Intensive Putzfarben auf WDVS

Schwarz und andere Dunkelheiten

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Farben mit infrarot reflektierenden Eigenschaften sowie zusätzliche Verstärkungen im Putzaufbau erlauben seit einiger Zeit die Ausführung von WDVS mit schwarzen oder anderen sehr dunklen Oberflächen. Neben den Besonderheiten der technischen Umsetzung verlangen sie Sorgfalt hinsichtlich der architektonischen Wirkung und Aussage.

Markus Hoeft

Ob amerikanische Suburbia oder deutsche Vorortsiedlung, eine Gemeinsamkeit waren lange die blassen Fassaden – entweder in völlig monochromem Weiß oder in schwachen Pastelltönen von Grau, Gelb, Blau und im schlechtesten Fall auch Schweinchen-Rosa. Was in der Masse einen ausgesprochen strukturlosen Siedlungsbrei ergibt, hat für den jeweiligen Hausbesitzer jedoch einen unschätzbaren Vorteil: Man kann mit blassfarbenen Fassaden für das einzelne Haus relativ wenig falsch machen, vollständige Geschmacksverirrungen treten eher selten auf. Erst in der vielfachen Wiederholung entsteht die ermüdende Monotonie. Kehrt man diesen Gedanken testweise um, könnte er etwa so lauten: Bei kräftigen Fassadenfarben besteht durchaus die Möglichkeit von gestalterischen Missgriffen. Dafür gibt es aber auch die Chance, markante, einprägsame und in jeder Hinsicht individuelle Baukörper zu entwerfen.
Was sicher eine Herausforderung ist, weil der Grat zwischen kräftiger Farbgebung und schriller Buntheit manchmal nur ein schmaler ist. Indem Architekten aber diese Gratwanderung bewusst annehmen, akzeptieren und teils auch suchen, grenzen sie sich von hausbesitzenden Laien ab, die statt einer aktiven Gestaltung eher die passive Angst vor dem Fehler in der Farbwahl umtreibt.
Das „kleine Schwarze“ für das Haus
Ein gegenüber intensiven roten, blauen oder anderen Tönen noch einmal gesondert zu betrachtender Fall sind schwarze Fassaden. Während sehr dunkle Natursteinfassaden oft noch akzeptiert werden, erzeugen schwarze oder zumindest doch anthrazitfarbene Putzfassaden häufig noch Irritationen oder teilweise sogar offene Ablehnung. Was daran liegen kann, dass schwarzer Putz nicht der Tradition entspricht, oder auch daran, dass die Farbe mit Finsternis, Tod und anderen Negativa von Schwarzarbeit bis Schwarzer Peter assoziiert wird.
Schwarz steht aber auch für funktionale Sachlichkeit, etwa bei den Gehäusen von Computern, Fernsehern oder anderen technischen Geräten. Es markiert zudem Eleganz und Würde, wie der dunkle Anzug und das „kleine Schwarze“ bei der Garderobe oder die Farben in der automobilen Oberklasse zeigen. Wie für die Bildhauerei hat Schwarz auch für die Architektur den unschätzbaren Vorteil, die Plastizität der Körper und ihre Abgrenzung zur Umgebung hervorzuheben. Gerade als fugenlose Putzfassade kann es Bauteile zu kompakten, allein aus sich selbst heraus wirkenden Raumstrukturen zusammenfassen.
Gestalterischer Plan
Doch egal, ob Schwarz oder ein anderer kräftiger Ton – die Farbgebung muss in jedem Falle durchdacht sein und einem gestalterischen Plan folgen. Was zum Beispiel auch beinhalten kann, dass nicht das ganze Gebäude, sondern nur bestimmte Bauteile oder Teilflächen markant akzentuiert werden. Gerade bei etwas ungewöhnlichen Farben sollten zudem tiefe, satte Oberflächen entstehen, die auch nach einiger Standzeit nicht ausfahlen oder auskreiden. Und schließlich muss der gewählte Farbton auch bautechnisch auf Putz zu realisieren sein. Denn sehr intensive Farbgebungen können sich unter Sonneneinstrahlung sehr stark aufheizen, so dass erhöhte thermische Spannungen die Gefahr von Rissen im Putz hervorrufen.
