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Blauer Schimmer

Neubau eines Einkaufszentrums in Roermond
Blauer Schimmer

Der Rotterdamer Architekt Maurice Nio ist bekannt für seine experimentellen Entwürfe mit ungewöhnlichen Materialien. In Roermond, nur wenige Kilometer von der deutsch-niederländischen Grenze entfernt, hat er das grell-bunte Einkaufszentrum „Betty Blue“ fertig gestellt. Zur Verkleidung der Fassaden nutzte er dabei bläulich schimmernde Aluminiumpaneele.

Robert Uhde

Mit ihren futuristischen Projekten an der Grenze der Schwerkraft gehören die Rotterdamer Nio Architecten um Maurice Nio seit Jahren zu den innovativsten Architekturbüros in den Niederlanden. In der Nähe von Amsterdam realisierten die Planer 2003 eine organisch geformte Bushaltestelle, die wie ein Surfbrett vollständig aus Hartschaum und Polyester errichtet wurde und mit einer Länge von rund 50 m seinerzeit das größte, komplett aus Kunststoff bestehende Gebäude der Welt war.
Und in Hilversum hatte das Büro kurz zuvor eine Lärmschutzwand geschaffen, aus der zwölf Appartements wie langgestreckte Wohnwagen herausragen.
Ein weiteres spannendes Projekt der Nio Architecten ist der vor kurzem am nördlichen Stadtrand der südniederländischen Stadt Roermond eröffnete Retail-Park „Betty Blue“. Normalerweise zeichnet sich die Bauaufgabe „Einkaufszentrum“ nicht gerade durch herausragende architektonische Entwürfe aus. Anders der Retail-Park in Roermond, der sich mit seiner konsequent gestalteten organischen Formgebung und seiner metallisch schimmernden Außenfassade wohltuend von vergleichbaren anderen Projekten abhebt. Der Neubau wurde im Norden der Stadt direkt an der Autobahn A 73 errichtet, nur etwa zwei Kilometer von der deutsch-niederländischen Grenze bei Mönchengladbach entfernt. An sieben Tagen in der Woche steht den Besuchern auf einer Bruttogeschossfläche von 35 000 m² ein umfangreiches Angebot zur Auswahl – vom privat betriebenen Café oder Restaurant über eine Vielzahl von Einzelhandelsgeschäften bis hin zu Filialen der großen Magnetanbieter wie MediaMarkt oder Intersport.
Das Einzugsgebiet des neuen Shopping Centers umfasst die gesamte Grenzregion zwischen den Niederlanden, Belgien und dem einwohnerstarken Bundesland Nordrhein-Westfalen. Im Umkreis von 70 km liegen die größeren Städte Eindhoven, Venlo, Maastricht, Mönchengladbach, Düsseldorf, Krefeld, Köln, Aachen, Duisburg und Liege. Um die Anziehungskraft und Attraktivität des Projekts zu erhöhen und gleichzeitig eine möglichst lange Aufenthaltsdauer vor Ort und eine höhere Kaufbereitschaft der Besucher zu erreichen, wird der Branchen-Mix des Retail-Parks im Vergleich zu herkömmlichen Einkaufszentren ganz bewusst durch spezielle Freizeit- und Entertainment-Angebote erweitert.
Extravagantes Outfit
In den meisten Fällen werden Shopping-Center nach rein wirtschaftlichen Kriterien und ohne das gestalterische Know-how eines Architekturbüros realisiert – mit den weithin beklagten Folgen von monoton auf die Grüne Wiese gestellten Kisten und eines chaotischen Wucherns und Ausuferns der Stadtränder.
Der Entwurf von Maurice Nio fällt dagegen schon auf den ersten Blick angenehm aus der Reihe. Denn in einer architektonischen Hommage an die Namensgeberin des Projekts – die geheimnisvoll-verrückte Hauptfigur aus Philippe Djians gleichnamigem Roman „Betty Blue“ –, setzten die Planer ganz gezielt auf ein schrill-buntes Äußeres, das sich je nach Perspektive fortwährend zu wandeln scheint: An einigen Stellen finden sich runde, an anderen Stellen kantige Formen; mal erscheinen die Fassaden in grellem Rosa, dann wieder leuchtend blau.
Gesteigert wird das bunte Farbenspiel durch die nicht minder bunte Außenwerbung und Leuchtreklame der unterschiedlichen Konzerne und Warenhausketten. Was andernorts jedoch eher verwirrend und uninspiriert wirkt, das fügt sich hier ganz harmonisch in das architektonische Konzept ein.
Denn der Neubau wurde ganz bewusst nicht als Nachahmung einer historisch gewachsenen Innenstadt, sondern konsequent und wenig sentimental als schillernde, betont künstliche Konsumwelt auf der Grünen Wiese konzipiert.
Bauvolumina und Gliederung
Das Gebäude-Ensemble des Retail-Parks setzt sich zusammen aus drei unterschiedlich großen, organisch geformten, in Stahlbetonweise errichteten Baukörpern, die gemeinsam einen großen Parkplatz mit 1 200 Stellplätzen umschließen. Den größten Teil der Fläche sowie den überwiegenden Teil der Geschäfte nimmt dabei der U-förmig geschnittene, durchgehend zweigeschossig ausgebildete Baukörper in Richtung Nordwesten auf. Die beiden anderen, deutlich kleineren Volumina sind überwiegend für ein Möbelgeschäft und ein Fast-Food-Restaurant vorbehalten. An den Rückseiten der einzelnen Baukörper stehen jeweils bequem erreichbare Zonen zur Anlieferung zur Verfügung.
