Neubau eines Universitätsgebäudes in Groningen (NL)

Blitzartig

Mit zackenförmigem Grundriss und eindrucksvoll auf- und absteigender Struktur schafft das neue Zentrum für Biowissenschaften einen markanten Blickfang auf dem Campus der Universität Groningen. Die leuchtend grüne Fassade des nach Plänen von Rudy Uytenhaak realisierten Entwurfes wurde mit Elementen aus vorgefertigtem Polyester realisiert.

Robert Uhde

Im äußersten Norden von Groningen wurde seit den 1960er-Jahren der Zernike-Komplex mit gewerblichen Zweckbauten und Schulungseinrichtungen erschlossen. Seit 2008 wird das großflächige Areal nach Plänen des Rotterdamer Planungsbüros West 8 zu einem modernen Wissenschaftspark für die Universität Groningen umstrukturiert. Das strenge städtebauliche Raster wird dabei sukzessive in einen grünen Campus mit Gehwegen, Hecken und Bäumen umgewandelt.
Zuletzt wurde am Standort auch das neue Zentrum für Biowissenschaften fertiggestellt. Der am östlichen Rand des Areals platzierte Neubau des Amsterdamer Architekten Rudy Uytenhaak integriert auf neun Ebenen mit einer einer Nutzfläche von rund 36 000 m² Büros, Vorlesungssäle, Seminarräume und Labore für die drei Bereiche Biologie, Botanik und Mikrobiologie. Um dabei die Aussicht auf die direkt angrenzende Polderlandschaft nicht zu verbauen, haben die Architekten den Neubau als riesiges Torgebäude entwickelt: „Alternativ hätten wir die geforderte Fläche auch auf zwei oder drei Gebäude verteilen können“, erklärt Rudy Uytenhaak. „Aber der Universität war ein enger Austausch der verschiedenen Disziplinen untereinander in einem einzigen Gebäude sehr wichtig.“
Zickzack-Form
Im Verlauf der weiteren Entwurfsarbeit ist aus dem Grundkonzept des Torgebäudes nach und nach die Idee eines zickzackförmigen Aufbaus entstanden: Vom Zentrum des Campus von Südwesten kommend trifft der Blick dabei zunächst auf einen schräg vom Boden bis auf eine Höhe von sieben Geschossen aufsteigenden Gebäudeflügel mit durchgehender Dachbegrünung, der dann in beinahe entgegengesetzter Richtung als 15 m hoch aufgeständerte Brücke mit einer Länge von 60 m und einer Höhe von 40 m weitergeführt wird. Die torartige Öffnung unterhalb des Baukörpers ermöglicht dabei trotz der beeindruckenden Massivität einen fließenden Übergang zwischen Stadt und Landschaft.
Fortgeführt wird die ungewöhnliche Kubatur durch eine weitere, diesmal steil abfallende Kehrtwendung in Richtung Nordosten. Zusätzliche Flächen bieten zwei größtenteils unterirdisch gelegene Trakte, die den „Blitz“ in Nord-Süd-Richtung kreuzen. Ein wirkliches „Gebäudeende“ ist also kaum auszumachen: „Stattdessen ergibt sich aus dem Zusammenspiel der verschiedenen Elemente eine eher kreisförmige Erschließung des Komplexes“, so Architekt Rudy Uytenhaak.
Fassade aus Polyesterelementen
Neben der ungewöhnlichen Form trägt auch die grün schillernde, auf einer Fläche von 10 000 m² ausgebildete Außenhülle aus vorgefertigten Fassadenpaneelen dazu bei, den Neubau mit der Landschaft zu verschmelzen („Raficlad“ von Holland Composites Industrials b.v.) „Die speziell für dieses Projekt entwickelten Elemente bestehen aus 6 mm dicken glasfaserverstärkten Polyesterplatten in unterschiedlichen Formaten, die mit einer innen liegenden, 170 mm dicken Polyurethan-Hartschaum-Schicht eine optimierte Wärmedämmung ermöglichen“, erklärt Rudy Uytenhaak.
