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Gut zur Geltung gebracht

Umbau, Sanierung und Erweiterung des Augustinermuseums in Freiburg
Gut zur Geltung gebracht

Steinerne Propheten, Fabelwesen, Heilige und Todsünden charakterisieren neben gotischer Architektur das Freiburger Münster im Breisgau. Nur Kenner wissen, dass es sich bei den beeindruckenden Skulpturen um Nachbildungen handelt. Die wertvollen Originalfiguren fanden im benachbarten Kloster ein neues Zuhause, das eigens dafür umgebaut, saniert und erweitert wurde.

Nikolai Ziegler

Durch die Säkularisierung der Kirche im 19. Jahrhundert wurde das Kirchenschiff des Eremitenordens zunächst zum Theater, dann 1920 zum Museum umgebaut. Jetzt hat Christoph Mäckler die historische Bausubstanz genutzt, um darin zeitgemäße Ausstellungsflächen unterzubringen. Die Kunstwerke der überregional bedeutenden Sammlung sakraler und profaner Kunst vom Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert erstrahlen hier in neuem Licht.
Mit einem zurückhaltenden Neubau schließt das Konzept des Architekten das Baufeld zum angrenzenden Augustinerplatz ab. Als sichtbares Zeichen nach außen wurden die historischen „Kaiserfenster“ aus dem Bestand des Museums in den großzügig verglasten Vorbau integriert und damit wieder zur vollen Geltung gebracht. Bei Dämmerung beleuchtet, verhelfen sie zu einem adäquaten Eingangsportal für Besucher. Über das Foyer betritt der Besucher die „Raumtreppe“, die als Haupterschließung der einzelnen Ebenen dient. Im Untergeschoss, das auch von hier erschlossen wird, bleibt Raum für Wechselausstellungen. Großzügige Öffnungen der Treppenbrüstung erlauben interessante Blickbeziehungen in die jeweilig anschließenden Ausstellungsräume. Neben einer Empore wurde der östlich angrenzende Hauptraum durch eine zweite Raumschale zu seiner ursprünglichen Dreischiffigkeit umgebaut, um nun die zentrale Sammlung der steinernen Originalfiguren des Freiburger Münsters zu beinhalten.
„Im Zuge der Baumaßnahmen in den letzten beiden Jahrhunderten büßte das Kirchenschiff einen Großteil seiner räumlichen Kraft ein. Durch eine in das Kirchenschiff eingestellte zweite Raumschale machen wir die ursprüngliche Raumwirkung wieder erlebbar und schaffen damit einen
würdigen Rahmen für die wunderbaren Münsterfiguren und Wasser-speier“, erklärt Professor Christoph Mäckler die Konstruktion.
Alternative Materialkultur
Christoph Mäckler gestaltete die Räume nach den Kunstobjekten, die darin ihren Platz finden sollten. Dadurch entstand ein Zusammenwirken von Kunst und Architektur, wie man es selten erlebt. Um das alte Gemäuer angemessen zu schützen, wurde Keim Universalputz verarbeitet und mit der zweikomponentigen Mineralfarbe Keim Purkristalat beschichtet. Von den rauen Sandsteinskulpturen ausgehend, entstand ein kraftvolles Spektrum verwendeter Baustoffe. Heller Kalksandstein aus Spanien, in großformatigen Bodenfließen verlegt, verleiht dem Raum die angemessene Formalität. In Kontrast dazu kamen Wandbekleidungen aus warmgewalztem Stahl mit rauer Oberfläche zur Geltung.
Bei den Sichtbetonwänden im Hauptraum wurde ein eingefärbter Ortbeton mit Zuschlägen aus Rheinsand, Kalksteinsplitt, Weißzement und Remei Rebacolor Farbzusätzen verwendet. Um den monolithischen Eindruck einer Steinwand in der Farbigkeit des verlegten Natursteins zu schaffen, wurden die ausgehärteten Betonwände durch einen Steinmetz behauen. In die Decke symmetrisch eingestanzte, kleine, diffus abstrahlende Lichtfelder mit dickwandigen zurückgesetzten Glasscheiben und einer hohen Leuchtdichte tauchen diesen nicht sehr großen, aber hohen Raum in eine frische, einladende Atmosphäre.
Ausgewogene Lichtführung
