Staatstheater Darmstadt

Weißes Entree

Susanne Ehrlinger, Freie Journalistin, Berlin / be

Den Stuttgarter Architekten Lederer Ragnarsdóttir Oei ist bei der Sanierung des Staatstheaters Darmstadt mit einem weißen Entree aus Sichtbeton und dem Einbau eines unterirdischen Werkstatttheaters eine perfekte Neuinszenierung gelungen.
Die Stadt Darmstadt und das Land Hessen finanzierten eines der größten Bauvorhaben der letzten Jahre mit rund 70 Millionen Euro. Ein Großteil war für die Sanierung des Bestandes eingeplant. Nur ein Bruchteil der Summe war für Umnutzung und Neugestaltung angedacht.
Dringender Bauerhalt
Das Staatstheater in Darmstadt gilt als einer der größten Theaterbauten der Nachkriegszeit. Als Viersparten-Theater vereint es drei Bühnen und sämtliche Werkstätten unter einem Dach. In den sechziger Jahren vom Architekten Rudolf Prange entworfen und 1972 erbaut, ist seine Funktionalität bis heute unbestritten.
Städtebauliche Integration, Architektur und Bauphysik zeigten jedoch deutliche Zeichen der Zeit. Der massive Betonbau mit Marmorbekleidung empfing seine Besucher über eine stadtautobahnähnliche unterirdische Kfz-Zufahrt mit internen Treppenaufgängen. Deshalb war ein fußläufig zur Stadt hin ausgerichteter Eingang gar nicht erst eingeplant worden.
Ein Viertel Jahrhundert wurde das Theater ohne Maßnahmen des Bauerhalts bespielt, bis Ende der Neunziger Jahre mangelnder Brandschutz, baukonstruktive und haustechnische Mängel sowie unzureichende Bühnentechnik umfangreiche Sanierungsmaßnahmen zwingend erforderlich machten. Um den Spielbetrieb weiter aufrecht zu erhalten, hatten die Bauherren zunächst an die Auslagerung des Theaters gedacht. Es stand zu befürchten, dass fast das gesamte Budget von notwendigen Sanierungsmaßnahmen geschluckt werden würde, welche die Besucher in der Regel nicht einmal zu Gesicht bekommen.
Neuinszenierung
Heute ist mehr zu sehen als das sanierte Ursprungsgebäude mit erneuerter Bautechnik. Die Architekten fügten dem massiven Betonbau mit seiner hellen Marmorfassade ein amorphes, weithin sichtbares Portal aus weißem Sichtbeton hinzu. Außerdem ersetzten sie marode Marmorplatten – als Assoziation zu Goldzähnen – mit schimmernden Messingplatten. Anstelle für die geforderte Ausweichspielstätte ein Zelt zu mieten, nutzten Lederer Ragnarsdóttir Oei diese Kosten, um Teile der überdimensionierten Tiefgarage und Zufahrten unter dem Bau als provisorische Spielstätte auszubauen.
Dies machte eine neue Erschließung erforderlich. Was zunächst nur für die Sanierungsphase angedacht war, fiel so überzeugend aus, dass das Provisorium – nach Wiederaufnahme der Spielzeit im sanierten Theater – langfristig als Werkstatttheater genutzt wird.
Durch diesen Entwurf konnte zum einen viel mehr Licht in die – so Architekt Lederer – „verratzte“ Unterwelt der Garagenebene gebracht werden. Außerdem konnte die gesamte Eingangssituation mit Pforte und Mitarbeiterzugang aus dem Dunkel des Untergeschosses zur Straße hin verlegt und zusätzliche Lagerflächen bereitgestellt werden.
Repräsentativer Eingang
Der neue Vorbau bildet nun den zentralen Haupteingang des Theaters und nimmt eine Treppenanlage sowie einen großzügig dimensionierten Lasten- und Personenaufzug auf. Mit der weißen Sichtbeton-Fassade und durch die Materialwahl der Aufzugstüren nehmen die Architekten Bezug zum Bestand.
Dabei bietet das skulpturale Entree nicht nur ein repräsentatives Portal mit geschütztem Vordach. Vielmehr ist auch eine sich zum Platz hin öffnende „Open-Air-Bühne“ entstanden. Dieser auskragende Balkon schiebt sich wie eine zweite Bühne aus dem ovalen Gebäudekörper heraus; er bietet Raum für Freilufttheater oder schützt Besucher in Theaterpausen vor Wind und Wetter.
