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Ein wenig Hotelatmosphäre

Neubau des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen in Heidelberg
Ein wenig Hotelatmosphäre

Offen, freundlich und einladend empfängt das klinische Behandlungszentrum seine Patienten, ohne dabei eine typische Krankenhausatmosphäre auszustrahlen. Dem architektonischen Entwurf lag stets zugrunde, medizinische Versorgung mit kliniknaher Krebsforschung in einem Gebäude zu vereinen, um so Patienten, Ärzte und Wissenschaftler zusammenzuführen.

Dipl.-Ing. Nikolai Ziegler

Im Vergleich zu einer konventionellen Klinik gilt der fachübergreifende Ansatz, in dem alle behandlungsrelevanten Aspekte berücksichtigt werden, als charakteristische Besonderheit des Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg. Nach der Krankheitsdiagnose werden hier zeitnah Therapieempfehlung und Behandlung bis hin zur Nachsorge angeboten. Gleichzeitig ermöglicht der angegliederte Forschungsbereich, neue Erkenntnisse in innovativen Verfahren der Diagnostik, Therapie und Prävention direkt umzusetzen. Vorbilder dieser neuen „Gesundheitsarchitektur“ stammen aus Skandinavien, wo in sogenannten „Comprehensive Centern“ die krankheitsspezifische Behandlung parallel zur Forschung geschieht.
Unter dem Motto: „Weg von der üblichen Krankenhausatmosphäre, hin zu einem offenen Gebäude, das Begegnungen zwischen Patienten, Ärzten und Forschern fördert“ beschreibt Stefan Behnisch, dessen Stuttgarter Büro mit Planung und Realisierung des Projekts vertraut wurde, den Entwurf des Heidelberger Klinikkomplexes.
Untergliederte Baukörper
Inmitten des Neuenheimer Felds, dem zentralen Campus des Universitätsklinikums Heidelberg, befindet sich das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen in unmittelbarer Nachbarschaft zu den weiteren Klinikeinrichtungen. Das Raumangebot des NCT resultiert aus zwei horizontalen Bauriegeln, wobei der transparent gestaltete Bereich im Erdgeschoss durch eine monolithische Großform überlagert wird.
Der östliche Teil des Neubaus erinnert durch seine orthogonale Struktur an die Architektur der angrenzenden Kopfklinik. Hier sind in einem dreigeschossigen Bauteil mit klarer funktionaler Organisation die Laborbereiche untergebracht. Der westliche Teil des Baukörpers entwickelt sich in Vermittlung zur benachbarten Kinderklinik hin freier. In den unteren Geschossen stellen die grün eingefärbten Fassaden-Gläser optische Bezüge zur Umgebung her. Das darüber liegende, auskragende Polygonalvolumen wirkt als architektonisches Bindeglied, während es gleichzeitig den Haupteingang im Norden überkragt. Die Putzfassade dieses oberen Körpers ist an den Öffnungen skulptural bearbeitet. Durch eingeschnittene Keilformen bildet sich je nach Sonnenstand ein wechselndes Schattenspiel.
Räume mit Charakter
Patienten, Besucher und Mitarbeiter betreten das Gebäude vom nördlichen Vorplatz aus. Das zentrale, lichtdurchflutete Atrium erstreckt sich über alle vier oberirdischen Geschosse. Als Herzstück des Hauses und Ort der Begegnung zwischen Besuchern und Nutzern bietet es eine erste Orientierung über die verschiedenen Einrichtungen im Haus. Freie, einläufige Treppen in besonderen räumlichen Situationen führen die Besucher von Ebene zu Ebene. Die Materialität der Geländer wechselt zwischen Glasfüllung und einer Reihung von Latten aus Eichenholz, die unterschiedliche Blickbeziehungen entstehen lassen.
