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Subtil ergänzt

Erweiterung des Gemeinschaftshauses in Selb-Plössberg
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Als Jugendfreizeiteinrichtung genutzt, entwickelte sich für die einstige Direktorenvilla der ortsansässigen Porzellanindustrie ein solcher Zuspruch, dass ein Erweiterungsbau benötigt wurde. Eigenständig und doch rücksichtsvoll fügt sich der langrechteckige Neubau in die idyllische Umgebung und überrascht mit einem abwechslungsreich komponierten Grundriss.

Dipl.-Ing. Nikolai Ziegler | be

Zwischen hoch aufragenden Buchen, Birken und Kiefern liegt die ehemalige Direktorenvilla inmitten eines weitläufigen Parkgrundstücks etwa vier Kilometer vom Zentrum der oberfränkischen Porzellanstadt Selb entfernt. Markant hebt sich der gründerzeitliche Bau, dessen Hauptfassade ein leicht vorspringender Mittelrisalit vertikal gliedert, vor allem durch seine kompakte Form und die rote Klinkerfassade von der Umgebung ab. Erst auf den zweiten Blick, deutlich subtiler, fällt der langgestreckten Ergänzungsbau ins Auge.
Seit mehreren Jahren betreibt die evangelische Kirche auf dem städtischen Anwesen eine Ferien- und Fortbildungsstätte für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die aufgrund des räumlichen Angebots wie der einzigartigen Parklandschaft überregional Beachtung findet. Für den notwendig gewordenen Ergänzungsbau, der neben zusätzlichen Flächen auch einem erweiterten Funktionsumfang gerecht werden sollte, war 2009 ein Wettbewerb ausgeschrieben worden. Mit dem Entwurf eines seitlich der Villa angegliederten, 61 m langen und 12,50 m breiten Riegels, der auf die topografischen Gegebenheiten des Ortes reagiert und dabei Bezüge zur umgebende Landschaft herstellt, hatte das Büro um Prof. Anne Beer den Auftrag zur Realisierung erhalten.
Konstruktive Struktur statt Form
Für die zurückhaltende Präsenz des Erweiterungsbaus zeigt sich neben dessen einfacher Grundform maßgeblich die einheitlich strukturierte Holzfassade verantwortlich. In Fortführung der bestimmenden Vertikalität, wie sie der umgebende Wald vorgibt, gliedern die Lamellen in regelmäßigem Rhythmus den Baukörper entlang seiner horizontalen Ausdehnung. Eine weitere Identifizierung mit der Umgebung erzeugt auch die Materialität der vorgeblendeten Lärchenlamellen, die aus verleimtem Brettschichtholz in einer Abmessung von 10 x 16 cm bestehen und im engen Abstand von 25 cm aufeinander folgen. In ihrer räumlichen Tiefe entwickelt die Fassade damit nicht nur eine abwechslungsreiche Textur, sondern bricht auch die strenge Geometrie des Grundkörpers in weiche Kanten auf, die mit dem Hintergrund zu verschwimmen scheinen.
An den beiden Schmalseiten springt die thermische Hülle in Form einer filigran gestalteten Glasfassade in den Baukörper zurück, was die akzentuierte Leichtigkeit der Lamellenfassade bestärkt und zur Verbindung zwischen Innen- und Außenraum beiträgt.
Bezeichnenderweise ergänzt Architektin Anne Beer diese Wirkung, indem sie erklärt: „Material und Form nehmen sich auf konstruktive Notwendigkeiten zurück und beziehen daraus ihren Ausdruck“.
Auch die ergänzenden Bauteile, wie der Verbindungsgang zum Altbau oder die vorgelagerte Eingangssituation, entsprechen mit einer schwarzen Stahlblechverkleidung einer funktionalen und dabei zurückhaltenden Gestalt.
Architektonische Flexibilität
