Sanierung des Bezirksrathauses in Stuttgart-Bad Cannstatt

Sichtbare Gegenüberstelltung

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Spannend und herausfordernd: Das sind die passenden Schlagworte für die Sanierung des Bezirksrathauses in Stuttgart-Bad Cannstatt. Mit viel Fingerspitzengefühl und passendem Materialeinsatz gelang es den Architekten Manderscheid Partnerschaft, das für den Stuttgarter Stadtbezirk so wichtige Gebäude zu modernisieren und seine Geschichte zu bewahren.

Dipl. Ing. Marc Nagel | jo

Bad Cannstatt lediglich als Teil der Landeshauptstadt Stuttgart zu bezeichnen, würde dem größten Stadtbezirk nicht gerecht werden. Stolz ist man hier auf die Geschichte, das zweitgrößte Mineralwasservorkommen Europas und die vielen Berühmtheiten der Stadt, allen voran Gottlieb Daimler. Deshalb war es eine missliche Situation, dass mit dem Bezirksrathaus eines der prägenden Gebäude der Altstadt lange verhüllt war. Denn das historische, einst als Kornhaus und Markthalle erbaute Gebäude aus dem Jahr 1490/91 bildet häufig die Kulisse für die Höhepunkte der Bewohner: Ob bei der schwäbisch-alemannischen Straßenfasnet samt Kübelesrennen, beim Maibaumfest, beim Volksfestumzug zur Eröffnung des Cannstatter Wasens oder dem rege besuchten Wochenmarkt – das historische Rathaus begleitet gemeinsam mit der spätgotischen Stadtkirche das Treiben rund um Marktplatz und Marktstraße. So ist es verständlich, dass man hier die Eröffnung des Rathauses im Mai 2013 kaum erwarten konnte.
Komplizierter Bauverlauf
Bevor es jedoch soweit war, gab es einige auch knifflige Aufgaben zu lösen. Es galt die schlechte Bausubstanz zu ertüchtigen und den mangelhaften Brandschutz zu verbessern. Zudem musste auf die Schäden im südöstlichen Teil reagiert werden. Hier war die Gebäudeecke im Laufe der Jahre um bis zu 80 cm abgesackt, da sie auf einer Doline steht. Diese entstand auf dem Schwemmboden des Marktplatzes in Bad Cannstatt. Um auf diese und alle weiteren Herausforderungen adäquat reagieren zu können, beauftragte der Bauherr, das Amt für Liegenschaften und Wohnen der Stadt Stuttgart, die Architekten der Manderscheid Partnerschaft. Das Architektenteam aus Stuttgart hat langjährige Erfahrung im Umgang mit historischen Gebäuden.
Mit der passenden Haltung ging man an die Sanierung und unterschied zwischen dem Erhalt der historischen Elemente und der Erneuerung und Ertüchtigung des Gebäudes.
Statt einer historistischen Rekonstruktion entschied man sich für eine sichtbare Gegenüberstellung von alter Substanz und neuen Bauteilen.
Aus diesem Grund wurde ein nicht historischer Anbau, der Büros, Toiletten und Nebenräume beherbergte, abgerissen und die südöstliche Gebäudeecke komplett entfernt. Das dabei entstandene Loch im Gebäude füllten die Planer mit einer Stahlbetonkonstruktion, die heute nach Fertigstellung vom übrigen Gebäude durch eine leichte Kante abgesetzt ist. Diese Kante entstand, da das neue Gebäudeteil im Lot errichtet wurde, während das Bestandsgebäude durch seine lange Geschichte gebeugt und gebogen ‚daher kommt‘. Ein weiteres Element prägt den neu hinzugefügten Teil: Streckmetall-Elemente aus Kupfer heben sich von den ansonsten verwendeten Klappläden aus Holz ab, deuten diese aber an. Sie wurden von der Gerhard Engelfried Stahl- und Metallbau GmbH aus Stuttgart nach den Plänen der Architekten angefertigt.
Innenräume aufgewertet
Auch innen tauchen immer wieder Kontraste zwischen alt und neu auf. Stützbalken, alte Durchbrüche und Stuckfriese wurden angedeutet oder freigelegt und anschließend weiß getüncht.
