Aufstockung eines neuen Konzerthauses in Hamburg

Kühn überbaut

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Nach fast zehnjähriger Bauzeit wird die Hamburger Elbphilharmonie am 11. Januar 2017 eröffnet. Das an der Spitze der Hafencity auf 110 Metern Höhe aufsteigende Konzerthaus der Architekten Herzog & de Meuron schafft mit ikonenhafter Verbindung von alt und neu ein imposantes neues Wahrzeichen der Hansestadt. Neben drei hochmodernen Konzertsälen wurden auch ein Hotel und 45 Wohnungen integriert.

Robert Uhde

Kaum ein anderes Architekturprojekt in Deutschland ist in den vergangenen Jahren so kontrovers diskutiert worden wie die Hamburger Elbphilharmonie. Wieder und wieder wurde das Bauwerk in einem Atemzug mit dem Berliner Flughafen BER und dem Bahnhofsprojekt „Stuttgart 21“ als negatives Beispiel für ausufernde Kosten und endlose Bauzeiten bei Großbauten genannt. Das alles ist von nun an Vergangenheit. Denn nach fast zehnjähriger Bauzeit wird das nach Plänen von Herzog und de Meuron errichtete, letztlich etwa 800 Millionen Euro teure Haus jetzt durch zwei Konzerte des NDR Elbphilharmonie Orchesters sowie durch ein dreiwöchiges Einweihungsfest offiziell eröffnet.
Der Architektur selbst tut die kontroverse Debatte ohnehin keinen Abbruch. Denn schiebt man den Unmut über die Entstehungsgeschichte beiseite, dann bleibt ein Konzerthaus von internationalem Rang, dessen herausragende architektonische Qualität letztlich unbestritten ist; und das mit seinem eindrucksvoll inszenierten Kontrast von historischem Lagerhaus und kühn geschwungener, weithin sichtbarer Überbauung ein sinnfälliges Zeichen für die Transformation der Hamburger HafenCity zum modernen Wohn- und Dienstleistungsquartier schafft.
Ausgangspunkt der Planung war die vorhandene Backsteinarchitektur des zur Lagerung von Kakao und Kaffee gebauten Kaispeichers A, der 1963 nach Plänen von Werner Kallmorgen an Stelle eines im Zweiten Weltkrieg beschädigten Vorgängerbaus aus dem Jahr 1875 errichtet worden war. Um das längere Zeit leer stehende Lagergebäude mit seinem trapezförmigen Grundriss zum Konzerthaus umzunutzen und dabei auch ein Fünf-Sterne-Hotel mit 247 Zimmern sowie 45 Luxuswohnungen zu integrieren, wurde die vorhandene Bausubstanz nach den Plänen der Architekten zunächst vollständig entkernt. Die erhalten gebliebene, denkmalgeschützte Fassade wurde anschließend optisch durch ein mächtiges gläsernes Volumen überbaut. Die Lastabtragung des insgesamt 26-geschossigen Bauwerks mit seiner Nutzfläche von insgesamt 120 000 m² erfolgt dabei über 620 Stahlbetonpfähle, die zusätzlich zu den 1 111 Stahlbetonpfählen, auf denen der Kaispeicher A bislang ruhte, in die darunter liegenden tragfähigen Sande gerammt werden mussten.
Flimmernde Gebäudehülle
Seine charakteristische Gestalt erhält der „aufgesattelte“ Baukörper durch das kronenartig geschwungene, elbabwärts von 88 auf 110 m aufsteigende Dach sowie durch die schillernde Außenfassade aus Glas:
„Im Kontrast zu der ‚stoischen‘ Backsteinfassade des Kaispeichers erscheint die Philharmonie mit ihren vielfach geschwungenen und ausgeschnittenen Glaspaneelen wie ein riesiger Kristall, der Reflexionen des Himmels, des Wassers und der Stadt aufgreift“, erklären Herzog und de Meuron.
Die insgesamt 16 000 m² große Konstruktion integriert 1 100 Einzelelemente mit einer Größe von 4,3 x 3,35 bzw. 4,3 x 5 m und einem Gewicht von bis zu 1,2 Tonnen, die je nach dahinter liegender Nutzung zum großen Teil unterschiedlich gewölbt und gebogen sind. Die eingesetzten Spezialgläser setzen sich zusammen aus einer 2 x 8 mm dicken Außenschicht aus laminiertem Glas, einer 16 mm starken Hohlraumschicht sowie einer 2 x 6 mm dicken Innenschicht aus laminiertem Glas. Die Glasfassade ist eine individuell gefertigte Sonderkonstruktion der Josef Gartner GmbH. Für einen effektiven Sonnenschutz sind sämtliche Gläser außerdem mit einem individuellen Raster bedruckt, dessen Dichte entsprechend der jeweiligen Nutzung im Inneren berechnet wurde. Im Zusammenspiel ist eine vibrierende, kristallartige Oberfläche mit vielfachen Ein- und Ausbuchtungen entstanden, die je nach Blickwinkel und Witterung völlig unterschiedliche Ansichten bietet.
