Null-Energie: Ein Gymnasium benötigt keinerlei Energie

Neubau eines Gymnasiums in Amsterdam

Lernen mit Null-Energie

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Im weitgehend stillgelegten Holzhafen soll in den kommenden Jahren das erste energieneutrale Quartier von Amsterdam entstehen. Zu den ersten Neubauprojekten zählt das nach Plänen von Paul de Ruiter kontrastreich mit farbigen Glaslamellen gestaltete 4e Gymnasium. Ein intelligenter Mix unterschiedlicher Maßnahmen macht es möglich, dass der Bau unterm Strich keinerlei Energie benötigt.

Robert Uhde

Mehr als 100 Jahre lang diente der 1876 im Norden von Amsterdam am Südufer des Flusses IJ angelegte Houthaven als zentraler Umschlagplatz der Stadt für Holzimporte aus Skandinavien, Afrika, Asien und Russland. Durch die sukzessive Ausweitung der Hafenbecken und die damit einher gehende Verlagerung von Hafenaktivitäten in Richtung Nordsee seit den 1950er -Jahren hatte der Houthaven seine frühere Bedeutung allerdings schon vor Jahrzehnten verloren. Inzwischen wird das weitgehend stillgelegte Areal schrittweise zu einem klimaneutralen Wohn- und Büroquartier umgewandelt, in dem bis 2020 auf sieben neu angelegten Inseln rund 1 750 Wohnungen und rund 70 000 m² Gewerbeflächen entstehen sollen. Als weithin sichtbare Landmarke ist dabei das spektakulär als offenes Tor gestaltete, voraussichtlich 2019 fertiggestellte „Pontsteigergebouw“ vom Büro Arons en Gelauff vorgesehen.

Zu den ersten großen vor Ort fertiggestellten Neubauprojekten zählt das im Süden des Viertels im Übergang zu einer Wohnsiedlung aus den 1930er -Jahren errichtete 4e Gymnasium. Der nach Plänen des vor Ort ansässigen Architekten Paul de Ruiter in kantigen Formen und mit farbiger Fassade realisierte Bau stellt auf wechselweise drei bis fünf Ebenen eine offene Lernlandschaft mit einer Bruttogeschossfläche von rund 8 500 m² für rund 800 Schüler bereit. Der inhaltliche Schwerpunkt der Schule liegt im Bereich Kunst; neben dem herkömmlichen Fächerkanon stehen deshalb je nach Wunsch auch Film, Theater und Malerei auf dem Stundenplan.

Charakteristische Fassade

Ein prägendes Detail des Entwurfs sind die bis zu 4 x 2 m großen, in Rot, Gold oder Orange gestalteten vertikalen Elemente aus wechselweise opakem oder halbtransparentem emailliertem Glas, die die Fassade oberhalb eines großzügig verglasten Eingangsbereiches untergliedern (Dreifach-Isolierverglasung Colorsafe von Scheuten Glas).

„Die einzelnen Elemente sind auf einer Seite vollständig mit einem Farblack lackiert und bieten damit eine hohe Beständigkeit gegen extreme Temperaturunterschiede und gegen UV-Licht“ , erklärt Projektarchitekt Noud Paes.

Die in die Fassade eingearbeitete, flexibel programmierbare LED-Beleuchtung ermöglicht gleichzeitig unterschiedliche, auch durch die Schüler entwickelte Lichtsteuerungen (LED-Beleuchtung von InventDesign).

Zusätzliche Dynamik erhält der Neubau durch die Einfassung der unterschiedlich hohen und unterschiedlich breiten Elemente in unterschiedlich große Holzrahmen, die als Sonnenschutz fungieren und in den beiden oberen beiden Ebenen alternativ eine geschlossene, horizontal gegliederte Lamellenfassade aus Aluminium aufnehmen.

„Die innenseitig hinter den Sonnenschutzelementen liegende Hülle des Gebäudes wurde demgegenüber als Ortbetonfassade mit direkt davor montierten, 180 x 140 cm großen schwarzen Aluminiumelementen sowie mit dreifach verglasten Fenstern ausgeführt“ , so Noud Paes.

Die passivhaus-zertifizierte Aufsatzkonstruktion AOC 60 TI stammt von Schüco, ebenso die dreifach verglasten Fenster AWS 75.SI+. Die durch den Fassadenbauer Blitta umgesetzte Lösung ermöglichte einen nahtlosen und weitgehend wärmebrückenfreien Anschluss der aufliegenden Holzrahmen und Glaselemente.

