Neubau des NS-Dokumentationszentrums in München

Herausforderung Sichtbeton

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Das NS-Dokumentationszentrum in München steht ab April 2015 Besuchern offen. Planung und Ausführung des öffentlichen Bauwerks unterlagen besonderer Sorgfalt. Beim weißen Kubus aus Sichtbeton musste der gewählte Weißbeton die Anforderungen an die Sichtbetonklasse SB4 erfüllen. Für die Oberflächen galt der Grundsatz der Gleichmäßigkeit.

Das NS-Dokumentationszentrum in zentraler Münchner Stadtlage wird mit Ausstellungen und Veranstaltungen Ursachen, Wirkungen und Folgen des NS-Terrorregimes thematisieren. Das Berliner Architekturbüro GSW Georg Scheel Wetzel Architekten schlug für den innerstädtischen Standort, an dem bis 1945 die Parteizentrale der Nationalsozialisten ihren Sitz hatte, einen weißen Kubus aus Sichtbeton vor. Er besetzt den unheilvollen Ort der Täter neu und tritt mit dem seit den Nachkriegsjahren etablierten, öffentlichen Grünraum in Beziehung.

Neben der Kubatur charakterisiert die weiße Farbe die Architektur des Neubaus. Innen wie außen bleiben seine Betonflächen sichtbar. Der gewählte Weißbeton sollte daher die Anforderungen an die Sichtbetonklasse SB4 gemäß DBV/BDZ-Merkblatt Sichtbeton erfüllen. Die Bauherrin, die Landeshauptstadt München, vertreten durch das städtische Baureferat, definierte Vertragsgrundlagen, die über die Vorgaben dieses Merkblatts noch hinausgehen – etwa in Bezug auf die Forderungen zu weit reichenden Laborprüfungen, zur personellen Besetzung, zur Personalmotivation und zu Produktqualitäten (Schalhaut, Trennmittel, Abstandhalter, Beton).
Ein bereits in der Planungsphase eigens eingestellter externer Sichtbetonkoordinator begleitete das Projekt über die gesamte Bauzeit. Mit dem Ziel, bei allen sichtbar bleibenden Weißbetonteilen die höchste Qualitätsstufe SB4 zu erreichen, beriet er den Bauherrn hinsichtlich Ausschreibung, Bemuste-
rung, Produkt- und Lieferantenauswahl, Ausführungsqualität, Oberflächenbearbeitung/-schutz und Betonkosmetik. Er erarbeitete darüber hinaus auch ein umfängliches und durchgängiges Qualitätssicherungssystem für die Lieferanten, für die Materialhersteller und für die auszuführenden bautechnischen handwerklichen Leistungen.
Der als Ortbeton in Sichtbetonqualität SB4 ausgeschriebene Beton kam von Heidelberger Beton. Der Auftrag umfasste rund 2 000 m³ Weißbeton, vorwiegend der Festigkeitsklassen C30/37 für die Tragschale und C35/45 für die Außenschale. Es wurden mehrere Betonzusammensetzungen mit Titandioxid und einem besonderen hellen Sand festgelegt. Als Zement war die Verwendung von Dyckerhoff Weiß CEM I 42,5 R (dw) FACE vereinbart. Die Betonsorten waren auf Basis der Labormuster – was ihre Optik angeht – vom Architekturbüro, vom Auftraggeber und vom Sichtbetonkoordinator freigegeben. Hinsichtlich ihrer Verarbeitbarkeit und sonstiger Eigenschaften waren sie durch erweiterte Eignungsprüfungen, Eins-zu-eins-Mustererstellung, Erprobungsmuster und Referenzmuster auch „in der Praxis“ überprüft.
Vielfach erprobt
Bereits früh wurde die Betotech München GmbH & Co. KG, Baustofftechnisches Labor, von den Architekten mit der Erstellung unterschiedlich zusammengesetzter und oberflächenbearbeiteter Weißbeton-Musterplatten beauftragt. Diese ersten Versuche bildeten die Basis zweier beschränkter Ausschreibungen der Landeshauptstadt München für eine komplexe und detailliert ausgeklügelte, etwa 11 m hohe Betonmusterwand und für den Rohbau des eigentlichen Gebäudes.
Die Vorgehensweise, ein sogenanntes nicht-offenes Verfahren, war aufgrund der besonderen Art des zu vergebenden Auftrages möglich. Bei speziellen Anforderungen kann eine beschränkte Ausschreibung erlaubt werden, so dass nur ein ausgewählter Kreis von Unternehmen nach vorgegebenen Kriterien zur Angebotsabgabe aufgefordert wird. Nach der Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen (VOB) sollen drei bis acht Bewerber einbezogen werden.
