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Feuchtespitzen puffern

Sanierung eines denkmalgeschützten Restaurantgebäudes in Veitshöchheim
Feuchtespitzen puffern

Der denkmalgeschützte Ratskeller in Veitshöchheim beeindruckt nach der umfangreichen Sanierung mit stilvoller Architektur. Da ein Eingriff in die Fassade tabu war, kam eine diffusionsoffene Innendämmung zum Einsatz. Die Besonderheit: Das Innendämm-System ist in das Heizkonzept und in die innenarchitektonische Gestaltung integriert.

Dipl. Ing. (FH) Günter Rudolph | jo

Im Zentrum der unterfränkischen Gemeinde Veitshöchheim bei Würzburg liegt der Ratskeller, ein unter Denkmalschutz stehendes Gebäude, das auf eine lange Geschichte zurückblicken kann. Ursprünglich diente es als Küche für die benachbarte Sommerresidenz der Würzburger Fürstbischöfe. 1753 erweiterte Barockbaumeister Balthasar Neumann das Schloss und baute in diesem Zusammenhang auch den Küchentrakt um.
In den 1970er Jahren übernahm die Gemeinde das Bauwerk und ließ einen Teil zur Gaststätte „Ratskeller“umbauen. Im Januar 2010 musste die Gaststätte schließen, weil ein Wasserschaden das Gebäude beschädigt hatte. Aufgrund der Nähe zum Schloss entschied sich der Gemeinderat, den Ratskeller umfangreich sanieren zu lassen und auch künftig als Restaurant zu nutzen. Realisiert wurde eine Erweiterung des Gastraumes im EG sowie ein großer und ein kleiner Saal für Veranstaltungen im OG.
Energetische Ertüchtigung
„Die größte Herausforderung“, so Architekt Holger Kess, „bestand in der energetischen Ertüchtigung, denn an der Fassade durfte nichts verändert werden.“ Das bedeutete: Dämmmaßnahmen mussten innen erfolgen. Die Innendämmung von Außenwänden stellt hohe Anforderungen an alle Beteiligte. Knackpunkt hierbei ist der Taupunkt, an dem die Luft in der Wand keine Feuchtigkeit mehr aufnehmen kann. Dieser Punkt hängt mit dem Temperaturabfall in der Wand zusammen und liegt bei ungedämmten und außen gedämmten Wänden vor der tragenden Wand. Bei Innenwanddämmungen jedoch liegt er in der Wand. Mögliche Folge ist Tauwasser in der Wand und eventuelle Schäden.
Bauphysikalische Betrachtungen belegen zwar, dass nach dem Glaser-Verfahren berechnete Dampfsperren die Menge des Wasserdampfes reduzieren und damit den Anfall von Tauwasser verhindern. In der Praxis jedoch sieht es häufig so aus, dass sich aufgrund beschädigter oder unsauber verlegter Dampfsperren hinter der Dämmung Feuchtigkeit sammelt.
Kapillarer Wassertransport
Der Anfall von Tauwasser lässt sich bei Innendämmungen wegen des Temperaturabfalls in der Wand nicht vermeiden. Damit Wand und Dämmung dennoch trocken bleiben, muss die Feuchtigkeit über den kapillaren Wassertransport aus der Wand heraus geleitet werden, und zwar dorthin, wo sie verdunsten kann.
Auf diesem Prinzip basiert StoTherm In Comfort. Kern dieses Dämmsystems ist die Sto-Perlite-Innendämmplatte. Sie besteht aus dem vulkanischen Gestein Perlit, das über optimale wärme- und schalldämmende Eigenschaften verfügt und sich ideal für die Feuchteverteilung eignet. Die Dämmplatten sind diffusionsoffen und nicht brennbar und sie haben einen positiven Einfluss auf das Raumklima, weil sie Feuchtespitzen puffern. Fällt in der innen gedämmten Wand Tauwasser an, nehmen die Platten es auf und transportieren es in Richtung Innenraum, wo es abtrocknet. Damit kann die bei vielen anderen Innendämmungen erforderliche Dampfsperre entfallen.
„Wir haben den Ratskeller Veitshöchheim mit diesem System nicht nur gedämmt, sondern aus der Not eine Tugend gemacht“, erklärt Holger Kess. Die Innendämmung, die den U-Wert der Außenwände von 1,9 auf 0,4 W/m²K reduziert, ist zudem Bestandteil des Heizkonzepts und setzt die historische Architektur ansprechend in Szene.