Objektive und subjektive Dunkelheit
Über thermische Spannungen und daraus eventuell resultierende Risse mussten sich frühere Generationen deutlich weniger Gedanken machen. Traditioneller mineralischer Putz wurde oft in wenig intensiven, erdigen Farben verwendet, die von vornherein nicht so stark zur Absorption der Sonnenwärme neigen. Die Schichtaufbauten waren zudem dicker und unmittelbar mit dem Mauerwerk verbunden. Dadurch stand genügend Speichermasse zur Verfügung, um die thermischen Spannungen innerhalb des Wandaufbaus auszugleichen und so Spannungsspitzen zu vermeiden.
Heute sind Kunstharzputze in intensiven Farben verfügbar, die in vergleichsweise dünnen Schichten auf einer heutzutage meist ausgezeichnet wärmedämmenden Schicht verarbeitet werden. Dunkle Farben absorbieren einen großen Anteil der Sonneneinstrahlung und wandeln ihn in Wärme um. Bei entsprechender Wetterlage entstehen Oberflächentemperaturen von 70 °C und mehr, die wegen des isolierenden Dämmstoffs nicht in den Untergrund abgeleitet werden. Die Erwärmung kann deshalb zu Rissen oder auch Verformungen im Putz führen.
Als Maßstab für das thermische Verhalten einer Putzfarbe wurde zunächst der Hellbezugswert HBW mit einer Skala von 0 bis 100 eingeführt. Wobei die Grenzen von 0 (Tiefschwarz) und 100 (Reinweiß) nur theoretische Bedeutung haben und baupraktisch nicht erreicht werden. Wichtig sind die Werte dazwischen: Hohe Zahlenwerte bedeuten die starke Reflexion einer hellen Farbe, stehen also für wenig Aufheizung. Dementsprechend stehen kleine Zahlen für dunkle Farben mit viel Absorption und damit Wärmeaufnahme. Wobei der Hellbezugswert nicht unbedingt der subjektiven Farbwahrnehmung entsprechen muss: Ein sehr intensives dunkles Rot kann einen kleineren Zahlenwert aufweisen als ein für das Auge stets besonders dunkles Anthrazit.
Als kritische Grenze gilt der HBW von 20, bei dessen Unterschreitung mit nicht mehr beherrschbaren Aufheizun-gen und Spannungen im Putz auf einem Wärmedämmverbundsystem (WDVS) und eventuell auch auf Leichtmauerwerk gerechnet werden muss. Farben mit einem HBW unter 20 waren für diese Untergründe deshalb lange nicht zugelassen oder durften nur nach besonderer Rücksprache mit der Anwendungstechnik des Herstellers verwendet werden.
NIR-reflektierend und/oder zusätzlich armiert
Der Hellbezugswert beschreibt allerdings nur die Eigenschaften einer Oberfläche im Bereich des sichtbaren Lichts, also etwa bei Wellenlängen von 400 bis 700 nm (Nanometer). Die übrigen rund 60 % des Sonnenstrahlung bleiben unberücksichtigt, obwohl vor allem der infrarote Teil des Lichts maßgeblich an der Aufheizung mit beteiligt ist.
Diesen Effekt haben sich die Farbhersteller mit der Entwicklung von solarreflektierenden Pigmenten zunutze gemacht. Wenn die Pigmente vor allem im Infrarotbereich stark reflektieren, reduziert sich die Wärmeabsorption der Oberfläche, ohne dass sich ihre optischen Eigenschaften verändern. Diese als Cool Pigments, NIR- (nah-infrarot-reflektierend) oder auch TSR-Farben bezeichneten Produkte ermöglichen heute bei vielen Herstellern HBW deutlich unter 20 und damit schwarze oder andersfarbig dunkle Fassaden mit deutlich vermindertem Rissrisiko.
Ihre reflexionstechnische Qualität lässt sich nicht mehr mit dem Hellbezugswert beschreiben, weshalb stattdessen der das gesamte Spektrum des Sonnenlichts umfassende TSR-Wert (Total Solar Reflectance) verwendet wird. Bei gleichem optischen Erscheinungsbild und damit gleichem HBW reduzieren TSR-formulierte dunkle Farben die Oberflächentemperatur um bis zu 25 °C und halten sie damit in vielen Fällen unterhalb der kritischen Marke von 70 °C.