Resultierend aus der kleinen Grundfläche entstand die Ausstellungsfolge. In Kreisen erwandert der Besucher das Gebäude von unten nach oben. Balkone, Galerien und Stege, Nischen und Fenster ermöglichen eine Annäherung an die Kunst aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. So können die Kunstwerke aus allen Richtungen, von nah oder fern betrachtet werden. Im Kontext zwischen Architektur und den Exponaten wurde eine dramatische Lichtästhetik gewählt. In die Balkone integrierte Sonderausführungen des fokussierbaren Projektionsstrahlers Erco Stella lassen die Münsterplastiken als Hauptakteure erscheinen. Das warmtönige Licht der Halogen-Metalldampflampen zeigt die Materialität der Wandoberflächen, aber im Besonderen die Arbeit der mittelalterlichen Steinmetze. Jede Falte der Gewänder, die Mimik der Gesichter, aber auch die Schäden, die Wind und Wetter hinterlassen haben, können in Augenschein genommen werden.
Galerieartig geöffnete Kabinette flankieren das Mittelschiff mit subtil abgestimmten blauen Wandoberflächen. Sie bieten Platz für Tafelmalereien und Holzskulpturen vom 11. – 15. Jahrhundert. In die Decken integrierte Wandfluter reflektieren weiches aber vertikal gleichmäßiges Licht auf die blauen Wandflächen. Sie sind die Indikatoren für eine zurückgenommene Raumatmosphäre, die es ermöglicht, unterschiedliche Exponate jeweils als einzelnes Werk zu präsentieren. In Querrichtung der Räume wurden Stromschienen mit Einputzprofil zur Aufnahme von Strahlerleuchten verschiedener Ausstrahlungswinkel, mit Konturenschiebern, Bildmasken und UV-Filtern zum Schutz der wertvollen Exponate deckenbündig verbaut.
Die Sammlung der Kirchenfenster aus Hoch- und Spätgotik, der Renaissance und des frühen Historismus ist in dunklen Kabinetten untergebracht. Hier wurde ein Beleuchtungssystem entwickelt, das die Glasmalereien adäquat hinterleuchtet. Die Kirchenfenster sind mit Leuchtenelementen hinterlegt, die mittels dynamisch bedruckter Punktraster das integrierte vertikale, diffuse Licht der Leuchtstofflampen gleichmäßig streuen.
Die ausgewogene Lichtführung, die sich sowohl im Kirchenschiff als auch im Chor mit Ausschließlichkeit auf die Exponate bezieht, verzichtet bewusst auf ein allgemeines Raumlicht. Erstaunlich hingegen sind die unterschiedlichen Raumeindrücke, die durch gleiche, warmweiße Farbtemperatur der Halogen-Metalldampflampen entstehen. Das Kirchenschiff zeigt sich dramatisch, feierlich. Hier spielen Licht und Schatten eine besondere Rolle. Festlich, einladend hell, lichtdurchflutet, spielerisch, erscheint der Chor, geprägt durch die Reflexion der hellen Wandoberflächen. Das Licht im Kirchenschiff erfährt die Reflexionen von den steinernen Münsterplastiken.
Lohnender Aufstieg
Neben einem monumentalen „Setzkasten“ der im Chor installiert wurde und Präsentationsmöglichkeiten für größere und kleinere Ausstellungsstücke bietet wurden auch alle weiteren Wand- und Standvitrinen von Glasbau Hahn entwickelt und eigens für die Ausstellung gebaut.
Als eines der Ausstellungshighlights gilt der in den 1720er Jahren entstandene Orgelprospekt aus der Abteikirche Gengenbach. Wer hinter den Prospekt ins Innere der Orgel tritt, kann ein funktionstüchtiges Spielwerk der Freiburger Firma Welte & Söhne aus der Nähe betrachten. Zimmermannkunst des Mittelalters entschädigt den Aufstieg bis ins Dachgeschoss. Das mit einem Holzschutzmittel versehene Gebälk wurde in einem aufwändigen Restaurierungsverfahren wiederhergestellt und durch ein spezielles Beschichtungssystem vor dem weiteren Zerfall bewahrt. Eiche als Schiffsbodenparkett verlegt, unterstützt den historischen Charme. In überraschend selbstbewusstem Rot erstrahlt dahingegen die Wandflächen, in deren Kulisse sich Malerei des 19. und 20. Jahrhunderts präsentiert.
Verbindendes Element zwischen dem Münster und dem Ort, an dem einige Originalfiguren jetzt aufbewahrt sind, bildet eine von hier aus nachvollziehbare Blickachse. In einer kleinen Dachgaube untergebracht, lädt ein Fernrohr dazu ein, die Architektur des Münsterturmes abzutasten, um die ursprünglichen Standorte der 4 m hohen Sandsteinfiguren zu erkunden.
Architekt: Prof. Christoph Mäckler Architekten, Frankfurt am Main Lichtplanung: Büro Kress & Adams, Köln
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