Die Xaver Riebel GmbH aus Mindelheim konnte beide Ausschreibungen für sich entscheiden. Sie erstellte im Sommer 2010 eine Musterwand mit den späteren Referenzflächen. Hierbei sammelten die Projektbeteiligten erste Praxiserfahrungen mit den ausgewählten Weißbeton-sorten. Bereits in diesem frühen Stadium konnten so Aussagen, etwa zur Eignung von Beton, Schalung, Schalhaut und Trennmittel, getroffen werden. An der Eins-zu-eins-Musterwand wurden darüber hinaus unterschiedliche Förder-, Einbau- und Verdichtungsverfahren getestet. Auf Basis der erzielten Ergebnisse konnte die weitere Vorgehensweise festgelegt werden.
Nicht zuletzt erfolgten – auch als Entscheidungshilfe für den Bauherrn – unterschiedliche Arten der Oberflächenbearbeitung wie Wasserstrahlen, Sandstrahlen und Korundstrahlen. Erfahrungen aus diesem Prozess flossen auch in das Qualitätssicherungssystem ein. Die penible schriftliche Dokumentation war für das reibungslose Zusammenspiel der Beteiligten und damit letztlich für das Gelingen der hochwertigen Oberflächenqualitäten erforderlich.
Auch die Güteüberwachungs- und Qualitätssicherungsmaßnahmen seitens des Betonlabors des Lieferanten, der Zentralen Prüfstelle München der Heidelberger Beton, waren umfangreich. Der verantwortliche Leiter Qualität, Herr Dr. Robert Lukas, hatte eigens für das NS-Dokumentationszentrum detaillierte Checklisten für Herstellwerk, für Fahrer beziehungsweise Fuhrunternehmer und für das Labor entwickelt. Das erfolgreiche „Abarbeiten“ der Listen wurde auf jedem Lieferschein durch einen händischen Stempelaufdruck „Geprüfte Qualität“ dokumentiert und von den jeweils Durchführenden abgezeichnet. So verließ kein einziger Kubikmeter des weißen Sichtbetons ungeprüft das Herstellwerk und die vereinbarten Eigenschaften konnten auf der Baustelle zielsicher erreicht werden.
Akkurate Betonoberflächen
Bauseitig sind Maßnahmen getroffen worden, um Ungleichmäßigkeiten im Erscheinungsbild der Betonoberflächen zu vermeiden. In der kühlen Jahreszeit betonierte Betonbauteile zeigen bekanntermaßen eine erhöhte Neigung zur Wolken- und Fleckenbildung sowie zu dunklerem Farbeindruck. Jüngste wissenschaftliche Untersuchungen an der TU München belegen dies. Daher ruhte der Betoneinbau bei Frost komplett. Bei hochsommerlichen Lufttemperaturen wiederum erfolgte der Betoneinbau in den frühen Morgenstunden. Zusätzlich berücksichtigte man:
  • eine penible Prüfung der Schalung, der Schalhaut, aller Stöße und der Schalhautschnittstellen gemäß QMS-Plan
  • einen möglichst dünnen Trennmittelauftrag
  • eine exakte Bewehrungsfixierung
  • eine detaillierte Abstandhalterkontrolle
  • eine nochmalige Überprüfung der Maße der Betondeckung über der Bewehrung
Auch hinsichtlich der Nachbehandlung der Sichtbetonbauteile gilt der Grundsatz der Gleichmäßigkeit. Je nach Luftfeuchtigkeits- und Temperaturbedingungen wurden folglich zusätzliche Schutzmaßnahmen realisiert: Der frisch betonierte Sichtbeton wurde während der ersten drei Wochen vor direktem Niederschlag und danach vor schroffen Temperatur- und Feuchtigkeitswechseln (Gewitter, Regen) geschützt. Danach erfolgte ein weiterer Schutz der Bauteile mit ihren empfindlichen Ecken und Kanten durch Folien, Auflagen und Verblendungen. So konnten die weißen Flächen vor mechanischen und chemischen Einflüssen sowie sonstigen Beschädigungen geschützt werden. Dank der koordinierten Maßnahmen erfüllte der Rohbau die hohen ästhetischen Anforderungen des Bauherrn, die den Rahmen für ein anspruchsvolles Dokumentationszentrum bilden werden.
Architekten: GSW Georg Scheel Wetzel Architekten, Berlin Tragwerksplanung : Ingenieurbüro Dr. Lammel, Regensburg Objektüberwachung: Wenzel + Wenzel, Freie Architekten / Dipl.-Ing. / Partnerschaft, München


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