Erweiterungsbau für das Umweltbundesamt in Dessau

Saubere Bilanz

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Bis heute gilt das Hauptgebäude des Umweltbundesamtes (UBA) als ökologischer Musterbau. Weil es für die steigende Zahl an Mitarbeitern aber nicht mehr genug Platz bot, wurde auf dem UBA-Gelände ein weiteres Gebäude mit hohem ökologischem Anspruch errichtet. Der Neubau ist als Plus-Energie-Gebäude geplant und besteht u.a. aus Recycling-Beton.

Sven-Erik Tornow | vs

Wie einst das Haupthaus soll auch der Erweiterungsbau von Anderhalten Architekten neue Standards bei Bundesbauten setzen. Allein der geplante Plus-Energie-Haus-Standard ist bereits eine Besonderheit. Denn trotz neuem Gebäude mit über 111 Arbeitsplätzen sowie einem großen Konferenzbereich soll auf dem gesamten UBA-Areal nicht mehr Energie verbraucht werden als vorher. Schließlich – so ist der Plan – versorgt sich der Erweiterungsbau im Betrieb komplett selbst mit erneuerbaren Energien.

Gestalterische Einbindung

Zunächst galt es jedoch, ein passendes architektonisches Konzept für den Erweiterungsbau zu finden – denn das bereits bestehende Umweltbundesamt dominiert auch in städtebaulicher Hinsicht das vorhandene Areal im Dessauer Gasviertel. Deshalb ordneten Anderhalten Architekten im südöstlichen Grundstücksbereich ein freistehendes, viergeschossiges Gebäude an, dessen Höhe und Kubatur sich aus dem vorhandenen Kontext entwickelt. Der Erweiterungsbau stellt formal eine Verbindung zur vorhandenen Bebauung her und ist zugleich ein Solitär. Dies zeigt sich sowohl durch die amorphe Form des Kubus‘ als auch durch die auffällige Fassadenkonstruktion. So prägen alternierende Flächen, die abwechselnd transparent, transluzent oder opak sind, die skulpturale Fassadenstruktur. Aufgrund dieser wie gefaltet wirkenden Gestaltung konnte die Fassadenoberfläche vergrößert werden, was den Energieeintrag zusätzlich optimiert.

Photovoltaik und Erdwärme
liefern Energie

Denn auch die komplett aus Photovoltaik-Elementen bestehende Fassade ist Teil des energetischen Konzeptes. Gemeinsam mit weiteren Modulen auf dem Dach sind sie das Kraftwerk des Gebäudes und liefern den Strom, den der Erweiterungsbau für seinen Betrieb benötigt. Zudem wird Erdwärme zum Heizen und Kühlen genutzt – durch 31 Sonden, die bis zu 25 m tief in den Boden eingebracht werden. Durch zentral gesteuertes Öffnen der Fenster wird den Büros im Sommer nachts zusätzlich kühle Luft zugeführt. Zwei Atrien sorgen nicht nur für ein hohes Maß an Tageslicht, sondern – aufgrund des Kamineffektes – auch für eine anlagenfreie Belüftung des Neubaus. Durch die komplette Belichtung mit LED- und Energiesparbeleuchtung wird zusätzlich Energie gespart.

Rund 60 Prozent Recycling-Beton

Konstruktiv handelt es sich bei dem Neubau um einen massiven Beton- bzw- Stahlbetonbau. Fast 3 000 m3 Beton wurden hierfür an die Baustelle geliefert. Bei 60 % des angelieferten Betons handelt es sich um Recycling-Beton – ein weiteres Novum, zumindest für das Bundesland Sachsen-Anhalt. Denn bisher wurden hier noch keine Gebäude mit Recycling-Beton ausgeführt. Das stellte alle Baubeteiligten vor Herausforderungen, denn einige Projektbeteiligte mussten von der Funktionssicherheit dieses „neuen alten“ Betons noch überzeugt werden.

Auch deutschlandweit ist der Einsatz von Recyclingmaterial in Frischbetonen noch eine Seltenheit. Selbst für den Transportbeton-Hersteller, die Kann Beton GmbH aus Dessau, war es nicht einfach, einen Lieferanten für den Kiesersatz zu finden. Denn das Recyclingmaterial muss nicht nur eine Korngröße von 8 bis 16 mm besitzen, sondern zusätzlich auch eine Zulassung vom Deutschen Institut für Bautechnik (DIBt) in Berlin nachweisen. Im Vorfeld stellte man – veranlasst durch das UBA – entsprechende Berechnungen an, um sicherzustellen, dass die Verwendung von Recycling-Beton auch mit der CO2-Bilanz der Baustelle zu realisieren ist. Am Ende wurde man in Berlin fündig – eine gerade noch akzeptable Entfernung. „Hätte die Firma nur ein paar Kilometer außerhalb des Zulieferkreises gelegen, hätten wir komplett normalen Beton nehmen müssen“, sagt Antje Schindler, Referatsleiterin für Bau und Technik im UBA.

Für alle an der Betonherstellung Beteiligten stellte das Thema Recycling-Beton eine besondere Herausforderung dar. Sowohl die technischen Experten bei der Kann Beton Niederlassung in Dessau wie auch der Zementlieferant entwickelten Hand in Hand eine Betonmischung, die den Anforderungen für den Neubau entsprach. Als Zement kam ein CEM III/A 32,5 N-LH/NA der Opterra Zement GmbH, Werk Karsdorf, zum Einsatz.

Fassade als Sonderanfertigung

2017 wurde der Rohbau fertiggestellt, Fenster mit Dreifachverglasung wurden eingebaut. Im Sommer wurde dann mit der Installation der Fassadenelemente begonnen. Bei der Fertigstellung der Fassade kam es zu Verzögerungen, da die Ausschreibung für die außergewöhnliche Gebäudehülle wiederholt werden musste – denn die beauftragte Firma konnte die gestellten Anforderungen nicht erfüllen.

„Es ist eine Sonderanfertigung, die in dieser Dimension in Deutschland noch nicht gebaut wurde“ , erläutert Antje Schindler die Hintergründe.

Mit den ersten Planungen für den Erweiterungsbau startete das UBA bereits 2008. Die Grundsteinlegung erfolgte im April 2016. Im Frühjahr 2018 soll das neue Gebäude fertig gestellt, möbliert und bezogen werden. Zeitgleich mit der Nutzung beginnt auch das betriebsbegleitende Monitoring: Dabei wird die Haustechnik optimiert und gleichzeitig untersucht, ob das Ziel „Null-Energie-Haus“ auch tatsächlich erreicht wird.

Architekten:

Anderhalten Architekten, Berlin

www.anderhalten.com

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