Neubau des Staatsarchivs in Stade

Stimmig differenziert

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Beim Neubau des Gebäudeensembles für das Staatsarchiv in Stade ging es um mehr als nur moderne Architektur. Durch die Lage und teils besondere Nutzung waren die Anforderungen an den Entwurf städtebaulich, gestalterisch und auch bautechnisch anspruchsvoll. Den Architekten gelang der Spagat zwischen Funktionalität und Unverwechselbarkeit ­ geprägt von einem spannungsvollen Dialog zwischen Transparenz, Semitransparenz sowie Geschlossenheit. Optisch umgesetzt wurde dies mit einem ausgewogenen Materialmix: Klinker, Glas und Aluminium.

Dipl. Ing. Claudia Närdemann | jo

Durch eine bundesweit einmalige Kooperation entstand eines der größten Archivgebäude in Norddeutschland mit insgesamt fünfzig Kilometern Regallänge. Nachdem sowohl in Hamburg als auch in Niedersachsen die Kapazitäten zur Archivierung von Grundbüchern und Grundakten erschöpft waren, beschlossen beide Länder, einen gemeinsamen Neubau in Stade zu errichten.
Der Entwurf zum neuen Staatsarchiv in Stade stammt von der Osnabrücker pbr Planungsbüro Rohling AG. Zwischen Bahngleisen, Industriebauten und Wohnhäusern entstand ein Gebäudeensemble mit klarer Formensprache, dessen lebendige Fassaden je nach Nutzung transparent, semitransparent oder geschlossen ausgeführt sind. Das Gebäude fügt sich in den von heterogenen Bebauungsstrukturen geprägten städtebaulichen Kontext ein, bildet aber zugleich einen neuen signifikanten Stadtbaustein, der in Form und Funktion einmalig ist.
Eindeutige Kubaturen kennzeichnen das Erscheinungsbild des Archivgebäudes, das sich aus zwei Baukörpern zusammensetzt, dem fünfgeschossigen Magazin und dem vorgelagerten Bau für Öffentlichkeit und Verwaltung. Eine transparente Magistrale durchdringt und verbindet beide Baukörper. Durch die Verschiebung der Gebäudeteile entlang der Mittelachse entsteht eine Verzahnung des Bauwerks mit Landschaft und Umgebung. Die Anordnung der Baukörper definiert Außenräume mit unterschiedlichen Qualitäten, wie den Anlieferungshof und den grünen Lesehof.
Raumkonzept
Im Erdgeschoss des östlich anschließenden Gebäudeteils können Besucher im hell gestalteten Lesesaal Dokumente studieren. Nach Norden orientiert sich der Raum mit großen Fensteröffnungen zum begrünten Lesehof. Im ersten Obergeschoss befinden sich die für die Öffentlichkeit eingeschränkt zugängliche Verwaltung sowie multifunktionale Büro- und Produktionsräume. Westlich der Magistrale sind im dreibündigen Bereich für Archivtechnik Anlieferung, Werkstatt und Archivalienaufbereitung untergebracht. Die übrigen Nutzungseinheiten wie Dienstbibliothek, Lagerräume und eine Reprowerkstatt befinden sich im ersten Obergeschoss. Für den Haustechniker steht im zweiten Obergeschoss eine Dienstwohnung zur Verfügung.
Der größte Gebäudeteil ist der Magazintrakt, in dem Platz für insgesamt fünfzig Kilometer Regallänge ist. Auf zwei Ebenen ist das fünfgeschossige Bauwerk über die zentrale Magistrale mit dem Gebäude für Archivtechnik und für Verwaltung und Öffentlichkeit verbunden.
Transparenz und Geschlossenheit
Der Entwurf für das Gebäudeensemble mit dem geschichts- trächtigen Inhalt erforderte eine zeitgemäße Architektur mit regional-traditioneller Charakteristik. So wählten die Architekten als dominierendes Fassadenmaterial keramische Klinkerriemchen in Rot- und Gelbtönen der Serie „Lübeck“ von Hagemeister, die im wilden Verband mit ihrer Struktur und verschiedenen Farbnuancen die Fassaden rhythmisieren. Die robusten Klinker kamen als hinterlüftete Bekleidung für beide Baukörper zum Einsatz ­ einer Massivkonstruktion aus Stahlbeton.
