Neubau der Stadtverwaltung in Venlo

Grüner Vertikalteppich

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Die vom Rotterdamer Büro Kraaijvanger Architects realisierte neue Stadtverwaltung im niederländischen Venlo überzeugt nicht nur durch ihre transparente Architektur, sondern auch durch minimierten Energiebedarf und hohe Nachhaltigkeit im Sinne des Cradle-to-Cradle-Prinzips. Einen wichtigen Beitrag dazu leistet die mit 2 000 m² weltweit größte grüne Fassade.

Robert Uhde

Mit ihrem 2002 erschienenen Buch „Cradle to Cradle“ (C2C) haben der deutsche Chemiker Michael Braungart und der US-amerikanische Architekt William McDonough erstmals den Begriff der „Ökoeffektivität“ eingeführt. Anders als die „Ökobilanz“ , die den Stoffkreislauf und seine Umweltwirkungen von der Wiege bis zur Bahre des Produktes beschreibt, und die „Ökoeffizienz“ , die den Grad der Material- und Energieintensität eines Produktes misst, umfasst der neu geschaffene Begriff den Anspruch, Produkte möglichst vollständig in biologische Kreisläufe zurückführen zu können, um so erst gar keinen „Abfall“ zu produzieren.

Die weltweit erste Region, die sich dafür ausgesprochen hat, konsequent nach diesem Cradle-to-Cradle-Prinzip zu wirtschaften, ist die niederländische Kommune Venlo. Entsprechend müssen dort auch sämtliche kommunalen (und möglichst auch privaten) Neubauprojekte weitestgehend mit nachhaltigen und wiederverwendbaren Materialien errichtet werden. Ein beeindruckendes Beispiel für diese Vorgabe ist die neue Stadtverwaltung der rund 100 000 Einwohner zählenden, unweit der deutschen Grenze bei Duisburg gelegenen Stadt. Der Neubau fasst auf einer Nutzfläche von rund 28 000 m² die bislang an verschiedenen Standorten gelegenen Funktionen wie An-/Ummeldung, Ausstellung von Personalausweisen oder KFZ-Anmeldung unter einem Dach zusammen.

Wichtiger städtebaulicher Akzent

Aus dem Wettbewerb für das am nordwestlichen Rand der Innenstadt entlang der vielbefahrenen Ausfallstraße Eindhovenseweg und in unmittelbarerer Nähe zum Ufer der Maas gelegene Projekt war 2012 das Rotterdamer Büros Kraaijvanger Architects als Sieger hervorgegangen. Um den Bau schon optisch zu einem Vorzeigebau nachhaltigen Bauens zu machen und gleichzeitig einen städtebaulichen Auftakt für die weitere Entwicklung des Stadtteils Maaswaard am anderen Maasufer zu markieren, entwickelten die Architekten einen abwechslungsreich untergliederten, über einem doppelgeschossigen Sockel insgesamt neun Geschosse aufsteigenden Büroturm aus Glas, dessen Nordfassade in Richtung Eindhovenseweg zu großen Teilen als grüne Fassade ausgebildet wurde. Ein weiterer grüner Blickfang ist außerdem das an der nordwestlichen Gebäudekante in den oberen drei Ebenen als luftiger Kubus ausgebildete Gewächshaus.

Deutlich nüchterner präsentiert sich die mit einer silbern-schimmernden Aluminiumverkleidung und mit horizontalen Fensterbändern gestaltete Südfassade des Gebäudes. Ein wichtiges Element ist hier die als schmaler Riegel rund 40 m aus dem Sockel vorstoßende, zum Teil mit einer Holzfassade ausgebildete „Eingangsbrücke“ , deren lichtdurchflutete Foyerhalle auch für öffentliche Veranstaltungen genutzt werden kann. Im Übergang zum Büroturm schließen sich die öffentlich zugänglichen Bereiche an, im Büroturm selbst stehen auf neun Ebenen helle und flexibel als Einzel- oder Gruppenbüros nutzbare Arbeitsflächen für die rund 620 Mitarbeiter der Behörde zur Verfügung. Die Erschließung und Verbindung der verschiedenen Ebenen erfolgt über verschiedene Lufträume sowie über einen offenen Treppenkern, der gleichzeitig als Ort der Kommunikation fungiert. Komplettiert wird das Raumprogramm durch eine dreigeschossige Tiefgarage mit insgesamt 398 PKW-Parkplätzen sowie insgesamt 377 m² Stellflächen für Fahrräder.