Unter einem Dach

Die auffällige Ästhetik schafft nicht nur einen gelungenen städtebaulichen Akzent am Standort, sie deutet auch die innere Struktur des Neubaus an: Hinter der verglasten Eingangsfront erreichen die Schüler und Lehrer zunächst das gebäudehohe, glasdachüberdeckte Atrium, in dem unter anderem eine Cafeteria, eine Bibliothek und ein kleiner Filmsaal angesiedelt sind. Ein zentrales Element im Raum ist hier die breite, als Treffpunkt und bei Bedarf auch als Tribüne nutzbare Holztreppe, die die oberen Ebenen des Gebäudes erschließt. Im ersten und zweiten Obergeschoss finden sich dort rund um das zentrale Atrium wechselweise offene Erschließungsgalerien, weit zurückspringende Ruhebereiche sowie vielfältig nutzbare, bei Bedarf durch Schiebetüren flexibel erweiterbare und überwiegend mit farbigen Linoleumböden ausgestattete Lehrräume und Ateliers.

Die unkonventionelle Anordnung der verschiedenen Funktionen bietet nicht nur die Basis für kreative Unterrichtskonzepte, sie ermöglicht auch überraschend vielfältige Sichtbeziehungen im gesamten Gebäude. Die außenseitig angebrachten Glaslamellen sorgen gleichzeitig für eine angenehm-warme Raumstimmung auf beiden Ebenen.

Komplettiert wird das Raumprogramm des Neubaus durch eine doppelgeschossige Sporthalle und eine direkt angrenzende große Dachterrasse im oberen aluminiumverkleideten Abschnitt des Gebäudes. Die Halle steht nicht nur den Schülern, sondern über einen getrennten Eingang ganz bewusst auch den Sportvereinen des Viertels zur Verfügung, um den Neubau so zu einem wichtigen Treffpunkt für die Bewohner des Quartiers zu machen. Im Tiefgeschoss des Gebäudes haben die Planer außerdem eine große Fahrradgarage integriert.

Null-Energie-Gebäude

Ausgehend von den ehrgeizigen städtebaulichen Vorgaben für das Quartier wurde der Neubau als Null-Energie-Gebäude ausgeführt. „Um dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen, ist das Gebäude zunächst einmal an das energieneutral betriebene Nahwärmenetz des Quartiers angeschlossen“ , erklärt Architekt Paul de Ruiter, der in den Niederlanden zu den wichtigsten Ideengebern im Bereich des energieeffizienten Bauens zählt.

„Um ein angenehmes und konzentrationsförderndes Binnenklima zu schaffen, kommt außerdem Betonkernaktivierung zur Kühlung und Erwärmung zum Einsatz. Zusätzlich optimiert wird die Energiebilanz durch dreifach verglaste Fenster mit einem Uw-Wert von 1,1, durch eine optimierte Luftdichtigkeit der Fassade, durch natürliche Belüftung, durch Tageslichtnutzung sowie durch eine große Photovoltaikanlage mit einer Leistung von 183 KWp auf dem Glasdach des Gebäudes.“

Die PV-Anlage setzt sich zusammen aus 440 Modulen SunForte PM096B00 von Auo Solar mit einer Leistung von jeweils 330Wp (Gesamtleistung: 145,2 kWp), die jährlich etwa 115 600 kWh Strom liefern.

Im Zusammenspiel der unterschiedlichen Maßnahmen ist es den Planern gelungen, dass das Gymnasium nicht mehr Energie verbraucht als es selbst produziert. In einem großen Monitoring mit 14 anderen energiesparenden Schulen, die ebenfalls nach den Vorgaben des landesweiten Programms „Frisse Scholen“ errichtet wurden, landete das Projekt damit auf dem zweiten Platz. Ein schöner Erfolg, der in diesem Fall nicht nur einen energetischen und finanziellen Nutzen, sondern auch einen hohen pädagogischem Wert hat: Denn dass man in der neuen Schule ganz ohne Energieaufwand, nämlich mit „Null-Energie“, lernen kann, hat sich natürlich auch unter den Schülerinnen und Schülern herumgesprochen.

Planung:

Architekten: Paul de Ruiter & Noud Paes, Amsterdam, NL

Projektteam: Richard Buijs, Lionel Nascimento Gomes, Raymond van Sabben, Marieke Sijm, Bobby de Graaf, Laura van de Pol, Willem Jan Landman, Marlous Vriethoff

www.paulderuiter.nl

Statik: Van Rossum, Amsterdam, NL

www.vanrossumbv.nl

Haustechnik: Ingenieursburo Linssen, Amsterdam, NL

https://ibl.nl



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