Zusätzliche Sicherheit bieten Cool Pigments in der Kombination mit einem gegen thermische Spannungen widerstandsfähigeren Untergrund. Dickere Schichtaufbauten des Oberputzes und/oder carbonfaserverstärkte Oberputze können die mechanische Widerstandsfähigkeit und damit die Risssicherheit unter Temperaturspannungen erhöhen, was ebenfalls den Weg freimacht für kleine HBW.
Schwarze Materialanmutung bei Putz
Die beiden Entwicklungen der NIR-Farben und der faserverstärkten oder zusätzlich armierten Putzaufbauten eröffnen neue Freiräume in der Gestaltung, die vor allem bei schwarzen Fassaden bisher kaum gekannte Gebäudeeindrücke hervorbringen. Wobei die Anbieter allerdings die Bezeichnung Schwarz häufig vermeiden und stattdessen von Anthrazit reden. Denn das absolute Schwarz würde gar kein Licht mehr reflektieren und hätte einen (noch?) nicht realisierbaren Hellbezugswert von Null oder doch zumindest unter 5. Was hier zunächst wie eine lichttheoretische Haarspalterei klingt, hat für den architektoni- schen Entwurf durchaus Konsequenzen. Denn der Planer kann vom Fast-Schwarz eines Putzes eben nicht die Materialanmutung eines schwarzen polierten Natursteins oder eines schwarzen Hochglanz-Autolacks erwarten.
Wie inzwischen eine Reihe von gelungenen Architekturbeispielen zeigen, können trotzdem kraftvolle und wirkmächtige Gebäude mit komplett anthrazitfarbenen Fassaden entstehen. Andererseits kennt wohl so mancher auch Ausführungen in seiner Umgebung, die über einen spannungsarmen, wenig aussagekräftigen dunkelgrauen Putz nicht hinausgekommen sind, der im schlechtesten Fall mit der Zeit dann auch noch auskreidet oder ausfahlt. Qualität in den Produkten und der Ausführung bekommt damit gegenüber den eingangs erwähnten blassen Farben also einen besonderen Stellenwert.
Neue Ausdrucksmöglichkeiten
Schwarz oder auch andere dunkle Farben müssen nicht zwangsläufig für die komplette Fassade verwendet werden. In der Teilflächengestaltung oder bei der Betonung einzelner Elemente des Baukörpers lässt sich die Formensprache der intensiven Töne sicherlich noch fortschreiben. Etwa indem schwarzer Putz die optische Umgebung für helle Bauelemente bildet, wie beim Logistikgebäude von Dittel Architekten. Oder indem es sogar komplett einen Hintergrund in der zweiten Ebene bildet, wie bei den grünen Grashalmen am Kindergarten von kadawittfeld Architektur. In beiden gezeigten, aber auch in vielen anderen denkbaren Fällen spielt Schwarz seinen Vorteil als neutrale, stets elegant zurücktretende Farbe aus.
Selbst für eher hell wirkende ornamentale oder flächige Gestaltungen erweitern die kleinen Hellbezugswerte den Gestaltungsspielraum, weil auch dunkle Teilflächen den möglichen Farbkanon des künstlerischen Entwurfs erweitern.
Bei der Entscheidung für ein bestimmtes TSR-formuliertes und/oder faserverstärktes Produkt ist in jedem Fall zu prüfen, für welchen alten oder neuen Untergrund und welchen Schichtenaufbau der Hersteller die Farbe freigegeben hat. Umgekehrt ist bei einem neuen WDVS als Untergrund ebenfalls zu beachten, dass dessen Anbieter sein System überhaupt für extrem kleine HBW mit der konkreten Farbe freigibt.
Denn auch mit den neu formulierten Rezepturen bleiben dunkle Farben mit HBW unter 20 auf WDVS eine besondere Ausführung, bei denen die Deckungskraft, die Farbtonstabilität und der Schutz gegen unzulässig hohe Aufheizung sorgfältig geplant werden müssen. Ein enger Kontakt mit der Fachberatung der Hersteller ist deshalb in jedem Fall empfehlenswert.


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