Grüne Fassade

Um die strengen C2C-Auflagen umzusetzen, sind sämtliche für den Neubau verwendeten Materialien sowie deren jeweilige Produktionsprozesse entsprechend zertifiziert: „Alles in allem ist das Gebäude also ein riesiges Lager von wiederverwendbaren Rohstoffen“ , erklärt Projektarchitekt Hans Goverde die grundlegende Philosophie. „Wird etwas renoviert oder ausgetauscht, dann kann das entsprechende Bauteil einfach und problemlos anderweitig an anderer Stelle wieder eingesetzt werden.“

Auffälligstes Element ist in diesem Zusammenhang die mit einer Gesamtfläche von rund 2 000 m² weltweit größte begrünte Fassade. Die mit rund 42 000 Pflanzen begrünte Fläche schafft nicht nur einen interessanten optischen Blickfang, sie ermöglicht auch eine hocheffektive Wärmedämmung des Gebäudes und fungiert gleichzeitig als urbaner Windfang, als Luftbefeuchter und als Schalldämpfer und Feinstaubfilter gegenüber dem Eindhovenseweg:

„Die bisherigen Berechnungen gehen davon aus, dass die Fassade rund 30% der Feinstaube sowie Stick- und Schwefeloxide von 3 000 m² Straßenfläche neutralisiert“, erklärt Hans Goverde die Wirkung.

Um die aus neun Abschnitten zusammengesetzte, insgesamt 2 150 m² große Fassadenbegrünung umzusetzen, kamen zellenartige Module mit einer Größe von jeweils 90 x 80 cm und einem Gewicht von 105 kg/m² zum Einsatz. Auf der Baustelle wurden die aus glasfaserverstärktem Polypropylen hergestellten Module (Modulogreen Living Walls) durch das beauftragte Unternehmen Mostert De Winter mithilfe einer Tragstruktur aus Aluminium auf der darunter liegenden Fassaden montiert. Die Holzfassade besteht aus Holzlatten von Accoya. Die einzelnen Elemente integrieren bereits das Pflanzensubstrat, um möglichts vielfältige Pflanzen einsetzen zu können. Dabei ermöglicht der Bewegungsfluss in den Modulen eine gleichmäßige Verteilung des Wassers an das Substrat und die Pflanzen.

Optimiert wird der Begrünungseffekt durch das durchgehend verglaste Gewächshaus im oberen Abschnitt des Neubaus. Die hier einfallende Wärme steht im gesamten Gebäude zur natürlichen Beheizung zur Verfügung. Im Zusammenspiel mit Wärmepumpen und einem aus dem Dach vorstoßenden Solarkamin, der Raumluft rein thermisch über Luftmassenstrom ansaugt und ins Freie befördert, wird eine weitgehend natürliche Belüftung und Temperierung des Gebäudes ermöglicht.

Komplettiert wird das nachhaltige Energiekonzept durch eine optimierte Tageslichtnutzung, durch die Verwendung von LED-Leuchten sowie durch die Nutzung von Regenwasser sowie des Abwassers der Waschbecken für die Toilettenspülungen sowie für die Grünfassade. Im Zusammenspiel der unterschiedlichen Bausteine ist ein eindrucksvoller Beleg für die Umsetzbarkeit des C2C-Ansatzes gelungen, der gleichzeitig das gewünschte städtebauliche Aufbruchssignal für den Stadtteil schafft.

Weitere Informationen zur Fassadenbegrünung finden Sie unter www.modulogreen.com »

Architekten:
Kraaijvanger Architects, Rotterdam, NL

Projektarchitekt: Hans Goverde

Planungsteam: Hans Goverde, Vincent van der Meulen, Bart van der Werf,
Edward Timmermans, Jan-Hein Franken, Annemiek Bleumink, Anja Mueller,
Hiroko Kawakami

www.kraaijvanger.nl

Landschaftsplanung:
Copijn landscape architects, Venlo, NL

www.copijn.nl

Grundriss Erdgeschoss.
Zeichnung: Kraaijvanger Architects
Hersteller
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