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Losgelöst

Aufstockung einer Schule in Stuttgart
Losgelöst

Zur Erweiterung der Cannstatter Schule wurde wegen fehlender statischer Reserven des Altbaus eine Aufstockung auf eigenem Tragwerk realisiert. Die Planer fanden in der filigranen Umsetzung ein verträgliches architektonisches Maß. Bewusst sichtbar bleibt dabei der Kontrast zwischen Alt und Neu.

Das Gebäude der Wilhelm Maybach Schule wurde nach seiner Zerstörung im 2. Weltkrieg von 1953 – 1954 mit Theoriegebäude, Verwaltung, Aula und Werkstätten wieder neu errichtet und im Januar 1955 in Betrieb genommen. Das typische Nachkriegsgebäudes ist ungedämmt, einfachverglast und mit einem mageren Bitumendach versehen, die Tragkonstruktion besteht aus einem mit Sichtmauerwerk ausgemauerten Stahlskelett. Der robusten und lässig konzipierten Einbundanlage haftet etwas Industrielles an, mit dem unverkennbaren spröden Charme ihrer Zeit. Vorgabe war es, die Schule um elf Klassenräume, zwei EDV-Räume, zwei Schülerarbeitsräume sowie jeweils einen SMV-Raum, ein Elternsprechzimmer, ein Besprechungszimmer und einen Lehrmittelraum zu erweitern. Um dieses Raumprogramm zu realisieren, wurden drei grundsätzlich verschiedene Ansätze untersucht: Ein Anbau, ein eigenständiger Erweiterungsbau auf einer angrenzenden Grünfläche sowie eine Aufstockung des Gebäudes.

