Startseite » Fachthemen » Gebäudehülle »

Skulpturale Reminiszenz

Neubau einer Schul-Mensa in Steinfurt
Skulpturale Reminiszenz

Mit dem Bestreben, die Realschule am Buchenberg für den Ganztagesbetrieb auszubauen, war eine eigene Mensa unerlässlich. Entgegen zahlreicher Vorschriften für Schulen lassen sich in Verpflegungsbauten kreativere Konzepte umsetzten. Neben den rein funktionalen Aspekten bietet diese Bauaufgabe für Architekten eine umfassende Gestaltungsvielfalt, wie es der Bau in Steinfurt erneut belegt. So erinnert beispielsweise dessen Sheddachkonstruktion an die früher hier ansässige Industrie, gleichzeitig unterstützt sie den Tageslichteinfall.

Dipl.-Ing. Nikolai Ziegler | be

Hungrig lässt es sich nicht gut lernen! Diese Erfahrung hat jeder schon einmal gemacht. Wohl bricht auch nur vereinzelt Begeisterung aus, wenn es darum geht, den Nachmittag in der Schule zu verbringen. Verständlich, dass das Bauvorhaben Mensa schon vorab unter kritischer Begutachtung steht. Umso interessanter gestaltet sich die Entwurfsaufgabe hingegen für Planer und Architekten. Besteht doch hierbei die einzigartige Gelegenheit, einen Raum zu gestalten, der neben dem Mittagessen auch zum Regenerieren dient und damit eine Chance darstellt, über das räumliche Umfeld zum Wohlbefinden von Schülerinnen und Schüler beizutragen.
Im Rahmen des bundesweiten Konjunkturprogammes wurde auch die Steinfurter Realschule am Buchenberg dem Ganztagsbetrieb angemessen ausgebaut. Für die Kreisstadt galt der dafür notwendige Mensabau als Pionierprojekt, da zuvor noch keine der städtischen Schulen über ein derartiges Raumprogramm verfügte. Mit der Aufgabe, ein Gebäude zu entwerfen, das neben seiner eigentlichen Funktion auch als flexibler Mehrzweckbau dienen sollte, wurde das Berliner Architekturbüro kleyer.koblitz.letzel.freivogel beauftragt.
Zugehörigkeit zum Bestand
Als zusätzlicher Baukörper an der südöstlichen Ecke des Schulgeländes platziert, definierten die beiden Gebäudefluchten des bestehenden Schulhauses den Standort des Erweiterungsbaus. Durch drei raumbildende Kanten gefasst, entstand zwischen dem Winkelbau und der neuen Mensa ein zentraler Eingangsplatz, von dem alle Gebäude über kurze Wege zentral erschlossen werden. Auf die topographische Charakteristik des leicht abfallenden Geländes reagiert der Neubau durch eine dezente Auskragung im südlichen Abschluss.
Entsprechend des Bestands sind auch die Fassaden des Neubaus in regelmäßigem Mauerwerksverband ausgeführt, so dass die einheitliche Materialität dessen Zugehörigkeit in das Gebäudeensemble bestätigt. Um dieses Erscheinungsbild zu erzielen, wurden alle Umfassungswände der Mensa als zweischalige Massivkonstruktion ausgeführt. Die Klinkerfassade ist dabei als Vormauerschale ausgebildet, die von der dahinterliegenden, statisch wirksamen Stahlbetonkonstruktion gestützt wird. Gegenüber den benachbarten Fassaden entsteht durch die etwas dunkleren und in der Oberfläche lebhaft wirkenden Kohlebrand Fassadenklinker von Hagemeister (Farbe „Norden“) dennoch eine angenehme Differenzierung.
Die zum Hof hin orientierte Ostfassade wirkt ruhig. Nur vereinzelte, kleinformatige Öffnungen durchbrechen die ansonsten geschlossene Wandfläche. In einem kontrastreichen Erscheinungsbild hingegen spannt sich über die gesamte Länge der südlich repräsentativ auskragenden Stirnseite ein horizontales Bandfenster. Großzügige Öffnungen in der Westfassade reagieren auf die dem Speiseraum vorgelagerte Terrasse. Den oberen Abschluss des Gebäudes prägt auf beiden Langseiten die rhythmisierende Silhouette von drei Sheddachgiebeln. Was für Ortsfremde zunächst unverständlich scheint, stellt sich bei genauerer Betrachtung als architektonische Reminiszenz an die Geschichte der Stadt heraus. Heute nahezu vollständig aus der städtischen Dachlandschaft verschwunden, hatte diese industriell geprägte Geometrie auch in Steinfurt einst großflächige Hallenareale überzogen und bis weit über die Stadt hinaus als Wahrzeichen der hier ansässigen Textilindustrie gegolten.
Architekt Alexander Koblitz erklärt darüber hinaus: „Der robuste Neubau setzt sich durch die skulpturalen Sheddächer ganz bewusst von der üblichen Mensaflachware ab.“
