Lehmbauplatten

Spannendes Material mit Tradition

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Viele Planer und Bauherren sind von den Vorteilen des Baustoffs Lehm begeistert. Klassische Mörtelbauweisen bringen allerdings auch viel Feuchtigkeit ins Gebäude. Eine Alternative können Lehmbauplatten sein, die als Trockenputz oder als Bekleidung von klassischen Ständerwänden im Trockenbau eingesetzt werden können.

Markus Hoeft

Bis ins späte 19. Jahrhundert hinein waren das Bauen und damit auch die Verwendung der mineralischen Baustoffe handwerklich geprägt. Lehm wurde ebenso wie Gips oder Kalk vor allem in traditionellen und aus Erfahrung entstandenen Techniken verarbeitet. Erst mit dem Beginn der Industrialisierung und dann noch einmal mit einem deutlichen Schub nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Baustoffherstellung industrialisiert, was zum Beispiel mit einer wissenschaftlichen Durchdringung des jeweiligen Materials und einer verstärkten Normung einherging. Die mineralischen Baustoffe Gips und Kalk, zu denen außerdem Zement bzw. Beton traten, werden seitdem in industrieller Serienfertigung und homogenen Chargen mit immer gleicher Qualität produziert.
Den Übergang zum modernen Bauen hat Lehm nicht im gleichen Maß wie die anderen mineralischen Baustoffe vollzogen. Er wurde mit Beginn des 20. Jahrhunderts zunächst von industriell gefertigten Bauprodukten zurückgedrängt und erlebt erst seit den 1980er Jahren eine gewisse Renaissance. Sie ist eng verbunden mit dem Gedanken des nachhaltigen und ökologischen Bauens: Die Aufbereitung des Rohstoffs zum verarbeitungsfertigen Material verursacht nur einen geringen Aufwand an Technik und Energie, erfordert vor allem keinen Brennprozess, wodurch wenig „graue“ Energie gebunden wird. Positiven Einfluss auf die Nachhaltigkeitsbilanz hat außerdem die Möglichkeit, den Baustoff nach Ende der Nutzungszeit zurückzugewinnen und wiederzuverwenden.
In der Nutzungsphase wird Lehm wegen seines hohen Sorptionsvermögen geschätzt, also der Fähigkeit, Feuchtigkeit aufzunehmen, zu speichern und wieder abzugeben. Dadurch entsteht ein schwankungsarmes, angenehmes Raumklima, das maßgeblich den „neuen Lehmbau“ speziell bei umweltorientierten Bauherren befördert haben dürfte. Zumal Lehm gleichzeitig Luftschadstoffe bindet und die hochfrequenten Strahlen des Mobilfunks abschirmen kann.
Wie die anderen mineralischen Baustoffe ist auch Lehm nicht brennbar und kann, abhängig von der Rohdichte, den Schallschutz oder das Wärmespeichervermögen verbessern.
Es handelt sich also um ein spannendes Material, das mit seinem traditionell-handwerklichen Charakter heute allerdings einem ausgeprägt industrialisierten Planen und Bauen gegenübersteht. Die Tendenz dort geht zu leichten Systembauweisen im Trockenbau, zum Bauen mit vorgefertigten Elementen und zur computergestützten Planung mit exakt definierten Eingangsparametern, etwa bei den Kennwerten für die Festigkeit oder auch den Wärme- und Schallschutz eines Baustoffs. Es gibt aber durchaus Ansätze dafür, dass Lehm seine handwerkliche und umweltorientierte Nische verlassen könnte.
So existieren seit 2013 erstmals wieder Normen für die Begriffe, Anforderungen und Prüfverfahren bei Lehmprodukten: DIN 18945 regelt Lehmsteine, DIN 18946 Lehmmauermörtel und DIN 18947 Lehmputzmörtel. Außerdem beschreiben die Lehmbauregeln des Dachverbands Lehm e.V. konkrete, am aktuellen Stand der Technik orientierte Bauvorschriften für den Lehmbau. Sie wurden in die Musterliste der Technischen Baubestimmungen aufgenommen und inzwischen in elf Bundesländern bauaufsichtlich eingeführt.
