Neubau eines Rathauses in Midden-Delfland (NL) mit Reet-Dach

Neubau eines Rathauses in Midden-Delfland

Bürgernähe unter Reet

Die niederländische Gemeinde Midden-Delfland bei Delft hat ein neues Rathaus. Ungewöhnliches Detail des Entwurfes von Inbo sind fünf stilisierte Reet-Dächer, die sich wellenförmig über unterschiedliche Gebäudeabschnitte legen. Die PV-Fassade sorgt im Verbund mit intelligenter Gebäudetechnik dafür, dass der Neubau CO2-neutral betrieben werden kann.

Robert Uhde

Wer sich eine typisch niederländische Landschaft vorstellt, der denkt spontan an übersichtlich parzellierte Weideflächen, an Deiche und an reetgedeckte Bauernhöfe. Die gleiche Vorstellung hatten auch die Planer von Inbo, die 2007 den Wettbewerb zur Planung des neuen Rathauses für die rund 20 000 Einwohner zählende Gemeinde Midden-Delfland am Ortsrand von Schipluiden gewonnen hatten. Inspiriert von der typischen niederländischen Deich- und Weidelandlandschaft sowie den Bauernhöfen in der Umgebung entwickelten sie einen großzügigen Entwurf mit fünf parallel angeordneten, dabei aber versetzt zueinander stehenden dreigeschossigen Baukörpern. Die unterschiedlich geknickten und gewellten Dächer des in Stahlbauweise errichteten Neubaus wurden dabei als stilisierte Reet- bzw. Gründächer ausgebildet.
Ein gelungenes Detail sind die schmalen Stirnseiten der fünf Baukörper: Hier wurden die einzelnen Dächer unterschiedlich weit über die optische Traufkante hinaus bis ins Erdgeschoss fortgeführt, so dass Dach und Wand fließend ineinander übergehen; ganz so, als würde das Gebäude unmerklich mit der direkt angrenzenden Landschaft verschmelzen. Die frei liegenden Seitenfassaden wurden im Kontrast mit großzügigen Glasflächen (Aluminiumprofile von Van Dool Geveltechniek) gestaltet, um so den Bezug zur angrenzenden Deichlandschaft zu betonen und den offenen und bürgernahen Charakter der Stadtverwaltung zu unterstreichen. Hinter der ungewöhnlichen Außenhülle stehen auf einer Fläche von 6 000 m² unterschiedlich große Räume für die Stadtverwaltung sowie die Feuerwache zur Verfügung.
Vorbildliche „Cittàslow“-Gemeinde
Die ungewöhnliche Formgebung ist nicht nur ästhetisch begründet, sie entspricht auch dem Selbstverständnis der erst 2004 zusammengelegten Kommune:
„Midden-Delfland ist die erste Gemeinde in den Niederlanden, die die ursprünglich aus Italien
stammenden Ideen der „Cittàslow“-Bewegung übernommen hat“, erklärt Projektarchitekt Arnold Homan. „Um die dort formulierten Themen Nachhaltigkeit oder Entschleunigung sichtbar umzusetzen, wollten wir nicht nur eine funktionale Hülle für die Stadtverwaltung, sondern ein Identität stiftendes und betont niederschwelliges Bauwerk mit ökologischem Vorbildcharakter schaffen.“
Unterstrichen wird der naturnahe Charakter des Entwurfes durch eine intelligente Gebäudetechnik, die dafür sorgt, dass der Neubau insgesamt klimaneutral betrieben werden kann. Ein wichtiger Bestandteil des Konzepts sind die zur natürlichen Stromgewinnung sowie zur Verschattung eingesetzten Photovoltaikmodule mit einer jährlichen Produktionsleistung von 6 400 kWh, die bei dem südlich gelegenen Baukörper in horizontalen blauen Streifen vor die Geschossbrüstungen der Glasfassade sowie auf dem Dach integriert wurden. Komplettiert wird das ökologische Gebäudekonzept durch eine Dreifach-Isolierverglasung sowie die Integration eines natürlichen Heizungs- und Kühlungssystems, das unter anderem zwei bis zu 196 m tief ins Erdreich getriebene Brunnen zur Nutzung von Erdwärme und -kälte umfasst. Die unterirdisch gewonnene Wärme und Kälte wird über eine Niedertemperatur-Strahlungsheizung in den vorgefertigten Betondeckenelemente an den Innenraum abgegeben. Die vorgefertigten Betondecken-Elemente lieferte Betonson.