Basis des Entwurfskonzeptes bildet der Dialog zwischen Transparenz, Semitransparenz und Geschlossenheit, welcher bereits von außen verschiedene Funktionsbereiche erkennen lässt. Empfangen wird man als Besucher vom lichtdurchfluteten, gläsernen Foyer der Magistrale. Die filigrane Glasfassade wurde mit dem hochwärmedämmenden Pfosten-Riegel-Fassaden-System „Trigon“ von Hueck in Kombination mit den Einsatzfenstern Schüco „AWS 75 BS.HI“ und Einsatztüren Schüco „ADS 75.SI“ realisiert. Das halböffentliche Verwaltungsgebäude ist durch Lochfassaden gekennzeichnet, deren Ansichten zwischen der Transparenz der Magistrale und der Geschlossenheit des Magazintrakts vermitteln.
Schutz der Akten im Magazintrakt
Die größte Herausforderung bei diesem Projekt war für die Architekten die Planung des Magazintrakts. Tageslicht und Außenluft sollten zum Schutz der alten Akten nicht in diesen Gebäudeteil eindringen. Um die unbeabsichtigte Zufuhr von Wärme, Kälte und Feuchte zu begrenzen, musste ein Austausch der im Magazin enthaltenen Luft mit der Außenluft durch eine dichte Konstruktionsweise verhindert werden. So waren die Anforderungen an den Entwurfs dieses Gebäudeteils besonders hoch: Ein fünfgeschossiges Gebäude ohne Fenster, als Herzstück des Ensembles, das zudem mit den öffentlichen sowie halböffentlichen Bereichen gestalterisch korrespondieren sollte.
Der Gedanke an großflächige Fassaden ohne Fenster könnte durchaus Monotonie und Gestaltungsarmut suggerieren. Mit ihrem Entwurf überzeugen die Osnabrücker Architekten allerdings vom Gegenteil: Der neue, üppig dimensionierte Magazintrakt erfüllt mit seiner klaren Kubatur und der überraschend lebendigen Fassade sämtliche Anforderungen an Funktion und Gestaltung, die an das Projekt gestellt wurden.
Highlights im wahrsten Sinne des Wortes bilden bei der Fassadengestaltung die zwischen den Klinkern unregelmäßig angeordneten Felder mit anthrazitfarbenen Alucobond Aluminiumtafeln, in denen sich, je nach Blickwinkel, das Sonnenlicht widerspiegelt. Alucobond ist eine Verbundplatte, die aus zwei Aluminium-Deckblechen mit einem feuerhemmenden Polyethylenkern besteht. Der flexible Fassadenwerkstoff ist witterungsbeständig, schlag- und bruchfest, schwingungsdämpfend und lässt sich zudem leicht montieren. Das Fugenbild und die Anordnung von Blechlisenen in Verbindung mit den Klinkern und den Aluminiumtafeln gliedern den fensterlosen Baukörper und schaffen strukturierte, lebendige Ansichten.
Gleichwertige Gestaltung
Die Fassadengestaltung des Verwaltungsbaus beruht auf dem gleichen Konzept wie die des Magazintrakts, allerdings mit einem Unterschied: Ein Teil der Aluminiumverbund-Platten wird von Fenstern durchdrungen. Somit ergibt sich insgesamt ein stimmiges, einheitliches Bild, bei dem die Aluminiumtafeln über die Fenster dominieren, wodurch eine gleichwertige Gestaltung des fensterlosen Magazintrakts gegenüber dem Verwaltungsgebäude möglich war. Für sämtliche Fenster in den Lochfassaden der Verwaltung wählten die Architekten Schüco „ASS 70.HI“ mit Sicherheitsverglasungen der Widerstandsklasse P4A.
Die unregelmäßige Anordnung der Aluminiumtafeln gehört zum gestalterischen Konzept der Fassaden. Ein Teil der Tafeln wird von Fenstern durchdrungen, die aber in der Außenansicht nicht die Hauptrolle spielen. So erhielt der Innenbereich gegenüber den Außenansichten eine höhere Priorität bezüglich der Wahl der Fensteranordnung. Dennoch wirkt die Fassadengestaltung keinesfalls unruhig oder willkürlich, da die einzelnen Elemente einen Rahmen bilden und sich wie ein roter Faden durch alle Ansichten ziehen.
Dipl. Ing. Martina Kormann, Architektin: „Unsere Idee war es, einen Dialog zwischen Transparenz und Geschlossenheit zu entwickeln, der die verschiedenen Funktionsbereiche mit ihren Anforderungen berücksichtigt und diese nach außen hin ablesbar werden lässt.“
Architekten: pbr Planungsbüro Rohling AG, Osnabrück
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