Flexible Organisation
Unmittelbar an den zentralen Platz angeschlossen, ist der Hauptzugang des Gebäudes auch für größere Gruppen leicht zu erreichen. Die innere Organisation erscheint zunächst einfach und klar strukturiert, jedoch basiert das Gebäude auf einem außergewöhnlich flexiblen Grundriss, der sich aus einer multifunktionalen Nutzungsanforderung ableitet. Einerseits kann der Raum als Mensa, andererseits auch als Versammlungsraum genutzt und darüber hinaus sogar in drei kleinere, eigenständig funktionierende Einheiten unterteilt werden.
Durch einen entlang der östlichen Längsseite eingestellten Serviceblock, in dem Garderobe, Toiletten und Nebenräume diskret untergebracht sind, wird der Hauptraum erschlossen. Bis zu einer Höhe von 2,10 m ist dieser Funktionskern farbig gefasst, um dessen eingestellten Charakter hervorzuheben. Auch die Sanitärräume unterstützen diesen Effekt durch farbig gestaltete Boden und Wandflächen.
Der bereits von außen ablesbaren Intention entspricht im Inneren ein großzügiger Speiseraum mit Platz für bis zu 240 Gäste. Den großen Saal überspannen drei aneinander gereihte Shedgiebel, ohne dass eine Stütze das großzügige Raumgefüge unterbricht. Ähnlich einem Faltwerk konstruiert, wird diese tragwerktechnische Leistung erst durch die geometrischen Eigenschaften des Sheddaches ermöglicht. Um das Eigengewicht der Dachfläche möglichst gering zu halten, wurden hierfür 26,5 cm dicke Spannbeton-Hohlplatten der Firma Partek-Brespa verbaut. Die alternierende Deckenhöhe erzeugt durch die Gliederung im Innenraum eine angenehme Atmosphäre, gleichzeitig trägt sie dazu bei, eine monotone Hallenwirkung zu vermeiden.
Raumgefüge und Materialien
Ausgestattet mit akustisch wirksamen Gipskarton-Lochpaneelplatten Cleaneo von Knauf, die der Deckengeometrie folgen, wird so auch bei höheren Lärmpegeln ein angemessenes Raumklima sichergestellt. Dass bei der großen Grundrisstiefe selbst die Raummitte noch ausreichend Tageslicht erhält, ist den dachflächenintegrierten Fenstern zuzuschreiben. Die nach Norden orientierten Sheddachfenster sind als Systemlösung in der Schüco Pfosten-Riegelkonstruktion FW 50+SI ausgeführt. Während die Leichtmetallprofile zur Lastabtragung und Aussteifung dienen, kommen in dieser Serie Anpressleisten aus Glasfaser-verstärktem Kunststoff zum Einsatz, die eine optimierte Wärmedämmung sicherstellen.
Das Panorama-Fenster der Südfassade, dessen tiefe Leibung sich einladend als Sitzbank anbietet, erlaubt Ausblicke in Richtung des Borghorster Stadtkerns, sogar der Kirchturm von St. Nikomedes ist von hier sichtbar. Gegenüber des Eingangs spenden die bodentief verglasten Fenster der Westseite reichlich Tageslicht und stellen gleichzeitig Bezüge zur angrenzenden Terrasse her. Nördlich schließt hinter dem Ausgabetresen ein Küchentrakt mit Personal-, Lager- und Technikräumen an.
Ermöglicht durch das Zusammenspiel der unterschiedlichen Fensterelemente charakterisiert neben dem spannungsreichen Raumgefüge ein abwechslungsreiches Lichtspiel den Innenraum.
Selbst wenn der Saal entlang der Querachse in drei gleichwertige Räume unterteilt wird, ist durch die integrierten Oberlichter eine natürliche Belichtung der Kernzone sichergestellt. Da alle Bereiche sowohl an die Sanitär-, Garderoben- und Funktionsräumen wie auch an die westliche Terrasse angrenzen, bleibt die Nutzung sämtlicher Funktionen erhalten.
Gegen das Erdreich ist die Bodenplatte mit 13 cm Polystyrol isoliert, auf der ein schwimmender Estrich aufbaut. Dabei wird die Estrichoberfläche durch eine widerstandsfähige, 2,5 mm starke PU-Beschichtung von Remmers versiegelt, die dem alltäglichen Ansturm der hungrigen Gäste standhält.
Architekten: kleyer.koblitz.letzel.freivogel, Berlin
Anzeige
Anzeige
MeistgelesenNeueste Artikel
Anzeige

Infoservice
Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der bba-Infoservice? Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Medien GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum bba-Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des bba-Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de