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Rundum Rundungen

Neubau des Zentrums für Molekulare Biowissenschaften (ZMB) in Kiel
Rundum Rundungen

Das Blech ist geblieben, nur die Nutzung hat sich geändert – so könnte man die Veränderung auf dem Campus der Christian-Albrechts-Universität Kiel zusammenfassen. Gemeint ist der Neubau des Zentrums für Molekulare Biowissenschaften, der mit seiner Fassade aus Metall an einem Ort steht, an dem bisher Autos parkten. In Nachbarschaft zum Botanischen Garten entstand mit dem in konkaven und konvexen Rundungen fließenden Körper nach einem Entwurf des Architekturbüros Henn ein Solitär mit hoher Eigenständigkeit.

Dipl. Ing. Marc Nagel

Ein Arbeitsort kann durchaus schlechter liegen. Denn die rund 80 Forscher, die auf der neu geschaffenen 3 100 m2 Nutzfläche des fünf geschossigen Neubaus arbeiten, haben nicht nur ein modernes und elegantes Gebäude als Arbeitsort, sondern auch eine angenehme Umgebung. Zwar befindet sich ganz in der Nähe mit den Bundesstraßen 76 und 503 die vielbeschriebene, gute verkehrliche Anbindung, doch legt sich mit dem Botanischen Garten der Universität Kiel ein grünes und zeitweise recht buntes Band davor.
Grün geht es aber auf dem gesamten Campus zu, der mit kleinen Seen und viel Rasen die eine oder andere Pause aufzuwerten hilft. Ganz zu schweigen natürlich davon, dass in nur ca. 2,5 km Luftlinie das nächste Strandbad und damit die Ostsee liegt – gute Luft somit inklusive. Doch genug geschwärmt von der schönen Umgebung. Auch der Neubau aus der Feder von Henn Architekten aus München kann sich sehen lassen.
Gestalterische Eigenständigkeit
Denn als Solitär auf dem Gelände eines ehemaligen Parkplatzes, beweist dieser Baukörper eine sehr hohe gestalterische Eigenständigkeit. Anders als seine Umgebungsbauten, die nach dem klassischen Grundriss-Muster entworfen wurden, der nur in der Größe und der Kombination der verwendeten Rechtecke variiert, leistet sich das neue Zentrum für Molekulare Biowissenschaften (ZMB) eine Extravaganz.
Es ist rund – nicht rund im Grundriss – aber mit vielen Rundungen versehen. Genau genommen besteht das Gebäude in der Draufsicht aus drei unterschiedlich großen Kreisen, die sich zu einem Ganzen vereinen und eine Art unförmigen „Propeller“ bilden. Daraus entsteht ein Körper, der über fünf Geschosse in Wellen um die in ihm befindlichen Räume fließt. Da sich der Neubau auf einer kleinen Freifläche befindet, stört er aber mit seiner Eigenständigkeit seine Umgebung nicht.
Umschlossen wird der eigentliche, aus einer Lochfassade in Stahlbetonbauweise bestehende Körper von einer vorgehängten Fassade. Sie unterstützt mit ihrer Materialität und Struktur die Außenwirkung des ZMB. Das verwendete Streckmetall mit seiner in Bronze lackierten Aluminiumoberfläche spiegelt die Umgebungsstimmung je nach Tageszeit und Wetterlage wider und bildet ebenfalls einen Kontrast zu den Betonbauten der Umgebung. Beim verwendeten Material handelt es sich um das Produkt Protech von Fils aus Italien, dessen Streckgitterbild die Bezeichnung Ambasciata trägt. Die Fassade wurde von der MBM Dresden Metallbau GmbH verarbeitet. Das Streckmetall ist besonders witterungsbeständig und weist eine hohe Blickdichte von außen und eine gute Sicht von innen nach außen auf. Der Aspekt der Blickdichtigkeit war beim ZMB wichtig. So ist die hinter der vorgehängten Fassade befindliche Konstruktion nicht sichtbar, was dem Gebäude auch bei Dunkelheit sein typisches Rasterbild, das durch die gezielt verteilten Öffnungen entsteht, verleiht. So erkennt man deutlich den Charakter einer Lochfassade.
Abwechslungsreiches Raster
Die Fassadenöffnungen wechseln sich dabei in einem abwechslungsreichen Raster ab. Statt durchgehend dasselbe Raster zu verwenden und so eine Uniformität herzustellen, entwarfen die Architekten eine Abfolge von einzelnen Öffnungsreihen, die über die Fassade verteilt sind. So entsteht ein lebendiges Bild. Jede Öffnung ist dabei geschickt in das Gesamtbild integriert, was auch durch die verdeckt eingebauten Fensterprofile betont wird. Zudem akzentuieren Lisenen die einzelnen Geschosse.