Das Erdgeschoss der einzelnen Volumina wurde jeweils durch eine große Schaufensterfront geöffnet, um so ausreichenden Tageslichteinfall im Inneren und einen fließenden Übergang zwischen innen und außen zu schaffen. Die eingesetzten Glasflächen folgen dabei elegant dem organischen Schwung der Grundrissform. Unterbrochen wird die transparente Glasfront durch blau bedruckte Keramikplatten, die die Architekten in verschiedenen Abschnitten integrierten, um einzelne Bereiche als Lager- oder Stellflächen nutzen zu können.
Zur Verblendung der oberen Ebenen kamen alternativ sprühlackierte Aluminiumpaneele zum Einsatz, die je nach Standort und Wetter bläulich oder rosa schimmern und dem Einkaufszentrum so sein markantes Äußeres verleihen. An drei markanten Stellen des Retail-Parks ragt die farbige Front deutlich über das Obergeschoss hinaus. In diesen Bereichen haben die Planer drei jeweils 14 m hoch aufragende Holztürme zur nächtlichen Beleuchtung des Einkaufszentrums und als weithin sichtbare Werbeflächen integriert.
Organisch fließende Außenhülle
Um Kosten zu sparen und einen zügigen Baufortschritt zu gewährleisten, wurde die Aluminiumfassade des Retail Parks mit modular vorgefertigten Paneelen errichtet. Die Herstellung und Montage der einzelnen Elemente erfolgte durch den Fassadenhersteller Leebo aus Drunen, der die angelieferten Aluminiumrollen zunächst zugeschnitten, geformt und profiliert und dann zu vorgefertigten Kassettenpaneelen verarbeitet hatte.
„Die Normgröße der einzelnen Paneele haben wir dabei vorab auf 8,1 x 8,1 m festgelegt“, berichtet Architekt Maurice Nio. „An verschiedenen Stellen der Fassade haben wir jedoch ganz bewusst auch andere Formate eingesetzt, um das strenge Raster wieder aufzubrechen und ein abwechslungsreiches Fassadenbild zu erhalten.“
Zusätzliche Dynamik erhält die organisch fließende Außenhülle durch die Integration unterschiedlich großer horizontaler Fensterbänder. Nach außen hin werden diese „Sehschlitze“ durch Blendschutzelemente aus schwarzem Kunststoff eingefasst, die deutlich aus der Fassade hervorkragen. Am imposantesten wirken die abgerundeten Blenden am Abend, wenn sie durch Leuchtstoffröhren tiefblau illuminiert werden.
Ähnlich viel Aufmerksamkeit wie der Detaillierung der Fassade widmeten die Planer der Anordnung der Werbetafeln: „Um einen allzu chaotischen Eindruck zu vermieden haben wir hier vorab ein umfassendes Gestaltungs-handbuch entwickelt, um den Mietern
exakte Regeln für die Ausführung und Abmessung der verschiedenen Werbeaufschriften an die Hand zu geben“, erklärt Maurice Nio.
Zudem mussten sämtliche Banner auf vorab gefertigten, exakt auf die fließende Formgebung der Architektur abgestimmten Elementen aus Streckmetallgitter angebracht werden. Und auch bei der Außenmöblierung im Bereich des Parkplatzes überließen die Architekten nichts dem Zufall und gestalteten sämtliche Details wie die organisch geformten Sitzbänke, die mit einem Plexiglasdach überdeckte Einkaufswagenstation oder die reduzierten Fahrbahnmarkierungen in Eigenregie. Besonders auffallend präsentiert sich dabei die ebenfalls an die übrige Planung angelehnte Gestaltung der Pkw-Stellplätze, die als organisch rund eingefasste Flächen mit hellblau gefärbten Pflastersteinen realisiert wurden.
Bunte Warenwelt
Im Zentrum des U-förmigen Baukörpers erreichen die Besucher den markant gestalteten Haupteingang des Shopping-Centers, der zum Parkplatz hin durch ein großes Panoramafenster deutlich markiert wird. Durch die Orientierung des Eingangs nach Süden erhält der Eingang nicht nur ein Maximum an Tageslicht, sondern ist auch relativ unanfällig gegen Wind. Im Inneren des Einkaufszentrums bietet sich den Besuchern auf zwei oberirdischen und einer unterirdischen, durch Aufzüge und Rolltreppen miteinander verbundenen Ebenen eine bunte Warenwelt mit rund 130 Fachgeschäften. Für einen effektiven Brandschutz wurden sämtliche Räume mit Sprinkleranlagen ausgestattet, so dass die sonst vorgeschriebenen Brandabschnitte von 1 000 m² nicht berücksichtigt zu werden brauchten. „Allerdings mussten wir nach Osten hin eine Distanz von 50 m zur angrenzenden Autobahn einhalten, um das Gebäude gegen den Verkehr und eventuelle Unfälle zu sichern“, so Maurice Nio.
Bei der Gestaltung der Innenräume herrschen wie im Außenbereich die Farben Blau und Rosa vor – neben rosa-farbenen Leuchtstoffreklamen integrierten die Architekten zum Beispiel blaue Böden. Und als Deckenverkleidung kamen in sämtlichen Bereichen Aluminiumpaneele zum Einsatz. Innen und außen bilden so ein konsequent gestaltetes organisches Ganzes, das fließend ineinander übergeht und das den Einkauf auf der Grünen Wiese zum sinnlichen Gesamterlebnis werden lässt.
Planung: NIO architecten, Rotterdam
Projektteam: Joan Almekinders, Georg Bohle, Joost Kok, Sean Matsumoto, Maurice Nio, Arek Seredyn
Statik: DHV Bouw en Industrie, Den Haag; Schaal Ingenieurs, Schiedam
Gebäudetechnik: Berkhof Boerboom, Leusden
Projektplanung: Aanemersbedrijf Louis Scheepers, Roermond
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