Auf den einzelnen Ebenen rund um das Atrium laden Pflanzbeete mit Sitzflächen zum Verweilen ein. Auch die Innenseiten der Fassaden sind mit Eichenholz gestaltet, das eine behagliche Atmosphäre schafft. Als Sonderbausteine sind dem Atrium verschiedene Nutzungseinheiten angegliedert. So ist in zentraler Erreichbarkeit im Erdgeschoss der Empfang untergebracht, die Cafeteria im Stil einer Kaffeebar befindet sich in Sichtweite des Eingangsbereichs.
In Analogie zu einem Vogelnest kragt im zweiten Obergeschoss als „Raum der Stille“ ein Sonderbaustein in den Luftraum, der einen Bereich zum Ausruhen und Entspannen anbietet. Um die Außergewöhnlichkeit dieses Ortes hervorzuheben und um den Raum von der übrigen Bausubstanz zu lösen, wurde ein Geflecht aus Edelstahlbändern zur Fassadengestaltung gewählt. Die Herstellung erfolgte durch Klass Metall, einem Unternehmen, das den Fertigungsprozess von Metallgeweben nach Kundenwunsch anbietet. Im Inneren definiert eine frei geformte Schale den Raum und führt mit einem Oberlicht als Einschnitt den Blick Richtung Himmel.
Als weiterer Sonderbaustein fällt ein Besprechungsraum im dritten Obergeschoss auf. Im Gegensatz zum „Raum der Stille“ ist dieser Bereich transparent gestaltet, so dass jedem Besucher Einsicht gestattet wird. Um dennoch der Forderung nach Diskretion und den hohen Brandschutzauflagen nachzukommen, wurde als einheitliche Lösung das Raum-System 2300 von Strähle verbaut.
Die auf ein konstruktives Minimum reduzierten Profile bieten den Vorteil, verschiedenste Füllungsvarianten zu ermöglichen. So wurden im NTC neben der vollverglasten Ausführung des ins Atrium hineinragenden Konferenzraumes auch hochschalldämmende Flurwände und sogar doppelschalige Trennwände in diesem Raumsystem realisiert. Weitere Besprechungsräume sind mit Vollwandelementen in Eichenfurnier, das auf Trägerplatten aufgebracht ist, zum Flur hin abgetrennt. Im Gebäudetrakt der Ärztezimmer findet sich die Kombination von melaminharzbeschichteten weißen Wandpaneelen mit durchgehendem Oberlicht. Die geforderte bauseitige Verzahnung der Flurwände aufgrund von Brandschutztechnischen Vorgaben konnte so im gesamten Gebäude erfüllt werden.
Individualisierte Materialität
Sämtliche Verkehrsflächen im Atrium sowie die Flure der Obergeschosse sind mit dem geschliffenen Dekorboden Pandomo TerrazzoBasic von Ardex belegt. Dabei handelt es sich um eine neue Generation individuell gestaltbarer, mineralischer Dekorböden. Das Materialkonzept basiert auf der traditionellen Terrazzo-Technik. Statt der in Farbe und Größe standardisierten klassischen Terrazzo-Schmuckkörnungen werden hier ganz bewusst mineralische Zuschläge aus der jeweiligen Region eingebunden. Durch diese in ihrer Erscheinung vielfach recht unterschiedlichen Körnungen entstehen monolithische Bodenoberflächen von lebhafter Struktur, zugleich aber auch einzigartige Böden mit einem ganz regionalen Gesicht. Die Materialbasis besteht dabei aus einer sehr spannungsarmen, grauen Bindemittelmatrix sowie der regionalen Kieskörnung.
Ein Einfärben der Bindemittelmatrix mit Pulverpigmenten ist möglich. Das System gilt als leicht zu verarbeiten und ist pumpfähig. So wurde der gesamte Boden des NCT von der Untergrundvorbereitung bis zum abschließenden Schleifen und Polieren innerhalb von nur acht Tagen fertig gestellt. Die Bodenbeläge der Behandlungs- und Wartebereiche sind kontrastierend in Eichenparkett ausgeführt.
Ob der neuartige architektonische Ansatz einer Klinkeinheit, den das Gebäude sehr selbstbewusst definiert, auch in der Praxis so funktioniert, wie es sich Klinikleitung und Architekten vorstellen, bleibt langfristig abzuwarten. Der Anspruch einer einladenden Atmosphäre ist jedenfalls auf den ersten Blick gelungen.
Architekten: Behnisch Architekten, Stuttgart
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