Neben dieser regelungstechnischen Absicherung können auch neue Bauelemente den Weg des Lehms ins industrielle Bauen ebenen. Etwa Lehmbauplatten, die in ihren Anwendungs- und Montageeigenschaften den bekannten Ausbauplatten aus anderen mineralischen Baustoffen ähneln.
Masse für Schallschutz und Wärmespeicher
Lehmbauplatten werden in sehr verschiedenen Abmessungen und Produktkonfigurationen angeboten. So liegen die Dicken beispielsweise zwischen 14 und 25 mm, typische Zwischenmaße sind vor allem 16 und 22 mm. Ebenso vielfältig sind die Plattenformate, bei denen jedoch eine Tendenz zur (Standard-)Größe 1 250 × 625 mm zu beobachten ist, wie sie sich auch bei Gipsplatten durchgesetzt hat. Die Kanten der Lehmbauplatten sind in der Regel stumpf ausgebildet. Ihre Rohdichte liegt oft in Größenordnungen zwischen 1 300 und 1 400 kg/m³, was etwa dem Doppelten von normalen Gipsplatten entspricht (680 kg/m³ bzw. 800 kg/m³ bei Feuerschutzplatten). Lehmbauplatten sind also etwas dicker und etwas schwerer als Gipsplatten, was mehr Grundfläche für beispielsweise Trennwände erfordert, aber im Sinne des Schallschutzes und des Wärmespeichervermögens, für die man jeweils eine gewisse Masse benötigt, durchaus auch Vorteile bietet.
Um für Transport, Montage und Nutzung eine ausreichende Stabilität zu erreichen, wird der Lehm der Bauplatten armiert – mindestens mit Strohhäcksel, deutlich häufiger aber mit einem beidseitigen Glasgittergewebe. Dieser sandwichartige Aufbau aus Lehm + Gewebe entspricht in der Funktion der von Gipsplatten bekannten Kombination Gips + Karton. Viele Lehmbauplatten können deshalb einerseits gesägt, andererseits aber auch geritzt und dann über eine Kante gebrochen werden. Auch die Befestigungsmethoden sind die vom Trockenbau bekannten: Schrauben, Klammern oder auf vollflächigen mineralischen Untergründen ebenso Verkleben mit Lehm.
Trockener Lehmbau
Bei so viel Übereinstimmung zwischen den Platten aus Lehm und aus Gips drängt sich die Frage auf, warum Lehmbauplatten überhaupt entwickelt werden mussten, wo sich der Trockenbau mit Gips doch sehr bewährt hat? Die Frage beantwortet sich zum einen mit Blick auf die besonders an Nachhaltigkeit und Ökologie interessierten Bauherren. Noch spannender ist aber vielleicht ein anderer Aspekt, der Lehmbauplatten vor allem in den Kontext des Trockenbaus stellt. Wer Bauteile oder Bauteiloberflächen aus Lehm errichten möchte, muss in traditioneller Mörtel-Bauweise zwangsläufig eine große Menge Wasser in das Gebäude eintragen.
Diese Feuchtigkeit können Lehmbauplatten deutlich reduzieren, was speziell in Holz- und Fachwerkbauten einen großen Vorteil darstellt.
Trockenputz ist deshalb eine der sehr interessanten Anwendungsmöglichkeiten von Lehmbauplatten. Unebene Wände oder Bauteile mit unansehnlichen Oberflächen erhalten mit vollflächig aufgeklebten Lehmbauplatten nicht nur eine ebene und saubere Optik, sondern profitieren gleichzeitig von der speziellen Bauphysik und dem besonderen Raumklimatisierung des Baustoffs Lehm. Gerade bei Holzwänden oder Bauteilen mit vollflächiger OSB-Beplankung sind Lehmbauplatten eine Möglichkeit, überhaupt mit vertretbarem Aufwand Putzoberflächen im reinen Holzbau zu gestalten.
Bei der Verklebung auf einem vollflächigen und tragfähigen Untergrund können oft die vergleichsweise dünnen Platten mit 14 – 16 mm Dicke verwendet werden. Ihre Oberfläche muss anschließend nach den jeweiligen Herstellerangaben verspachtelt oder verputzt werden, wobei mindestens an den Fugen, eventuell aber auf der ganzen Fläche ein Armierungsgewebe in den Lehmputz oder -spachtel einzulegen ist. Die Beschichtungsdicken liegen dadurch bei einigen Millimetern.
