Umbau einer Textilfabrik und Neubau eines Museums in Enschede

Transformiert

Auf dem Areal einer ehemaligen Textilfabrik im niederländischen Enschede wurde das Museum „Twentse Welle“ eröffnet. Das Amsterdamer Büro SeARCH hat einen Teil der alten Fabrikhallen mit mehreren Neubauten zum vielschichtigen Gesamtensemble zusammengefügt. Dominiert wird dies von einem mit Metallgewebe umhüllten Glasturm.

Robert Uhde

Wer in den Niederlanden von „Enschede-Roombeek“ hört, der denkt unwillkürlich an eine der größten Katastrophen in der jüngeren Geschichte des Landes: Als am 13. Mai 2000 eine Feuerwerksfabrik explodierte, verloren 23 Menschen ihr Leben, weitere 1 000 Personen wurden verletzt. Die Wucht der Detonation war damals noch in einer Entfernung von 60 km und somit auch bis ins benachbarte Deutschland wahrzunehmen. Im betroffenen Arbeiter-Stadtteil Roombeek, der früher vor allem durch die Textilindustrie bestimmt worden war, zerstörte sie von einem Moment auf den anderen rund 1 500 Wohnhäuser und mehrere teilweise leer stehende Fabrikgebäude.
Nach dem Unglück verharrte Enschede zunächst im Schock. Doch schon kurze Zeit später begann die Stadt mit ersten Planungen zum Wiederaufbau des rund 50 ha großen Viertels. Inzwischen, rund neun Jahre später, erinnert kaum noch etwas an die Katastrophe von damals: Wo einst die Textilindustrie der Stadt zur Blüte verholfen hatte, da ist nach der städtebaulichen Masterplanung von Pi de Bruijn vom Amsterdamer Büro de Architecten Cie. ein lebendiger, hoch differenzierter Stadtteil mit 1 300 abwechslungsreich gestalteten Häusern und Wohnungen, Geschäften sowie zahlreichen sozialen und kulturellen Angeboten neu entstanden.
Zu den wenigen Gebäuden in Roombeek, die das Unglück weitgehend unversehrt überstanden hatten, zählten die alten Backsteinhallen der 1907 gegründeten und noch bis 1995 betriebenen Textilfabrik Rozendaal. Eigentlich stand der bereits seit Jahren leer stehende Komplex damals zum Abriss bereit. Doch nach der Katastrophe hatte die Stadt kurzerhand entschieden, die vorhandene Bausubstanz als Identität stiftendes Element für die geplante Neuerrichtung des Quartiers zu erhalten und zum „Cultuurcluster“ mit Museum, Kunstzentrum, Ateliers, Wohnungen und Museumscafé umzunutzen.
Im Mittelpunkt des schließlich durch das Architekturbüro SeARCH geplanten Ensembles steht das Museum „Twentse Welle“. Der Komplex führt drei verschiedene, bislang über die Stadt verstreut untergebrachte Sammlungen unter einem gemeinsamen Dach zusammen: die Exponate des Textilmuseums Het Jannink, die regionalgeschichtliche Sammlung der Oudheidkamer Twente und die umfangreiche Sammlung des Städtischen Naturkundemuseums.
Zusammenspiel von alt und neu
Der Entwurf der Architekten verfolgte ganz bewusst nicht das Ziel, die Struktur des Areals und die vorhandenen Werkshallen möglichst im vorgefundenen Zustand zu konservieren. Stattdessen entschied sich Projektarchitekt Bjarne Mastenbroek auf Basis der städtebaulichen Planung für das Gebiet zu einem fließend ineinander übergehenden Mix aus alt und neu, der die vorhandene Architektur eher als historische Bühne denn als originalgetreu zu bewahrendes Ensemble interpretiert.
Vollständig erhalten vom ehemaligen Fabrikkomplex blieben daher nur wenige Elemente – darunter vor allem die große Fabrikhalle an der Ostseite des ehemaligen Rozendaal-Geländes mit dem rund 15 m hohen Wasserturm.
Die ehemalige Bebauung in Richtung Westen wurde dagegen bis auf die backsteinerne Umfassungsmauer und einige Sheddach-Elemente fast vollständig abgebrochen und durch eine Zeile mit kantig gestalteten Neubauten ersetzt. Eingerahmt durch die historische Backsteinmauer – und erschlossen durch einen neu angelegten Fußweg im Zentrum der Anlage –, wurden hier mehrere unterschiedlich große, teilweise mit farbig glasierten Klinkern gestaltete Wohnhäuser sowie ein kompakter Neubau mit Künstlerateliers neu errichtet.
Einen markanten Kontrast zu der zwei- bis dreigeschossig ausgebildeten Ziegelarchitektur entlang der kleinen Binnenstraße bietet ein auf halber Höhe der Zeile neu eingefügter, 28 m hoch aufsteigender Glasturm (Fassadenprofil Schüco FW 60). Der elegant detaillierte Bau wurde mit weit auskragenden, an den Gebäudekanten weich abgerundeten Balkonen gestaltet und nach außen hin durch einen halbtransparenten, geschossweise untergliederten Vorhang aus Metallgewebe (Sierra Papa small von Twentinox) umhüllt.
Die verschiebbaren Schleier dienen als effektiver Schutz vor direkter Sonneneinstrahlung und schaffen gleichzeitig einen sinnfälligen Verweis auf die ehemalige Nutzung des Areals als Textilfabrik. Bereits bei leichtem Wind wiegen die gazeartigen Vorhänge sanft vor sich hin und stoßen dabei leise an die mit Gummirändern geschützten Dachüberstände über den Balkonen.