Im neuen Anbau, der als Treppenhaus dient, wurde dagegen auf jegliche historistische Gestaltung verzichtet. Glastrennwände zum alten Teil hin grenzen diesen Bereich ab und erfüllen die Vorgaben als Fluchttreppenhaus. Blaue Stahltreppen, blaue Handläufe und Treppenfassungen aus Stahl inszenieren eine eigene Farbwelt und nehmen dennoch Verbindung zum Alten auf. So markieren blaue Stelen aus Stahl im alten Teil die Eingänge zum Treppenhaus und den Ort des Aufzuges. Stahltreppe und Stelen wurden nach den Plänen der Architekten von der Schlosserei Maibrink aus St. Johann hergestellt und vor Ort verbaut.
Verbindendes Element ist der Boden. Der Terrazzoboden kontrastiert sehr gut mit den weißen Putzflächen, ohne sich zu sehr von ihnen abzuwenden. Er stammt von der R. Bayer Betonsteinwerk GmbH aus Blaubeuren und zeichnet sich durch seine elegante Optik und die hohe Robustheit aus. Wobei Terrazzo nicht ganz korrekt ist. Der eingesetzte Boden ist nicht, wie bei einem Terrazzo üblich, in kleine Felder eingeteilt, sondern erstreckt sich über Felder von bis zu 300 m2. Das dazu gehörende Produkt trägt deshalb auch den Namen Terraplan. Terraplan ist ein Spezialbeton auf der Basis eines Dyckerhoff Weißzements. Im Falle des Bezirksrathauses Bad Cannstatt wurde ein zweischichtiger Aufbau gewählt, um die größeren Felder realisieren zu können. Dabei folgte auf die untere Schicht aus faserbewährtem Beton eine Vorsatzschicht mit der entsprechenden Gesteinskörnung für das gewünschte Bild. Der Terraplan kam mit Fahrmischern aus dem Betonwerk der TBR Frischbeton, die auf Basis der Rezeptur vom R. Bayer Betonsteinwerk eine gleichbleibende Qualität lieferte. Da der Terraplan im Bezirksrathaus Bad Cannstatt in Bereichen verlegt wurde, in denen Publikumsverkehr herrscht, wurde er im letzten Arbeitsschritt aufgeraut. So sinkt die Rutschgefahr. Ergänzt werden die Böden in den öffentlichen Bereichen durch Industrie-Stäbchenparkett in den Büroräumen der Verwaltung.
Für die weißen Wände wurde ein Kalkputz des Typs Rotkalk Fein von Knauf verwendet, der mit einem weißen Kalk getüncht wurde.
Die Architekten bestanden auf Kalkputz, da dieser Titandioxid frei ist und zum anderen den historischen Vorbildern nahe kommt.
Dezente Farbgestaltung
Mit den Terrazzo-Böden, den weißen Putzflächen und den blauen Elementen im Treppenhaus ist das Spektrum der Farbgestaltung auch bereits fast beschrieben. Hinzu kommen ergänzend dunkle Holztöne, wo originale Balken verwendet wurden. Diese befinden sich im Dachgeschoss. Ebenfalls in Holz gehalten sind die Laibungen für Türen, die im Farbspektrum von einem sanften Grünton begleitet werden. Dieser findet sich bei den Fenstern wieder und taucht beim Ziffernblatt der Außenuhr auf. Da ein Großteil der Fenster aus den 1970er-Jahren stammte und in der Substanz Mängel aufwies, ersetzte man diese. Hier wurden neue, zweiflüglige Holzfenster entworfen und von der Tischlerei Thomas Loch aus Lengenfeld produziert.
Dabei war es den Planern wichtig, eine schlanke Rahmenkonstruktion zu realisieren, die sowohl energetisch den gesetzlichen Vorgaben entsprach als auch dem historischen Bild nahe kam. Statt Sprossenfenster zu wählen, gingen die Architekten übrigens einen anderen Weg. Sie deuten die Sprossen mit Kupferstäben an, die zwischen den Fensterflügeln horizontal verlaufen. Neben den Öffnungsflügeln erhielten auch die oberen Giebelfenster an der Westseite eine besondere Behandlung. Die Scheiben und Rahmen in den Halbbögen wurden belassen und lediglich aufgearbeitet. So konnten wenigstens diese, aus dem 19. Jahrhundert stammende Elemente erhalten werden.