Ständerwände mit Lehm beplanken
Neben der Verwendung als Trockenputz können Lehmbauplatten auch für die klassischen Ständerwände des Trockenbaus sowie für die Bekleidung von Decken oder Dachschrägen eingesetzt werden. Hierfür werden meist dickere gewebearmierte Platten von 22 oder 25 mm empfohlen. Je dicker die Platte, desto sicherer lässt sich der typische Ständerabstand von 62,5 cm einhalten. Dünnere Platten oder auch der Einsatz an der Decke erfordern oft ein engeres Raster für die Unterkonstruktion. Im ökologisch orientierten Bauen wird man die Unterkonstruktion häufig aus Holz ausführen, die Montage an klassischen Metallständern ist aber ebenso möglich. Das Oberflächenfinish ist wie beim Trockenputz nach den Angaben des jeweiligen Herstellers auszuführen. Das Ergebnis sind Bauteiloberflächen aus Lehm, wie man sie vom traditionellen Bauen kennt, die hier aber im rationellen und feuchtigkeitsreduzierenden Trockenbau entstehen.
Lehmbau und Gebäudetechnik
Einen weiteren Schritt in Richtung der modernen Gebäudetechnik gehen Lehmbauplatten, die bereits werkseitig mit den Registern einer Flächenheizung ausgerüstet werden. Es handelt sich hier meist um 25 mm dicke Platten, in die entweder die Rohre für eine Wasserheizung oder die Kabel für eine elektrische Erwärmung eingelegt sind. Mit der Beplankung der Wand – oder speziell bei Flächenkühlungen auch der Decke – entsteht das Heizsystem, das anschließend nur noch angeschlossen werden muss. Im Betrieb können sehr hohe Vorlauftemperaturen von bis zu 95 °C eingestellt werden, was die thermische Stabilität des Lehms demonstriert. Es handelt sich allerdings eher um eine theoretische Obergrenze, denn für die Behaglichkeit im Raum sollten Wandheizungen eher mit 35 bis 45 °C betrieben werden.
Anbieter von Lehmbauplatten mit integrierter Trockenbau-Flächenheizung sind zum Beispiel WEM Wandheizung, Thermo Natur, AgrillaTherm oder lehmorange. Neben ihren Heizelementen haben sie auch Platten ohne eingelegte Register im Sortiment. Die Wärmeleistung kann so genau auf den jeweiligen Bedarf abgestimmt und im Raum verteilt werden, gleichzeitig bleibt die geschlossene Lehmoberfläche der Bauteile erhalten.
Eine Verbindung von Tradition und Hightech bietet darüber hinaus lehmorange mit Lehmbauplatten für das Klimamanagement an. Dem Lehm werden dabei spezielle PCM-Wachse (Micronal) zugesetzt. PCM steht für Phase Change Material, also latente Wärmespeicher, die als Überhitzungsschutz im Raum dienen. Sie erhöhen das Wärmespeichervermögen des Lehms, indem sie Hitzespitzen über Tag aufnehmen und sie im Verlauf der kühleren Nacht wieder abgeben.
Egal, ob Basisplatte ohne Heizung oder Klimaelement mit Heizregister oder PCM, mit den Lehmbauplatten hat der lange rein handwerklich geprägte Baustoff den Sprung ins moderne, industriell geprägte Planen und Bauen vollzogen. Rein quantitativ sind Lehmbauplatten sicher eher noch ein Nischenprodukt und werden wohl in nächster Zeit den Trockenbau mit Gips oder zementgebunden Platten auch nicht nennenswert verdrängen. Für Planer oder Bauherrn allerdings, die ohnehin am Einsatz des Baustoffs und der Herstellung von Lehmoberflächen interessiert sind, bieten sie die Chance für eine vergleichsweise feuchtigkeitsarme Umsetzung der ins Auge gefassten Ideen. Dies kann dem Lehmbau gerade im modernen Holzbau oder in der historischen Fachwerksanierung einen zusätzlicher Impuls verleihen.


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