Der direkte Anbau an die Schule schied auf Grund zu langer Wege im Gebäude und der hohen Lärmbelästigung durch eine angrenzende Bahnlinie relativ früh aus. Ein eingeschossiger Erweiterungsbau wurde bis in die Politik hinein lange und sehr kontrovers diskutiert, da dies die absolut kostengünstigste Variante war. Zudem wäre der Schulbetrieb durch eine relativ unproblematische Bauabwicklung weitestgehend ungestört geblieben. Allerdings lag die zur Verfügung stehende Grundstücksfläche innerhalb einer Frischluftschneise, die ins Innere des Stuttgarter Talkessels führt und im Bebauungsplan als reine Grünfläche ausgewiesen war.
Eigenes Tragwerk für Aufstockung
Bei Untersuchung der Aufstockungsvariante stellte sich bald heraus, dass im Bestand ohne jegliche statische Reserven, also mit einem Minimum an Materialstärken und Betoneisen gearbeitet worden war. Das direkte Aufsetzen eines vierten Geschosses auf das bestehende Gebäude hätte folglich umfangreiche Abfang- und Ertüchtigungsmaßnahmen der alten Bausubstanz zur Folge gehabt mit Abstützungen bzw. Verstärkungen über alle Geschosse bis in die Fundamente. Der gesamte Schulbetrieb hätte über die Bauzeit ausgelagert werden müssen. Als einzige mit vertretbarem Aufwand realisierbare Lösung schälte sich daraufhin eine Variante mit einem eigenen Tragwerk heraus, das über die bestehende Schule gestülpt wird. Dieser leicht futuristische Ansatz erschließt sich dem Betrachter erst aus der Kenntnis der Planungsgeschichte. Es galt abzuwägen zwischen dem Erhalt nachhaltiger städtebaulicher Aspekte, wie der Frischluftzufuhr einer Großstadt, durch eine aufwendigere Aufstockung oder einer kostengünstigeren Lösung. Diese hätte jedoch eine der wichtigen Frischluftadern ins Neckartal verstopft. Die Stadt und das Schulverwaltungsamt entschlossen sich für die nachhaltigere Variante. Planungs- und Bauzeit war von Januar 2002 bis März 2007 (BGF 1 062 m², BRI 5 924 m³).
Architektonisch verträglich
Aufgabe von 4a Architekten war es, die Aufstockungsvariante in der weiteren Planung in einem architektonisch verträglichen Maße umzusetzen. Abgeleitet vom Ausbildungsschwerpunkt und dem Namen der Schule, entstand schon früh das architektonische Leitbild einer „Karosserie“, die auf dem Dach der Schule geparkt und über lange Stäbe am Boden abgesprießt werden sollte.
4a-Architekten: „Architektonisches Leitmotiv für die Aufstockung der Wilhelm Maybach Schule war das Bild einer Karosserie. Diese steht in direktem Zusammenhang mit dem Namensgeber der Schule, Wilhelm Maybach, sowie den Berufsfeldern, die an der gewerblichen Berufsschule unterrichtet werden.“
Um die Aufstockung leicht und filigran wirken zu lassen, wurden die Stäbe wie Mikados um die Schule in den Boden gesteckt. Es sollte ein deutlicher Kontrast zwischen Alt und Neu entstehen, um die Charakteristik des Bestandsgebäudes zu wahren. Der Grundriss wurde aus wirtschaftlichen Gründen als Zweibundanlage konzipiert. Durch Oberlichter im Dach sowie in den Flurtrennwänden erscheint der Flur lichtdurchflutet und hell. Das ermöglicht den Einsatz von Leuchtmitteln mit deutlich geringerer Leistung und spart Energiekosten im Betrieb. Um die Stützenstärken und Fundamentausmaße zu minimieren, wurde die Aufstockung als leichte Stahlkonstruktion konzipiert.
Da bei reinen Leichtbauten die Gefahr des Barackenklimas besteht, wurde auf dem unteren Stahlträgerrost eine 12 cm starke Betonplatte aufgebracht und mit einem 6 cm starken Estrich als Speichermasse versehen. Die Flurbereiche und Klassenräume sind mit Linoleum 5306 (Forbo artoleum) ausgelegt. Der WC-Boden ist mit einer Epoxidharzbeschichtung versehen, ergänzt von Fliesen der Serie Pro Architectura von Villeroy & Boch.
Fassade
Von außen prägen ArGeTon-Ziegelplatten sowie graue Aluminium-Verbundplatten (Alucobond von Alcan) das Erscheinungsbild der Aufstockung und verleihen der Erweiterung einen technisch anmutenden Charakter. In Kombination mit den großzügigen Fensterflächen – eine Holz-Aluminium-Sonderkonstruktion in Pfosten-Riegel-Bauweise (Batimet) – entsteht im Wechselspiel mit farbigen Fassadenpaneelen ein aufgelockertes Fassadenbild. Elektronisch steuerbare Lüftungsklappen im unteren Bereich der Fassadenpaneele sowie eine einfache Abluftanlage garantieren zusätzlich die Nachtauskühlung und sorgen dafür, dass in heißen Sommerzeiten die tagsüber aufgewärmte Luft schnell abgeführt wird. Das hat ein angenehmeres Arbeitsklima in den meist vormittags genutzten Schulräumen zur Folge, ganz ohne Klimatisierung. Für den Sonnen- und Blendschutz wurden außenliegende Raffstoren (E80 AF von Warema Renkhoff) montiert. Auf dem Flachdach kam ein System mit Abdichtungsfolien von Bauder zum Einsatz.
Die völlig losgelöste Konstruktion ermöglicht es ebenso, die Aufstockung ohne umfangreiche Arbeiten am Bestand wieder abzutragen und der Maybach Schule wieder ihr ursprüngliches Gesicht zu verleihen – ein durchaus relevanter Aspekt im Hinblick auf die demografische Entwicklung der Schülerzahlen und im Sinne nachhaltiger Lösungen im Schulbau.
bba-Infoservice Fassaden-Ziegelplatten 534 Fassaden-Aluminium- Verbundplatte 535 Holz-Aluminium Pfosten-Riegelsystem 536 Außenliegender Raffstore 537 Dach-Abdichtungsbahn 538 Fliesen 539 Linoleum 540 www.4a-architekten.de www.4a-architekten.de www.4a-architekten.de internet.nsf/tindex/de_schule.htm
Architekturbüro: 4a Architekten GmbH, Stuttgart Matthias Burkart, Alexander v. Salmuth, Ernst Ulrich Tillmanns Mitarbeiter: (Projektleitung) Ines Landwehr (Bauleitung) Rüdiger Ostermayer
Tragwerksplanung: Knippers Helbig Beratende Ingenieure, Stuttgart
HLS / Lüftung: Ingenieurbüro Zeeh, Schreyer + Partner, Ludwigsburg
Bauphysik: Kurz und Fischer Ingenieure, Winnenden
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