Wellenförmiges Reet-Dach
Eine entscheidende Rolle innerhalb des Konzepts spielen auch die wellenförmigen, an einigen Stellen durch kleinere Fenster geöffneten Reet- und Gründächer mit einer Gesamtfläche von 2 500 m², die erheblich zur sommerlicher Kühlung und zur winterlichen Wärmeisolierung des Gebäudes beitragen. In den steileren, nach außen hin sichtbaren Randbereichen haben wir die Dachflächen durchgehend mit Reet eingedeckt“, erklärt Arnold Homan.
„Die Unterkonstruktion aus vorgefertigten doppelschaligen Dachelementen ermöglicht dabei nicht nur eine hohe Wärmeisolierung, sondern garantiert auch die Dampfdichtigkeit des Daches, um ein Verrotten des aufliegenden Schilfes zu vermeiden.“
Die bis zu 2,88 x 7,2 m großen und 22 cm dicken Dachelemente von Opstalan bzw. Unilin Insulation Nederland setzen sich zusammen aus diffusionsoffener Unterspannbahn, 18 mm starker OSB-Oberplatte, Rippen aus Nadelholz, 170 mm Mineralwolldämmung und einer speziellen Holzspanplatte mit integrierter Dampfsperre (Aufbau von außen nach innen).
Optimiert wird die Konstruktion durch die starke Verdichtung der aufliegend mit Eisendraht vernähten Reetbündel: „Insgesamt können so weder Wasser noch Luft eindringen, so dass das Reetdach nicht nur gegen Feuchtigkeit geschützt ist, sondern auch einen optimierten Brandschutz bietet.“
Auf der Baustelle wurden die einzelnen Elemente direkt auf den gekrümmten Stahlspanten des Gebäudes montiert. In den flacheren Dachabschnitten oberhalb der Traufkante, in denen die Dachneigung nicht ausreichte, um bei einem Reetdach ein optimales Ablaufen von Regenwasser zu ermöglichen, wurde ein Sedum-Gründach mit einer Unterkonstruktion aus vorgefertigten Betondeckenelementen errichtet.
Freundlich gestalteter Innenraum
Ein weiterer wichtiger Aspekt bei der Planung des Gebäudes war die Schaffung eines offenen und möglichst freundlich gestalteten Innenraumes, um so die Identifikation der Bürger mit ihrer Gemeinde zu stärken. Die Aufteilung der unterschiedlichen Funktionen auf fünf unterschiedliche Baukörper ermöglicht dabei eine überschaubare und bewusst kleinteilige Untergliederung, die durch eine warme Farbgebung noch betont wird. Im nördlichen sowie in den beiden südlichen Baukörpern sind Büros und ein offen zur Landschaft orientierter doppelgeschossiger Ratssaal untergebracht. In den beiden anderen Volumen wurden eine zentral gelegene und großzügig zum Wasser geöffnete Stadthalle sowie die Feuerwache der Gemeinde integriert. In sämtlichen Bereichen wurden vorzugsweise natürliche Materialien mit Bezug zur Region eingesetzt. Darüber hinaus wurde auch das gesamte Mobiliar eigens durch die Architekten entworfen. Von der städtebaulichen Planung bis hin zur Innenraumgestaltung haben sämtliche Details also die umgebende Landschaft zum Thema.
Architekten: Inbo, Amsterdam Projektteam: Jeroen Simons, Arnold Homan, Arie de Jong, Maarten Hooijmeijer, Erik Berg, Ben van der Wal Statik: Bartels Ingenieursbureau, Utrecht Gebäudetechnik: Vintis installatieadviseurs, Zoetermeer Projektmanagement: Stevens Van Dijck, Zoetermeer
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