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22. Brillux Architektenforum in Wien - Bezahlbaren Wohnraum zu schaffen ist möglich

22. Brillux Architektenforum in Wien
Bezahlbaren Wohnraum zu schaffen ist möglich

Mit über 250 Teilnehmern war das von Burkhard Fröhlich (Bauverlag BV GmbH, Gütersloh) moderierte Architektenforum in Wien komplett ausgebucht. Bild: Brillux
Mit über 250 Teilnehmern war das von Burkhard Fröhlich (Bauverlag BV GmbH, Gütersloh) moderierte Architektenforum in Wien komplett ausgebucht. Bild: Brillux

„Bezahlbarer Wohnraum“ – diesem brandaktuellen Thema widmete sich das 22. Brillux Architektenforum unter dem Titel „Abseits bekannter Pfade – Zeitgemäße Konzepte für den Wohnungsbau“. Die Veranstaltung fand erstmalig nicht in Deutschland, sondern in Wien statt. Denn: Was bezahlbaren Wohnraum und hohe Lebensqualität angeht, hat Österreichs Hauptstadt weltweit eine Vorreiterrolle inne.

Mit über 250 Teilnehmern war das von Burkhard Fröhlich (Bauverlag BV GmbH, Gütersloh) moderierte Architektenforum in Wien komplett ausgebucht. Vortragende waren

  • Dipl.-Ing. Dr. Kurt Puchinger, ehemaliger Wiener Planungsdirektor und heutiger Vorsitzende des Grundstücksbeirats und Berater im Büro der Geschäftsgruppe Wohnen, Wohnbau und Stadterneuerung der Stadt Wien,
  • Herwig Spiegl von ALLESWIRDGUT ARCHITEKTUR, Wien,
  • Raphael Frei von pool Architekten, Zürich, sowie
  • Oliver Thill von Atelier Kempe Thill, Rotterdam.

Außerdem nahmen die Teilnehmer am Nachmittag an je einer von fünf angebotenen Exkursionen teil. Ziele der Exkursionen waren

  • die Seestadt Aspern („Ein nachhaltiger Stadtteil“),
  • der Hauptbahnhof und das Sonnwendviertel,
  • das ehemalige Nordbahnhof-Areal („Wohnen in Gemeinschaft“),
  • magdas Hotel und VinziRast als Beispiele für temporäres Wohnen („Moderne Nomaden“) sowie
  • der Campus der Wirtschaftsuniversität Wien.

Wohnraum in den Ballungszentren ist knapp

Wohnen in den Großstädten wird immer teurer. Europaweit benötigen besonders die zuzugsstarken Ballungszentren zusätzlichen Wohnraum. Doch in vielen Kommunen ist nicht nur der Wohnraum knapp. Meist fehlt es auch an Flächen, die bebaut werden können. Das macht das Bauen für die Städte und die Planer zu einer besonderen Herausforderung, zumal wenn Wohnraum bezahlbar sein soll, gleichzeitig demografische, sozial-nachhaltige, ökologische und ökonomische Anforderungen zu berücksichtigen sind sowie architektonische Qualität garantiert sein soll.

Dass das geht, zeigte das 22. Brillux Architektenforum eindrucksvoll mit Blick auf Österreich, die Schweiz und die Niederlande. Hochkarätige Referenten stellten anhand verschiedener Wohnbaumodelle und Bauprojekte vor, wie es funktioniert und was Deutschland vom Wohnungsbau in Städten wie Wien, Zürich oder Amsterdam lernen kann.

Seit 100 Jahren geförderter Wohnbau in Wien

Warum Wohnraum in Wien ausreichend vorhanden und so erschwinglich ist, beschrieb der ehemalige Wiener Planungsdirektor und heutige Vorsitzende des Grundstücksbeirats und Berater im Büro der Geschäftsgruppe Wohnen, Wohnbau und Stadterneuerung der Stadt Wien, Dipl.-Ing. Dr. Kurt Puchinger: „Wien hat im Bereich der sozialen Wohnbaupolitik eine lange Tradition. Die heutige Wohnsituation ist das Resultat langjährig angelegter Strukturen.“

Heute profitieren 62 Prozent der Wiener Haushalte von geförderten Wohnungen. Seit 1920 läuft die Förderung in eigene Bestandsobjekte.

„Fördermittel sind keine Almosen für die Ärmsten der Armen. Sie dienen der Strukturerhaltung in der Stadt, indem sie Wohnen für mittlere und geringere Einkommen leistbar machen“, so Dipl.-Ing. Dr. Puchinger.

Die Stadt Wien ist Eigentümerin von 220 000 Wohneinheiten, die circa 25 Prozent des gesamten Wohnbestandes ausmachen. Weitere 200 000 leistbare Mietwohnungen sind im Besitz gemeinnütziger Wohnbauträger. Kontinuierlich kauft die Stadt potenzielles Bauland auf, um neue Flächen zu gewinnen. Und statt die Stadt profitorientierten Investoren zu überlassen, gestaltet man sie mittels sogenannter Bauträgerwettbewerbe selbst.

„Wir wollen damit sicherstellen, dass architektonische Ideen eingehalten werden, während die Miethöhe leistbar bleibt und zugleich eine funktionierende soziale Durchmischung in den Wohngebieten gewährleistet ist“, erläuterte Dipl.-Ing. Dr. Puchinger.

Den geförderten Wohnungsbau lässt sich Wien allerdings auch etwas kosten: Rund 600 Millionen Euro investieren das Land und die Stadt Wien gemeinsam jährlich in bezahlbaren Wohnraum. Dass die österreichische Hauptstadt 2015 zum sechsten Mal in Folge zur lebenswertesten Stadt gekürt wurde, liegt also nicht nur am gut funktionierenden Nahverkehr und der hinreißenden Kaffeehaus-Kultur, sondern auch daran, dass die Stadt sowohl am Grundbesitz und Neubau wie auch an den Prinzipien festhält: Architektur, Ökonomie, Ökologie und Soziales.