Mit der inszenierten Öffnung nach außen lassen die Architekten das Theater nun erstmals in Dialog zur Umgebung treten und spannen eine Beziehung zur benachbarten Ludwigskirche.
Gleichzeitig verbindet der Neubau auch die Tiefgarage mit Haupteingangs- und Terrassenebene und dient außerdem als neuer Fluchtweg. Darüber hinaus gibt es über die Fahrstühle behindertengerechte Zugänge in jedes Geschoss.
Unterirdisches Theater
Für den Einbau der Ersatzbühne reduzierten die Architekten die tiefliegende Zufahrt auf eine Spur und mauerten die verbleibenden Stützen und restlichen Wandscheiben mit Leichtbetonsteinen aus, die sie aus licht- und schallschutztechnischen Gründen mit einer Schale aus Glasbausteinen außenseitig bekleideten.
Besonders abends, wenn die Steine hinterleuchtet sind, bietet die neu entstandene Bühne, die sich bis zur Straße hin wölbt, eine attraktive Lichtinszenierung. In guter Siebziger-Jahre-Manier ließen LRO Architekten das untere Foyer dunkelbraun lackieren, eine große Sitznische und ein Kassenraum wurden rosa herausgestrichen. Unter Einbeziehung der bestehenden Treppenaufgänge bauten die Architekten auf der alten Zwischenebene eine Bar ein. Dieser Bereich ist zum doppelt hohen Foyer geöffnet und wird von drei eigens hergestellten Kronleuchtern aus Roheisen beleuchtet.
Material aufgegriffen
Mit der Komplettsanierung und neuen Erschließung überwanden die Architekten das technische und städtebauliche Defizit des 70er Jahre Bestandes durch einen gekonnten Entwurf. Sie planten das neue Eingangsgebäude als unbeheiztes, ungedämmtes Außenbauwerk aus 40 cm dicken Sichtbetonwänden aus Weißzement mit hellem Zuschlag.
Bei der neuen Fassade des Eingangbauteils sind sowohl Außen- als auch Innenwände als Sichtbeton in Ortbeton ausgeführt. Durch die Betonbauweise greifen die Architekten das Hauptmaterial des ursprünglichen Bauwerks wieder auf und stellen der rauen Brettschalung und dem groben Waschbeton von früher die heutige, feinporig ebene Oberfläche als spürbaren Kontrast entgegen. Im Vorbau fällt die Treppenanlage ins Auge, die ebenfalls aus weißem Sichtbeton, wie aus einem Guss erscheint. Sie windet sich als länglich verzogene Spirale um ihr ovales Auge. Treppenläufe und massive Brüstung sind ebenfalls aus dem massiven Werkstoff, die Stufen bestehen aus weißen Sichtbeton-Fertigteilelementen.
Geplante Alterung
An den Innen- und Außenwänden erscheinen die weißen Beton-Oberflächen aus Ortbeton trotz der Krümmung makellos. Doch die Spuren der Zeit sind vermutlich bald ablesbar und von den Architekten durchaus gewollt. Die weißen Treppenstufen im Innern geben bereits jetzt Auskunft über das stete Auf und Ab der Besucher.
Lederer Ragnarsdóttir Oei haben die Folgen zeitlicher und durch Nutzung bedingter Veränderungen berücksichtigt. An der Außenfassade des Staatstheaters ließen sie markante Kupferstäbe in die Spannlöcher ein. Diese Kupferbolzen ragen aus der homogenen Betonoberfläche heraus und lassen derzeit ein gleichmäßiges Schattenbild an der Fassade entstehen. Sie sollen die auf Grund der Witterung bei Weißbeton auffallende Patinabildung unterstützen und beschleunigen.
Weitere Informationen
Ortbeton bba 543
Fertigbauteile bba 544
Weißer Sichtbeton bba 545
Architekturbüro: Lederer Ragnarsdóttir Oei, LRO Architekten, Stuttgart

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