Sanierung und Umnutzung eines Wasserturms zum Hotel in Radolfzell

Energieautark mit Aussicht – Hotel im Wasserturm Radolfzell

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Nach acht Jahren wechselvoller Bauzeit wurde in einem ehemaligen Wasserturm in Radolfzell am Bodensee ein außergewöhnliches Hotel eröffnet: der Aquaturm. Mit Passivhaus-Technologie saniert, erwirtschaftet das Hotel mehr Energie, als es benötigt – und ist damit das erste Null-Energie-Hochhaus der Welt.

Aktuelles Monitoring bestätigt hervorragende Energiebilanz des Nullenergie-Hochhauses »

Mit der Eröffnung des neuen Design-Hotels haben die Brüder Norman und Thorsten Räffle gemeinsam mit ihrem Vater Jürgen einen lange gehegten Traum verwirklicht. Zwanzig Jahre lang ließ sie die Idee nicht los, den 1956 errichteten und seit 1979 stillgelegten Wasserturm des einstigen Milchwerks neu zu nutzen. „Der Turm hat mich schon als Jugendlicher fasziniert“, erzählt Norman Räffle, der heute Architekt und Energieplaner ist. Doch welche neue Funktion sollte das Gebäude haben? „Von der Gastronomie über Wohnungen bis hin zu Büros habe ich immer wieder neue Ideen skizziert.“

Vater Jürgen, Unternehmer und Bauherr, ließ sich von der Begeisterung seines Sohnes anstecken. Als die Stadt den Wasserturm 2002 für 25 000 Euro zum Kauf ausschrieb, griff er zu. Gemeinsam mit Betriebswirt Thorsten entwickelten sie einen Businessplan und schrieben einen 100-seitigen Förderantrag an das Bundesministerium für Umwelt. Denn: In Radolfzell sollte das weltweit erste Null-Energie-Hochhaus entstehen, so die Vision der Räffle & Sons GbR.

Visionäres Energiekonzept

„Durch die Sanierung des Turms mit Passivhaus-Technologie wollten wir den Energiebedarf so weit senken, dass gebäudeintegrierte Anlagen für Photovoltaik, Solarthermie, Hydrothermie und Windkraft ausreichen, um den Energiebedarf für die gewerbliche Nutzung zu decken – CO2-neutral“ , so Norman Räffle.

Tatsächlich bewilligte der damalige Bundesumweltminister Sigmar Gabriel 2008 die Förderung des Projekts mit rund 435 000 Euro aus dem Umweltinnovationsprogramm.

„Das Vorhaben zeigt, wie wir das Potenzial alter Gebäude für eine bessere Energieeffizienz nutzen können. Ich wünsche mir viele Nachahmer“, lobte Gabriel anlässlich der Auszeichnung als „Demonstrationsvorhaben der Bundesrepublik Deutschland“.

Mit Elan starteten die Tiefbauarbeiten. Doch schon 2009 erzwang die weltweite Finanzkrise ein Umdenken, denn die erhofften Büromieter sprangen ab. Familie Räffle plante neu und beschloss, den Turm zum Hotel umzubauen. 2011 wurde die Baustelle wiedereröffnet, um zusätzlich zum Fundament auch das Tragwerk zu verstärken.

Statisch verbunden

„Der Turm dürfte nach dem Umbau rund 2 500 t wiegen – immerhin ein Drittel des Eiffelturms“ , erklärt Patrick Schmidt von Baustatik Relling. „Doch er steht auf weichem, gering tragfähigen Seeton. Zudem liegt Radolfzell in der Erdbebenzone 2.“ Eine neue, kombinierte Pfahl-Platten-Gründung bildet nun ein solides Fundament mit 15 m tief verankerten Pfählen. Neue Wand- und Deckenelemente aus Stahlbeton stabilisieren den Turm zudem von innen. Der ehemals 34 m hohe Wasserturm wurde auf eine Schaftlänge von 20 m abgetragen und um fünf weit auskragende Geschosse in Stahlbeton-Bauweise aufgestockt. Der Zugang zu den 14 Etagen des Gebäudes, das nun mitsamt der vertikalen Windkraftanlage auf dem Dach 50,5 m hoch ist, erfolgt über einen neu errichteten Aufzug- und Treppenturm. Dieser ermöglicht es nicht nur, die knappe Grundfläche des Gebäudes optimal zu nutzen, sondern dient zugleich der Aussteifung. Über Stege verbunden, fangen die beiden Türme Lasten durch Wind und Beben gemeinsam auf.