Das Miteinander fördern: Herwig Spiegl von ALLESWIRDGUT ARCHITEKTUR, Wien

Der Wohn- und Kaufpark Alterlaa ist eine der größten Wohnanlagen Österreichs und bildet eine Stadt in der Stadt Wien mit vollständiger Infrastruktur: drei 400 Meter lange Zeilen (Blöcke), die zwischen 23 und 27 Stockwerke umfassen. Die vom Architekten Harry Glück geplante Anlage wurde zwischen 1973 und 1985 errichtet. Während seiner Kindheit, erzählt Herwig Spiegl von ALLESWIRDGUT ARCHITEKTUR, habe ihm diese Wohnanlage als Sinnbild für hässliche Betonburg-Architektur gegolten. Eine Umfrage allerdings ergab: Hier leben Wiens zufriedenste Bewohner. Einer der Gründe dürften die vielen Gemeinschaftsflächen sein, die das Miteinander der Menschen fördern.

Verdichten ist für den Wiener Architekten ein notwendiger Schritt, um die Probleme, die mit dem Wachsen der Städte einhergehen, zu lösen. Schrumpfen ist eine andere Devise: „Wir brauchen kompakte Wohnungen mit effizienten Grundrissen, die am Bedarf orientiert sind und über gemeinsame Funktions- und Gemeinschaftsbereiche verfügen.“

Schwer fällt es Spiegl zu glauben, dass in Zeiten des sozialen Wandels mit neuen Formen des Miteinanders die zwei Wohnmodelle – Einfamilienhaus im Grünen versus anonymer Geschossbau – die Konstante sein sollen. „Richtig wäre es, Fragen zu stellen, was die Leute wollen, und unsere Projekte zu evaluieren. Wir müssten dann nicht glauben, sondern wir wüssten!“

Im neuen Wiener Stadtteil „Seestadt Aspern“, einem der größten Entwicklungsprojekte Europas, haben die Architekten von AWG in einer Arbeitsgemeinschaft mit DELTA ein Wohn- und Geschäftsgebäude mit 172 Wohneinheiten im sozialen Wohnungsbau realisiert. Ein beispielhaftes Projekt für verdichtetes, bedarfsgerechtes Bauen und soziales Miteinander am Rande der Stadt: „Beim Innenleben der Häuser haben wir auf soziale Durchmischung und Wohnqualität geachtet“, beschreibt Spiegl das Projekt. Treppenhäuser und Gemeinschaftsräume seien ein wesentlicher Teil des Konzeptes – als Orte der Begegnung und Kommunikation.

Wohnungsbau als Utopie: Raphael Frei von pool Architekten, Zürich

Raphael Frei von pool Architekten, Zürich, verdeutlichte anhand aktueller gebauter Beispiele, dass Wohnkultur und Baukultur im Wechselspiel zueinander stehen.  Mit detailliertem Blick auf die einzelnen Projekte zeigte er, wie seine Häuser bewohnt aussehen.

„Wohnungsbau kann man nur als Utopie verstehen: Der Architekt denkt sich etwas, setzt es in die Realität um. Bewohner scheren sich nicht darum, was er sich gedacht hat, und nutzen Räume auf ihre Weise,“ so Raphael Frei.

Flexibel und extrem günstig: Oliver Thill von Atelier Kempe Thill, Rotterdam

Für Oliver Thill, Atelier Kempe Thill, Rotterdam, machen die massiven gesellschaftlichen Verschiebungen Wohnungsbau interessant: „Wir wissen nicht mehr, für wen wir bauen. Deshalb müssen Wohnungen flexibel und variabel sein, nicht nur während der Nutzung, sondern bereits in der Planung.“

Bekannt ist das Rotterdamer Büro dafür, extrem günstig zu bauen. Sein Credo: Einsparen, um an anderer Stelle wieder außergewöhnliche Lösungen zu verwirklichen. Bei ihrem Projekt von 17 zweigeschossigen Stadthäusern haben Kempe Thill durch einen doppelt hohen Wohnraum erreicht, dass auch das Innere gut belichtet ist. „Wir wollen Grenzen im extrem normierten Wohnbau ausloten und versuchen die 15 Prozent Freiheit maximal zu nutzen“, so Oliver Thill.

Mut zum Experiment

„Es ist eine gute Zeit, um etwas zu wagen“, sagt abschließend Herwig Spiegl und fordert auf dem Architektenforum mehr Mut zum Experiment. Es brauche Innovation – denn es solle etwas Neues entstehen und nicht immer nur das Alte besser und effizienter gemacht werden.

Die Situation in Deutschland, so kristallisiert sich während der Diskussion beim Architektenforum heraus, ist aber tatsächlich schwierig. Das hat zum einen mit Standards zu tun, zum anderen mit sehr fixen Auslobungen, die kaum Spielraum für Neues lassen. Durch diese Rahmenbedingungen, meint Herwig Spiegl, verkomme der Architekt zum reinen „Zeichenstift“.

Außerdem sind in Deutschland Grundstücke viel mehr als beispielsweise in Österreich Gegenstand von Profitmaximierung und Spekulation. Statt immer nur die Architekten anzuhalten, stets billiger und billiger zu bauen, sei hier die Politik gefragt. Sie müsse die Bedingungen schaffen, um Grundstücke der Spekulation zu entziehen und damit bezahlbaren und gleichzeitig hochwertigen Wohnraum möglich zu machen.

Das nächste Architektenforum ist für April 2018 im Raum Düsseldorf geplant.

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