Über den Haupteingang der Baugruppe wird der Neubau von südöstlicher Richtung erschlossen. Konsequent schließt sich gegenüber das großzügige Podest der nordwestlichen Freitreppe an. Den südwestlichen Bereich des Erweiterungsbaus nimmt neben einer Garderobe und Küche der Vortragssaal ein, wobei die Breite dieses Bauabschnitts in direktem Bezug zur gegenüberliegenden Villa steht. Nordöstlich der Quererschließung folgt im Anschluss an einen mittig liegenden Sanitärkern der große Mehrzweckraum. Den Raumgrößen entsprechend treppt sich der Baukörper in seiner Höhe bis zum Mehrzweckraum um 70 cm auf eine Raumhöhe von 4 m ab.
Nachhaltig konstruiert
Neben der Fassade und dem Innenausbau folgt auch die Tragkonstruktion dem geometrisch klar strukturierten, nachhaltigen Entwurfsansatz. Über einer 20 cm dicken Grundplatte aus Stahlbeton bauen sich alle weiteren Konstruktionselemente in Holz auf. Die Wandscheiben sind in einer 20 cm starken Holzständerbauweise ausgeführt und mit Mineralwolle gedämmt. Zur Außenseite folgt eine Holzfaserplatte, Lattung mit Konterlattung, eine diffusionsoffene Fassadenmembran sowie schließlich die Lärchenholzlamellen. Aufgrund der Lamellenabstände, ist die Fassadenmembran sowohl einsehbar als auch physisch beansprucht.
Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, bot sich das Membranmaterial Stamisol DW in Schwarz ohne Aufdruck als geeigneter Werkstoff an. Stamisol DW wurde ursprünglich für extreme Klimabedingungen in Hochgebirgen entwickelt. Hergestellt aus Polyacryl ist der Werkstoff regendicht und dennoch diffusionsoffen. Zur Innenseite hin sind die Holzständer mit Fichte Dreischichtplatten verkleidet. Die verglasten Schmalseiten wurden jeweils durch Therm-AV Pfosten-Riegel Fassade von Raico realisiert.
Ebenfalls aus Holz in Form von 25 werksseitig vorgefertigten Kastenelementen besteht die Dachkonstruktion des Erweiterungsbaus. Die für ein Flachdach erforderliche Mindestneigung wird dabei von den Brettschichtträgern ausgebildet, indem diese von 32 cm auf einen maximalen Querschnitt von 48 cm anwachsen. Bekleidet wurden sämtliche Primärträger ebenfalls mit Dreischichtplatten, wobei der folgende Dachaufbau aus einer Dampfsperre, 20 cm EPS Wärmedämmung sowie abschließend aus der einlagigen Dachabdichtung Alwitra Evalon VG besteht. Mit einem außergewöhnlich hohen Anteil an hochpolymeren Feststoffen ist diese Kunststoffabdichtung besonders homogen, weich und elastisch, gleichzeitig jedoch sehr stabil und widerstandsfähig gegen chemische Umweltbelastungen und Durchwurzelungen.
Wie für die Wände wurde auch der Deckenabschluss sämtlicher Innenräume mit Dreischichtplatten aus Fichtenholz hergestellt, die jedoch mit Akustiklochung versehen sind und ein dahinterliegendes Akustikvlies verdecken. Als Bodenbelag kam auf einer EPS Wärmedämmung, Trittschalldämmung und einem Heizestrich der Linoleumboden Colorette Pur von Armstrong zum Einsatz. Im Farbton light beige fügt sich dieser harmonisch in das Spektrum der hellen Holztöne ein. Für den, auch zu sportlicher Nutzung vorgesehen Mehrzweckraum, wurde mit dem Hoppe S18 RST ein flächenelastischer Sportboden in Elementbauweise verbaut. Dieser wurde ebenfalls durch einen Linoleumbelag von Armstrong belegt, aufgrund der speziellen Anforderungen jedoch mit Linodur LPX in stony brown.
Wie bereits im Außenbereich sind auch innen sämtliche Einbauten, die Küche und der Sanitärbereich, Türen, Schränke, Garderoben, selbst Lichtschalter und Steckdosen in Schwarz gehalten, um dadurch die sinnliche Atmosphäre zu betonen und die natürliche Raumwirkung zu unterstützen.
Damit erfüllt der Erweiterungsbau auf beispielhafte Weise den Entwurfsgedanken der Architektin, in seiner Durchlässigkeit Innen- und Außenraum miteinander zu verbinden und damit die Qualitäten des Ortes und der Architektur in einen natürlichen Dialog zu setzen.
Architekturbüro: Prof. Anne Beer, Beer Architektur Städtebau, München


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