete, abweichend zum Altbau aber traufständig ausgebildete Satteldach. Die einprägsame Figur schafft einen direkten Bezug zur Architektur des ehemaligen Getreidespeichers, gibt sich aber auf den ersten Blick als neu zu erkennen. Dabei wirkt es, als würde der Neubau von dem alten Getreidespeicher wie von einer mittelalterlichen Burg eingefasst.
Ornamentierte Klinkerfassaden
Zusätzlich betont wird das kontrastreich inszenierte Zusammenspiel von Altem und Neuem durch die Wahl von Keramikklinkern als Material für die Außenhülle des Neubaus. Ganz bewusst entschieden sich die Planer für einen speziell entwickelten Stein (Rot-Blau-Bunt) der Klinkermanufaktur Janinhoff, der aus dem gleichen Ton wie die Bestandsziegel gebrannt wird und entsprechend die gleiche Textur aufweist.
„Da die Bestandsziegel aber durch die Historie des Industriestandortes Duisburg mit seinen Stahl- und Kohlewerken eine rußig-bräunliche Patina angesetzt haben, sind alt und neu dennoch deutlich ablesbar“, erklärt Projektarchitekt Sebastian Wiswedel. „Um die Farbe der originalen Ziegel zum Zeitpunkt Ihres Einbaus 1936 zu ermitteln, mussten wir im Rahmen der Bemusterung deshalb zuvor eine Fläche des bestehenden Gebäudes reinigen. Mit der Zeit werden sich die Oberflächen der Steine aber mehr und mehr angleichen.“
Aber nicht nur bei der Farbigkeit, auch bei der Wahl eines geeigneten Steinformats griffen die Planer auf das bereits für den Altbau verwendete Reichsformat von 25 x 12 x 6,5 zurück. Auf der Baustelle wurden die Steine in handwerklicher Perfektion in rautenförmigen Mustern gemauert, die sich von weitem betrachtet zu einer filigranen Ornamentik ergänzen. Als Wärmeschutz wurde eine 180 mm dicke mineralische Kerndämmung zwischen der Innenfassade aus Beton und der Ziegelschale eingesetzt.
Zusätzliche Spannung erhalten die Fassaden durch die mit hellen Steinen ausgemauerten Fensteröffnungen des Bestandes, die jetzt als helle, um 4,5 cm zurückspringende Flächen auf den Altbaufassaden erscheinen:
„Um die im Innenraum aufbewahrten Dokumente, Zeitschriften und Bilder vor Tageslicht und unklimatisierter Außenluft zu schützen, musste der Altbau ebenso wie der von vorn herein fensterlos geplante Neubau durchgehend geschlossen werden“, erklärt Sebastian Wiswedel. „Die erforderliche Wärmedämmung wurde dabei auf der Innenseite der Fassade angebracht, um so das äußere Erscheinungsbild des Altbaus zu bewahren.“
Eine weitere Besonderheit bietet das Dach des Neubauturms, das überraschenderweise nicht mit herkömmlichen Dachziegeln, sondern mit speziellen Hohlziegeln (sogenannten „Baguettes“) ausgeführt wurde. Die einzelnen Steine sind jeweils in Reihe auf Alustangen aufgefädelt und setzen optisch die historische Struktur der Fassade fort.
Wellenförmiger Anbau
Komplettiert wird der Komplex durch den östlich angrenzenden Neubau mit Lesesälen, Büros und Erweiterungsflächen, der als mäanderndes Band entlang der Uferpromenade verläuft. Ursprünglich war hier ebenfalls eine Klinkerfassade geplant. „Neben Kosteneinsparungen ging es auch darum, für die Welle einen eigenständigen Charakter zu erhalten, der sich gegen den skulpturalen Ziegelkörper des Turms und Speichergebäudes behaupten kann, haben wir uns dann aber dazu entschieden, den Baukörper mit einer dunkelroten Putzfassade auszubilden“, erklärt Sebastian Wiswedel.
Der Aufbau der Putzfassade sieht wie folgt aus: Speedlamelle wurde verklebt mit dem mineralischen Klebemörtel StoLevell Duo plus. Auf den organischen Armierungsmörtel StoArmat Classic plus kam der organische Oberputz Stolit K 3.0 bzw. 1.0 mit Farbton 33140 gemäß StoColorSystem.
Im Schnittpunkt zwischen alt und neu haben die Planer außerdem ein mehrgeschossiges Foyer eingefügt. Die großen kreisrunden Öffnungen ermöglichen dabei schon beim Betreten des Gebäudes einen ersten Ausblick auf die Archivebenen mit ihren unzähligen Schätzen.
Architekten: Ortner & Ortner Baukunst, Wien, Köln, Berlin Ausführungsplanung: MSP Architekten, Dortmund Tragwerksplanung Turm: OSD Ingenieure, Frankfurt/Main Technische Gebäudeausstattung: Arup, Düsseldorf Bauphysik: Thor Bauphysik, Bergisch Gladbach Fassadenberatung: Gödde Architekten, Neuss
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