Neubau eines Multiplexkinos in Emmen (NL)

Cineastische Geste

Robert Uhde

Die im Nordosten des Landes gelegene, weitgehend landschaftlich geprägte Provinz Drenthe gilt in den Niederlanden nicht unbedingt als Brennpunkt architektonischer Entwicklungen. In der überwiegenden Mehrzahl entstehen interessante neue Projekte in Amsterdam, Rotterdam, Utrecht oder Delft, den großen Städten im Westen. Umso interessanter, wenn eines der renommierten Büros dann doch einmal hier oben seine Spuren hinterlässt. Wie das Delfter Büro DP6, das den Neubau des Multiplexkinos Utopolis im rund 80 000 Einwohner zählenden Emmen realisiert hat, der nur wenige Kilometer von der Grenze zu Deutschland entfernten größten Stadt in Drenthe.
Der charakteristisch geformte, strahlend weiß verputzte Neubau bietet seinen Gästen sieben unterschiedlich große Kinosäle mit insgesamt 1 250 Plätzen. Als weitere Funktionen integrierte Projektarchitekt Robert Alewijnse ein großzügiges Entree, ein Foyer und ein Café, in dem die Besucher nach dem Filmerlebnis noch etwas verweilen können.
Markanter Auftakt
Das Grundstück des Neubaus liegt direkt am nordwestlichen Ortseingang an der Einfallstraße Schietbaanweg, Ecke Westeind. Ein optimaler Standort, der aus städtebaulicher wie aus marketingstrategischer Perspektive kaum besser hätte gewählt werden können: Denn mit seiner prominenten Lage und der auffallenden Formgebung fungiert das Kino jetzt ganz bewusst als markanter Auftakt zum Zentrum der Kleinstadt. Wer vom flachen Land her kommend stadteinwärts fährt, dessen Blick trifft unweigerlich geradewegs auf die weit auskragende und dabei expressiv über einem kleinen Teich aufgeständerte Nordfassade des Neubaus.
Die auffällige Formgebung des Neubaus lässt unmittelbar die Raumanordnung im Inneren des Kinos sichtbar werden: Hinter der schräg empor steigenden Front verbergen sich die steil aufsteigenden hinteren Sitzreihen der dort nebeneinander angeordneten Filmsäle. Direkt darunter schließt sich das großzügig geöffnete Foyer an, das nach außen hin als durchgehend verglastes Volumen aus der übrigen Fassade hervorstößt.
Betont wird die eigentümliche Dynamik des Neubaus durch die strahlend helle Farbgebung der mit weißem Polyesterstuck verputzten Außenhülle. Die homogene Fläche zeigt je nach Sonnenstand und Lichteinfall einen völlig anderen Charakter. Besonders eindrucksvolle Perspektiven bieten sich dabei während der Dämmerung oder bei Dunkelheit, wenn die Fassade durch bewegte farbige Projektionen illuminiert und somit selbst zu einer überdi-mensionalen Kinoleinwand wird.
Deutlich dezenter zeigt sich demgegenüber die rückseitig von der Hauptstraße gelegene Eingangsfront des Kinos: Bis auf den verglasten Zugang zum Entree und zwei schmale horizontale Fensterbänder präsentiert sich der Neubau hier komplett geschlossen. Der direkt angrenzend neu angelegte Parkplatz wird tagsüber durch den weiter südlich sich anschließenden Tierpark „Noorderdierenpark“ mitgenutzt.
Vorbild: Klassische Moderne
DP6 gehören mittlerweile zu den renommierten Architekturbüros der Niederlande. Es wurde 1999 durch den ehemaligen Mecanoo-Partner Chris de Weijer sowie dem zeitweise ebenfalls bei dem international renommierten Delfter Büro tätigen Robert Alewijnse gegründet und hat sich seitdem vor allem auf die Bereiche Wohnungs-, Schul- und Verwaltungsbau spezialisiert.
Bei dem Utopolis-Kino in Emmen entschied sich das Büro in bewusster Abgrenzung zu manch anderen, oftmals effekthascherisch gestalteten Multiplexkinos für eine schlichte, in einigen Bereichen ganz offensichtlich durch die Klassische Moderne inspirierte Gestaltung. Besonders deutlich wird diese Herangehensweise beim Anblick der Eingangsfront: Die schlicht und zurückhaltend gestaltete Südfassade wird geprägt durch einen eleganten Schwarz-Weiß-Kontrast der hellen Fassade zu verschiedenen dunklen Elementen wie den im Erdgeschoss teilweise verwendeten schwarzen Klinkern, den schwarz lackierten Fensterrahmen sowie dem dunkelgrauen Pflaster des Vorplatzes.
Erschließung
Die Besucher betreten den Neubau über das unterhalb der kleineren Kinosäle gelegene Entree, dem sich rechter Hand der Café-/Gastrobereich anschließt. Über eine Treppe nach oben – und begleitet durch die dynamisch aufsteigende Deckenlinie der darüber gelegenen großen Kinosäle –, erreichen sie nach Passieren der Kassen schließlich das großzügig geöffnete, mit tiefroten Teppichen gestaltete Foyer.
Die von außen nach innen fortgeführte Stützenreihe sowie die durchgehende Glasfront, durch die hindurch die Kinogäste freie Sicht auf die Hauptstraße und die angrenzende Landschaft haben, schaffen hier einen fließenden Übergang von Innen- und Außenraum.
In Richtung Süden schließen sich die Zugänge zu den großen Filmsälen an. Direkt daneben führt eine weitere Treppe zunächst auf eine Zwischenebene, und von dort über kleine Brücken zu den kleineren Kinosälen des Hauses. Die Ausgänge aus den Sälen finden sich jeweils hinter den Vorhängen. Nach Ende der Filmvorführungen gelangen die Besucher von hier aus zunächst in einen diffus beleuchteten Zwischenraum und von dort dann zurück in die belebte Eingangshalle mit dem angrenzenden Café.
Sämtliche Kinosäle steigen von vorne nach hinten steil auf, um den Besuchern auch in den hinteren Reihen eine optimale Sicht auf die Leinwand zu ermöglichen. Für eine größtmögliche räumliche und organisatorische Effizienz wurden alle Räume direkt nebeneinander platziert, so dass die an der oberen Gebäudekante liegenden Vorführräume ebenfalls alle in einer Reihe liegen. Großer Wert wurde außerdem auf eine hochwertige Akustik mit einem avancierten THX-lizensierten Soundsystem sowie auf ergonomisch optimierte, flexible Sitze gelegt. Und auch für die Zukunft ist man hier bestens gerüstet: Denn als eines der ersten Kinos in den Niederlanden verfügt das Utopolis bereits jetzt auch über zwei digitale Projektoren.
Weitere Informationen
Polyesterstuck bba 510
Architekten: Entwurf: DP6 architectuurstudio bv, Delft (NL) Projektarchitekten: Robert Alewijnse, Chris de Weijer Planungsteam: Peter van der Schans, Tom Grootscholten, Fred Gerdes, Daan van der Vlist, Kerstin Tresselt Statik: Stubeco, Overpelt (Belgien)