Die Basis der Sanierung bildeten die Funde, die bei den Abbrucharbeiten zu Tage traten. Nahezu im gesamten Haus wurden die neuzeitlichen Veränderungen zurückgebaut, diverse Wände und Einbauten abgebrochen und im Dachgeschoss die Verkleidung der Zwischendecke abgerissen.
Im Ratskeller, dem Gastraum im Erdgeschoss, stellte sich heraus, dass es sich bei dem vermeintlich historischen Gewölbe um eine Betondecke mit einer abgehängten, gewölbten Rabitzkonstruktion handelte, die 1974 eingebaut worden war. Die Rabitzdecke hatte unter dem Wasserschaden gelitten und musste wegen mangelnder Standsicherheit komplett entfernt werden. Glücklicherweise, denn ihr Abbruch gab den Blick frei auf die Kämpfer, die Ansatzpunkte des ursprünglichen Gewölbes, das bei den Umbauten in 1970er Jahren abgeschlagen worden war.
Holzbalkendecke „entdeckt“ und zur Geltung gebracht
Im Dachgeschoss entdeckte man die von Barockbaumeister Balthasar Neumann entworfene Holzbalkendecke. Um sie gebührend zur Geltung zu bringen, beschlossen Bauherr und Planer, die Decke im Bereich des Großen Saales zu öffnen. Sie schufen damit einen Luftraum, der den Veranstaltungssaal nach oben optisch vergrößert, ihm eine eindrucksvolle Atmosphäre verleiht und ihn durch die erhaltenen Dachgauben stimmungsvoll beleuchtet.
Die Außenwände des Ratskellers bestehen aus bis zu 80 cm dickem Bruchsteinmauerwerk. Um für die Innendämmung eine ebene Wandoberfläche zu erhalten, wurden nicht mehr notwendige Durchbrüche und Fensternischen im unteren Bereich mit Hochlochziegeln ausgemauert. Anschließend erfolgte die Verlegung der Kabel und die Montage der Verteiler- und Steckdosen. Danach wurde die zum Innendämmsystem gehörende Klebe- und Armierungsmasse StoLevell In Mineral vollflächig auf die Wand und auf die Dämmplatten aufgetragen, um die 10 cm dicken Innendämmplatten ebenfalls vollflächig auf dem Untergrund zu fixieren.
„Heizkörper hätten die Gestaltung gestört und wären auch bei der Einrichtung hinderlich gewesen“, berichtet Kess. „So verfolgten wir die Idee, die Wände in den Gastbereichen als Heizflächen zu nutzen.“
Die warmen Oberflächen unterstützen das Verdunsten des Tauwassers und sie geben Strahlungswärme ab, die der Mensch als wohltuender empfindet als die übliche Konvektionswärme. Die Umsetzung der Wandflächentemperierung erfolgte, indem in einem vorher festgelegten Raster raumseitig um die Fenster statt der 10 cm dicken Perliteplatten nur 5 cm dicke Dämmplatten verlegt wurden. Dadurch entstanden Schlitze, in denen die Kupferrohre für die Beheizung verlaufen. Die Rohre sind so miteinander verbunden, dass jeder Raum über einen eigenen Kreislauf mit separater Temperaturregelung verfügt.
Um eine ebene Wandoberfläche zu erhalten, wurden die Schlitze nach Montage und Dichtigkeitsprüfung der Kupferrohre mit einer Füllmasse (StoCell LD) verfüllt. Anschließend erfolgten die Grundierung, ein erneuter Auftrag der Klebe- und Armierungsmasse und das Einbetten des Armierungsgewebes. Den oberen Abschluss bildet eine diffusionsoffene, mineralische Schlussbeschichtung.
Von den Dämmmaßnahmen ausgenommen wurden die Oberflächen der frei gelegten Kämpfer im Gastraum. Ihr historisches Bruchsteinmauerwerk blieb auf der Raumseite sichtbar und wird von der Innendämmung wie dreidimensionale Kunstwerke in Szene gesetzt.
Architekturbüro: K. Holger Kess, Veitshöchheim und Architekturbüro Haase
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