Bei den Fenstern entschied man sich für Profile von Schüco. Die Aluminium-Profile des Typs AWS 75 BS.HI wurden mit einem RAL Farbton 140M E2 Effekt (Bronze) lackiert, ebenso die Verblendungen des Sonnenschutzes, die ebenfalls in die Fassade integriert wurden. Ausgewählt wurden die Schüco-Profile, da sie mit den verdeckt liegenden Fensterflügeln eine sehr schmale Ansichtsbreite aufweisen und zudem mit einem Uf=1,7 W/m2K über eine gute Wärmedämmung verfügen. Als Griffe wurden abschließbare Handgriffe von FSB, Typ FSB 3476, in Edelstahl verwendet. Bei den eingebauten Gläsern wurde durchweg auf einen ebenfalls guten U-Wert geachtet. So verfügen diese VSG-Scheiben als Zweifachverglasung ausgeführt über einen Ug=1,1 W/m2K.
Von rund zu funktional
Betritt man das Gebäude und nähert sich dem Erschließungsbereich, dann erkennt man, dass die Extravaganz der Rundungen im Inneren einer gewissen Orthogonalität weichen musste – aus funktionalistischen Gründen meist nicht zu vermeiden. Lediglich die Außenwände sowie die Einbettung von Treppe und Aufzug weisen noch auf das runde Konzept des Baukörpers hin. Die Erschließung erfolgt mit einem Personen-Aufzug (Kone MaxiSpace) mit einer Kabine Q, die 800 kg Zuladung zulässt. Dieser Aufzug wurde in einen im Grundriss dreieckigen Schacht eingebaut, während der Personen- und Lastenaufzug (Kone MonoSpace 700), der sich ebenfalls im Foyer befindet, in einem klassischen Schacht untergebracht wurde.
Der Personenaufzug, der als Hauptaufzug für den Publikumsverkehr gedacht ist, wurde optisch gegenüber dem Personen- und Lastenaufzug abgehoben. Seine in Bronze gehaltene Öffnung wird von zwei Feldern aus Metall flankiert. Diese ebenfalls in Bronze lackierten Flächen sind leicht gebogen und als Gitter ausgeführt. So zitieren die von Andreas Winkler von Henn Architekten entworfenen Gitterfelder die Außenfassade des ZMB. Die Aufzüge teilen sich den zentralen Erschließungsblock mit diversen Nebenräumen wie Toiletten sowie mit Installationsschächten. Zusätzlich sorgen zwei weitere Installationsschächte dafür, dass alle Arbeitsplätze, für ein Forschungsgebäude notwendig, mit Daten, Gasen und Strom versorgt werden können.
Doch im zentralen Kern wurde neben den funktionalen Bereichen auch ein elegantes Element integriert. So führt neben den beiden Aufzügen auch eine geschwungene, die runden Formen des Baukörpers zitierende Treppe hinauf. Sie wurde wie die Gitterfelder am Aufzug vom Projektleiter Andreas Winkler von Henn Architekten entworfen. Die Treppe wirkt neben der Bogenbewegung, die sie nachvollzieht, vor allem wegen der fehlenden Stirnbretter offen und leicht.
Ausreichend Platz für die Forschung
Die Erschließungswege führen in die oberen Geschosse, die neben den üblichen Nebenräumen vor allem die Arbeitsplätze der Forscher beherbergen. Diese wurden um den Kern und entlang der Fassade angeordnet, so dass sie mit ausreichend Licht über die großen, bodentiefen Fenster der Lochfassade versorgt werden können. Neben den festen Arbeitsplätzen sieht das Raumkonzept auch die Vermietung des dritten Obergeschosses an Start-up-Unternehmen vor. Dadurch wird der Forschungsnachwuchs gefördert. Zudem verfügt das ZMB im obersten Geschoss über einen großen Vortragssaal. Er dient dem Austausch zwischen Forschung, Öffentlichkeit und Wirtschaft und wurde, ganz dem runden Gebäudeentwurf folgend, nach dem Vorbild runder Amphitheater gestaltet.
Mit dem Raumprogramm, der Mischung aus Form und Funktionalität und vor allem der Materialität kann das Zentrum für Molekulare Biowissenschaften als gelungener Neubau bezeichnet werden. Auch dann, wenn man berücksichtigt, dass die ursprünglich in den Entwurfsrenderings deutlich goldener gedachte Fassade heute etwas matter und glanzloser wirkt und ein nicht orthogonaler Grundriss immer Kompromisse bei der Funktionalität abverlangt. Doch das sollte man bereitwillig hinnehmen, wenn man ein Ende mit den immer gleichen Kästen in den immer gleichen Blau- (Glas) oder Grautönen (Beton) machen möchte.
Andreas Winkler, Projektleiter Henn Architekten: „Das Zentrum für Molekulare Biowissenschaften der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel vereint verschiedene Institute in einem Gebäude. Die Formensprache rückt selbstbewusst von den orthogonalen Baukörpern der unmittelbaren Umgebung ab. Raumhohe Fensterelemente sorgen für natürliches Licht bis in die Tiefe der einzelnen Geschosse und alternieren in der Fassade mit perforierten Blechen.“
Architekten: HENN ARCHITEKTEN, München
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