Ähnlich filigran präsentiert sich auch die gebirgsartig gestaltete, rund 7000 m² große Dachlandschaft mit ihren insgesamt acht konkaven, bis zu 57 Grad geneigten Teilflächen. Als abschließende Sichtebene des insgesamt 700 Tonnen schwere Dachaufbaus wurden 8 000 perforierte, dabei weiß-eloxierte und von Zinkpower pulverbeschichtete Aluminium-Pailletten mit einem Durchmesser von 90 bis 110 cm aufgebracht. Die Elemente garantieren hier eine ausreichende Trittsicherheit bei eventuellen Dacharbeiten und sorgen außerdem dafür, dass das Dach aus der Ferne betrachtet wie eine Wasseroberfläche flimmert.
Konzertsaal von Weltrang
Den gleichen hohen Ansprüchen genügt auch das Innenleben des neuen Konzerthauses mit seinen drei hochmodernen Konzertsälen. Der große Konzertsaal bietet rund 2 150 Sitzplätze, im mittleren finden 550 Besucher Platz, zudem steht das kleinere „Kaistudio“ mit 170 Sitzplätzen zur Verfügung. Zur Erschließung haben die Planer eine 82 m lange, konkav gebogene Rolltreppe integriert:
„Ganz bewusst haben wir hier versucht, den Geist der geschwungenen Treppen aus alten Fin-de-Siècle-Konzertsälen in einer zeitgenössischen Sprache zu übersetzen“, erklären Herzog und de Meuron.
An der „Naht“ zwischen Kaispeicher und Glaskrone angelangt öffnet sich der Raum über tiefe Einschnitte und Aussparungen und ermöglicht so einen geschossübergreifenden Blick auf die verschiedenen Foyers. Direkt angrenzend gelangen die Besucher außerdem auf die frei zugängliche, als Bogen in der Fassade ausgeschnittene und über eine gewölbte Glaswand abgetrennte Plaza, die in 37 m Höhe eine imposante Kulisse für spektakuläre Panoramablicke auf die Elbe und über die Stadt bietet.
Das Herzstück der Elbphilharmonie bildet der große Konzertsaal mit seinen rund 2 100 Plätzen und seiner hochwertigen, gemeinsam mit dem renommierte Akustiker Yasuhisa Toyota entwickelten Akustik. Der Raum folgt in seiner Geometrie ähnlich wie der Konzertsaal der Berliner Philharmonie von Hans Scharoun (1957) dem so genannten „Weinberg-Konzept“: Die Bühne liegt also entsprechend leicht versetzt in der Mitte des Saals, während sich die „weinbergartig“ nach oben ansteigenden Ränge darum herum gruppieren. Zudem ist er aus Schallschutzgründen vom restlichen Gebäude akustisch entkoppelt und an seiner Innenseite mit einer akustisch optimierten, insgesamt 6 500 m² großen „Weißen Haut“ aus 11 000 individuell gefertigten Gipsfaserplatten eingekleidet. Es handelt sich dabei um eine Sonderkonstruktion der Peuckert GmbH. Die einzelnen Platten wurden dabei nach 3D-Berechnungen individuell gefräst, um den Klang in jeden Winkel des Raumes zu reflektieren. Ob der Klang tatsächlich hält, was er bislang versprochen hat, wird sich zeigen; wenn das Haus jetzt nach endlos langem Intro endlich bespielt werden kann.
Planung:
Herzog & de Meuron, Basel
H+P Planungsgesellschaft mbH & Co. KG, Aachen
Projektteam: Jacques Herzog, Pierre de Meuron, Ascan Mergenthaler (zuständiger Partner), David Koch (Partner Projektmanagement), Jan-Christoph Lindert (Associate, Projekt Direktor), Nicholas Lyons (Associate, Projekt Architekt), Stefan Goeddertz (Associate, Projekt Architekt), Christian Riemenschneider (Associate, Projekt Manager), Hennig Severmann (Projekt Manager), Stephan Wedrich (Associate, Projekt Direktor bis 2012), Carsten Happel (Associate, Projekt Manager)
Akustik:
Nagata Acoustics Inc., Los Angeles, Tokyo
Hersteller
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