Vielfältig thermisch getrennt

„Die Verbindung der beiden Türme war für den Erfolg des Bauprojekts aus statischer und energetischer Sicht kritisch“ , erklärt Tragwerksplaner Schmidt. „Über die Stege müssen kontinuierliche und punktuell auftretende Druck-, Zug- und Querkräfte übertragen werden – nicht jedoch Wärme. Sonst fließt nicht nur wertvolle Heizenergie ab, es kann sich auch Kondenswasser und somit Schimmel bilden.“ Die Bewehrungen der Stege und Türme wurden daher nicht direkt miteinander verbunden, sondern über das tragende Wärmedämmelement „Schöck Isokorb“ , eine zertifizierte Passivhaus-Komponente. Eingesetzt wurde der Schöck Isokorb „Typ QPXT“ mit 120 mm Dämmdicke für gestützte Konstruktionen sowie ergänzend „Typ EQ“ zur Aufnahme von Erdbeben- und Windeinwirkungen. In den Stahlbeton der Stege eingebettet, überträgt die tragende, wärmebrückenarme Konstruktion horizontal und vertikal auftretende Querkräfte sowie Zug- und Druckkräfte auf die Türme. Ergänzend wurden die Decken der Stege mit dem Schöck Isokorb „Typ D“ und die durchgehenden Wände in den zwei Obergeschossen mit „Typ W“ thermisch entkoppelt mit dem Hauptturm verbunden.

Null-Energie-Hochhaus mit Alpenblick

Nach über achtjähriger Tätigkeit auf der Baustelle sattelten Jürgen Räffle und seine Lebenspartnerin Ursula Sohst um und wurden zu Hoteliers. Das weltweit erste Null-Energie-Hochhaus bietet in 15 Doppelzimmern, einer Suite und vier Einzelzimmern Platz für maximal 56 Gäste. Eine atemberaubende Rundum-Aussicht bietet die Suite des Aquaturms: Von hier aus können die Besucher ihren Blick über den Bodensee, die Schweizer Alpen und die Altstadt von Radolfzell bis zur Vulkan- und Burgenlandschaft des Hegau schweifen lassen.

Der Aquaturm wurde u.a. mit einer Passivhaus-Fassade mit 1 000 Photovoltaikmodulen sowie einer solarthermischen Anlage ausgestattet. Diese deckt mit rund 32 000 kWh/a etwa die Hälfte des Gesamtwärmebedarfs ab. Das Heizen und Kühlen der Räumlichkeiten übernimmt ergänzend eine hocheffiziente, modulierende Wasser/Wasser-Wärmepumpe, die ca. 37 000 kWh/a an Wärme sowie über das Free Cooling Prinzip 13 200 kWh/a an Kälte liefert. Die zu 100 % selbst produzierte Energie aus Solar- und Geothermie, Windkraft und Photovoltaik versorgt übrigens auch die vier hauseigenen Elektrotankstellen, vier Tesla-Charger und fünf E- Bike-Ladeplätze.

Energieeffizientes Heizen und Kühlen

Für angenehme Temperaturen im Inneren sorgt u.a. eine Flächentemperierung. Die Zimmer sowie der rundum verglaste Frühstücksraum im elften Stockwerk wurden mit dem besonders rasch und einfach zu verlegenden „Klett Nassbausystem“ von Uponor ausgestattet. Um die optimale Stand- und Trittfestigkeit des Systems sicherzustellen, kamen besonders strapazierfähige Rollplatten zum Einsatz. Diese wurden eigens für die höheren Drucklasten in Hotels oder Ausstellungsräumen entwickelt.

Neben der angenehmen und energieeffizienten Strahlungswärme sorgt die Flächentemperierung auch für Kühlung. So wurde auf jeder Etage des Hotels ein Regelungsmodul des Typs „Uponor Smatrix Base“ installiert, das standardmäßig mit einer Kühlfunktion ausgestattet ist und über ein externes Signal zwischen den verschiedenen Modi wechseln kann. Im Kühlfall bietet die Regelung einen zuverlässigen Schutz vor Taupunktunterschreitung, wodurch Schäden an der Bausubstanz durch Kondensation vermieden werden. Darüber hinaus passt die intelligente Autoabgleich-Funktion den Massenstrom in jedem Heizkreis regelmäßig an die Veränderungen im System oder im jeweiligen Raum an. Auf diese Weise werden in dem außergewöhnlichen Turmhotel am Bodensee gleichmäßige Bodentemperaturen, schnelle Ansprechzeiten sowie eine hohe Energieeffizienz sichergestellt.

Architekten:

AIR Architektur- und Ingenieurbüro Räffle, Radolfzell

www.aquaturm.de


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