Neben den Giebelfenstern wurden im ausgebauten Dachgeschoss Dachlamellenfenster für eine verbesserte Belichtung eingesetzt. Die Lamellenfenster e-motion (d) der MP2 GmbH haben dabei den besonderen Vorteil, dass sie beim Öffnen nach außen fahren. Dadurch ist im Inneren kein zusätzlicher Platz nötig. Im Falle des Bezirksrathauses wäre ein Öffnungselement nach innen aufgrund des vorhandenen Dachgebälks nicht oder nur sehr schwer möglich gewesen.
Dachdeckung nach historischem Vorbild
Von außen betrachtet fällt auch die Eindeckung des Daches auf. Mit Biberschwanz-Ziegeln der Erlus AG wählten die Planer eine am historischen Vorbild orientierte Deckung. Die naturroten Ziegel des Typs Geradschnittbiber mit scharfen Kanten mussten von einem hierbei erfahrenen bzw. spezialisierten Betrieb gedeckt werden. Nicht jedes Dachdecker-Unternehmen ist in der Lage, die historisch korrekte Eindeckung vorzunehmen. Mit der Bennert Dachsanierungs GmbH wurde ein solches Unternehmen gefunden. Wie gut die Umsetzung funktionierte, zeigt vor allem der schwierige und sehr gelungene Übergang von Hauptdach zum Dach des Giebels auf der Nordseite.
Schweift man mit dem Blick nach unten, fällt das historische Eingangsportal an der Westseite auf. Der ehemalige Haupteingang wurde behutsam restauriert und präsentiert sich heute klar zur Marktstraße hin. Das Sandsteinportal, das ein dezentes Ornament aufweist, wurde lediglich gereinigt und gesichert. Zusätzlich erhielt das Bezirksrathaus einen weiteren Zugang, der nun als Haupteingang genutzt wird. An der Ostfassade lädt eine große, mit Bronze beschlagene Tür zum Betreten ein. Neben dieser Tür informiert außen eine Tafel über Geschichte und Sanierung des Cannstatter Prestigebaus und verweist auch auf das besondere ‚Fenster‘ über der Tafel. Dort integrierten die Architekten eine Art Schaufenster in die Konstruktion des gotischen Rathauses: Ein mit Stahlblechen eingefasstes Feld zeigt das unter dem Putz liegende, originale Fachwerk des Gebäudes, das sich dort befindet, wo vor der Sanierung der Anbau angeflanscht war.
Gelungen bis ins Detail
Und der Gesamteindruck? Er ist positiv. Es stimmen die Materialien, es passen die Farben und es wurde elegant mit der Verbindung von alt und neu umgegangen. Man merkt ein gestalterische Grundhaltung des Büros Manderscheid Partnerschaft. Ein rundum gutes Zeugnis – wären da nicht ein paar Schönheitsfehler. Brandschutzmaßnahmen wie die automatische Steuerung für Fenster oder die Heizkörper sind sichtlich in letzter Minute und nicht aus einem Guss erstellt worden. Hier fehlt ein leitendes Konzept, das den Bau sonst auszeichnet. Doch das sind nur Schönheitsfehler. Insgesamt passt das Paket. Vor allem aber steht nun wieder das Rathaus im Herzen der Cannstatter Altstadt als Kulisse zur Verfügung.
Christoph Manderscheid:„Die gestalterische Grundhaltung des Büros bei solchen Aufgaben ist: Neues soll als solches erkennbar sein. Je wertvoller die Substanz, umso zurückhaltender wird das neue Bauteil eingefügt.“ „Diese Baustelle barg immer wieder neue Überraschungen. So stießen wir beim Freilegen des Dachstuhls auf Schmuckköpfe an den Sparren der Nordseite.“
Architekten:
Manderscheid Partnerschaft; Freier Architekten; Stuttgart


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