Das geringe Gewichte der Elemente von lediglich 50 kg/m² ermöglichte dabei eine leichte Konstruktion der Fassadenhülle. Der 30 mm dicke Luftspalt zwischen beiden Schichten sorgt andererseits für den transparenten Charakter der Platten.
Auf der Außenseite der Fassadenelemente wurde zusätzlich ein grafisches Muster aus weißen Glasfasern eingearbeitet. Die ungewöhnliche Gestaltung lässt auf den ersten Blick an organische Strukturen denken und betont so sinnfällig die Nutzung des Gebäudes. Zusätzlich belebt wird die Fassade durch die unregelmäßige, scheinbar willkürliche Anordnung der insgesamt 1 200 aluminiumgerahmten Fenster (Aluminiumfenster, basierend auf dem ECO System ES 50 von Reynaers). Eine Klickverbindung aus Edelstahl zwischen den Fenstern und den Fassadenelementen ermöglicht dabei eine wasserdichte strukturelle Verbindung zwischen den unterschiedlichen Bauteilen und sorgt gleichzeitig dafür, die auftretenden thermischen Spannungen auszugleichen.
Abwechslungsreicher Innenraum
Ähnlich überraschend wie die Außenansicht präsentiert sich auch das Innenleben des Neubaus. „Denn aufgrund der ungewöhnlichen Gebäudeform hat jede Ebene einen anderen Grundriss erhalten“, so Rudy Uytenhaak. Der nördliche Gebäudeflügel beherbergt überwiegend den Schwerpunkt Biologie, der südliche Flügel ist den Botanikern vorbehalten. In der verbindenden Brücke ist als Überbau die Grundlagenforschung mit den Bereichen Mikrobiologie und Biotechnologie angeordnet.
„Um in sämtlichen Bereichen eine flexibel nutzbare Lern- und Laborlandschaft zu erzielen, haben wir Labore, Büros und Lehrräume in den unterschiedlichen Flügeln bewusst gemischt und mit fließenden Übergängen angeordnet“, erklärt Rudy Uytenhaak. „Die Vermengung der unterschiedlichen Funktionen sorgt nicht nur für mehr Austausch unter den Studenten, sondern bietet auch die Möglichkeit, das Gebäude auf unterschiedlichen Achsen zu erschließen.“
Für optimale Tageslichtnutzung wurden die jeweils 27 m breiten Flügel in weiten Teilen zweibündig ausgebildet. Die Erschließung erfolgt dabei über gebäudehohe, durch Deckenausschnitte und kreisrunde Oberlichter geöffnete Atrien mit nach innen gekehrten „Laubengängen“. Frei tragende Brücken und Treppen zu den gegenüber, darunter oder darüber gelegenen Laubengängen sorgen zusätzlich für eine einfache und übersichtliche Verbindung zwischen den unterschiedlichen Bereichen.
Nachhaltige Gebäudetechnik
Die Beheizung und Kühlung des Gebäudes erfolgt über eine der landesweit größten Erdwärmeanlagen in Kombination mit hochmodernen, auf einer Fläche von 20 000 m² eingesetzten Klimadecken, die eine effektive Betonkernaktivierung innerhalb des Gebäudes ermöglichen. Zusätzliche Energieeinsparungen bieten die großflächigen Dachbegrünungen sowie die kompakte Gebäudehülle mit ihrem minimiertem Materialverbrauch. Im Zusammenspiel der unterschiedlichen Aspekte ist ein hochmoderner Bau entstanden, der nicht nur ästhetisch und funktional, sondern auch durch einen geringen Energieverbrauch überzeugt.
Architekten: Rudy Uytenhaak Architectenbureau, Amsterdam Projektarchitekten: Rudy Uytenhaak und Tanja Buijs-Vitkova
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