Die Unterseiten der Dachüberstände wurden jeweils mit einem farbigen Druck gestaltet, der durch das Metallgewebe hindurch nach außen sichtbar bleibt. Abgedichtet wurde das Flachdach mit Sarnafil S327–12 El, einer Dachbahn aus dem Werkstoff FPO (Flexible Polyolefine).
Lehrreiche Ausstellung
In den oberen fünf Ebenen des siebengeschossigen Glasturms wurden helle und großzügige Büros für die Verwaltung des neuen Museums „Twentse Welle“ angesiedelt. Im Erdgeschoss findet sich der Eingangsbereich des Hauses mit dem sich anschließenden doppelgeschossigen Foyer. Ebenerdig gelangen die Besucher von hier aus zunächst in einen direkt angrenzenden, sichelförmig geschwungenen Neubau, der Raum für Wechselausstellungen bietet. Der weitaus größte Teil des Museums befindet sich jedoch in der vom Foyer aus über einen unterirdischen Tunnel erschlossenen Sheddach-Halle im gegenüber liegenden östlichen Teil des ehemaligen Rozendaal-Terrains. Die mit roh belassenem Sichtbeton gestaltete Unterführung, in der neben den Toiletten des Museums auch ein museumspädagogisch genutzter Nachbau eines kleinen Amphitheaters integriert wurde, unterquert den neu entstandenen Binnenweg und führt die Besucher in den Altbau. In der umfangreich sanierten, durch Oberlichter mit ausreichend Tageslicht versorgten Ausstellungshalle überrascht zunächst die betont moderne, im deutlichen Kontrast zur historischen Architektur geplante Innenraumgestaltung. Markanter Blickfang ist dabei die über die gesamte Länge des Altbaus von rund 100 m eingefügte, 6 m hohe Glasvitrine. Die atmosphärisch in blaues, grünes und rotes Licht getauchte Schaufront bietet Raum zum Ausstellen einer Vielzahl kleinerer und größerer Objekte aus den verschiedenen natur- und regionalgeschichtlichen Sammlungen des Hauses. Insgesamt 3 500 Exponate aus unterschiedlichsten Epochen, darunter lebensgroße Saurier oder Ritterrüstungen, bieten den Besuchern einen spannenden und lehrreichen Blick auf die Vergangenheit – von der urzeitlichen Tierwelt über die mittelalterliche Gesellschaft und die Industriegeschichte der Region Twente bis hinein in die Gegenwart. Direkt neben den Ausstellungsstücken bieten interaktive Bildschirme umfangreiche Erklärungen zu einzelnen Objekten. Für weitere Informationen steht ein Lehr- und Informationszentrum mit angrenzender Bibliothek zur Verfügung.
Ähnlich überraschend wie der Zugang zur Halle gestaltet sich auch der Ausgang: Nach Abschluss des Rundgangs gelangen die Besucher über eine leuchtend-rot lackierte, quer durch die Ausstellungshalle verlaufende und schließlich den Fußweg überquerende Stahlbrücke zurück zu dem achtgeschossigen Glasturm mit dem Foyer. Wieder an der frischen Luft angekommen, lohnt anschließend ein Gang zu dem historischen Magazingebäude am nördlichen Rand des Rozendaal-Geländes. Der ebenfalls durch SeARCH umgenutzte Bau dient jetzt als Sitz der lokalen Kulturvereinigung CBK Concordia, die hier unter dem Titel „21 Rozendaal“ zeitgenössische Kunst präsentiert und zu Diskussionen und Vorträgen einlädt. Als große Herausforderung bei der Planung des Projekts erwies sich die Einhaltung der geltenden Brandschutzbestimmungen: Im Prinzip stellen sämtliche Bestandteile des Museums, also der Eingangsbereich, die Unterführung, die Ausstellungshalle im Altbau und der Raum für die Wechselausstellungen ein zusammenhängendes Areal dar. Im Brandfall werden die einzelnen Abschnitte jedoch durch automatisch gesteuerte Schiebetore voneinander getrennt, um so die geltenden Vorschriften einzuhalten. Sämtliche Tore verfügen dabei über zusätzliche Türen, die im Brandfall als Fluchtweg dienen.
Neuer städtischer Raum
Ein zentraler Bestandteil der Planung von SeARCH war die Gestaltung des öffentlichen Raumes im Bereich des ehemaligen Rozendaal-Areals. Wichtigstes Element ist dabei der quer durch das Gelände verlaufende, mit Naturstein gestaltete Erschließungsweg, der das ehemals geschlossene Fabrikareal als neue öffentliche Passage durchschneidet.
Nach Norden und Osten schließen sich zwei neu geschaffene Wasserbecken an, in Richtung Süden, direkt anschließend an das großzügig gestaltete Museumscafé, mündet der Fußweg in einen kleinen Vorplatz, an sich die beiden Hauptachsen des wieder aufgebauten Roombeek-Viertels kreuzen. Eine gelungene Anordnung, bei der die Kultur selbstbewusst das städtebauliche Herz des neuen Quartiers bildet.
Planung: SeARCH, Amsterdam Planungsteam: Bjarne Mastenbroek, Uda Visser, Ad Bogerman, Fabian Wallmüller, Remco Wieringa Statik: Pieters Bouwtechniek, Amsterdam Haustechnik: Ingenieursbureau Knipscheer, Soest (NL)
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