Neubau Stadtverwaltung Rotterdam

Luftig gestapelt

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Mit seinem Entwurf für das Rotterdamer „Timmerhuis“ hat das Office for Metropolitan Architecture (OMA) um Rem Koolhaas eine markante Zäsur im Zentrum der niederländischen Hafenmetropole geschaffen. Das rund 60 m hoch aufsteigende Geflecht aus containerartig übereinander gestapelten Glaskuben erzeugt eine „urbane Wolke“, die den Stilmix der Stadt konsequent weiterführt.

Robert Uhde

Nach der weitgehenden Zerstörung durch deutsche Luftangriffe im Mai 1940 ist das Zentrum von Rotterdam seit den 1950er-Jahren großflächig nach den Prinzipien der Moderne neu aufgebaut worden. Zu den wenigen Gebäuden, die den Krieg unbeschadet überstanden hatten, zählen das Rathaus, das Postgebäude und die Laurenskerk, die heute als Identität stiftende Bauten „Het Oude Rotterdam“ verkörpern. Ansonsten aber hat das Zentrum der Stadt ein komplett neues Gesicht erhalten.

Direkt angrenzend an das alte Rathaus und die Post wurde jetzt die aus den 1970er -Jahren stammende Erweiterung der 1954 errichteten Stadtverwaltung abgebrochen und durch einen spektakulären Neubau ersetzt. Der kantige Hybrid dockt direkt an die beiden erhalten gebliebenen fünfgeschossigen Zeilen der alten Stadtverwaltung mit ihren aufwändig verzierten Backsteinfassaden an; gemeinsam integrieren beide auf einer Fläche von 50 000 m² flexible Büros für die rund 1 800 Mitarbeiter der Lizenz-, Kultur – und Sportverwaltung, eine luftige Passage mit zwei großen Atrien, das Stadtmuseum, 84 Wohnungen, eine Tiefgarage mit 120 PKW-Stellflächen sowie Ladenflächen.

Zäsur im Stadtbild

Aus dem Wettbewerb zur Planung des Projekts war 2009 das Office for Metropolitan Architecture (OMA) um Rem Koolhaas als Sieger hervorgegangen, das vor Ort unter anderem die viel beachtete Kunsthalle (1992) und das großformatige Hochhausensemble „De Rotterdam“ (2013) realisiert hat. In zahlreichen Publikationen hat sich Koolhaas immer wieder zur Kultur der Verdichtung und zur Widersprüchlichkeit der modernen Großstadt bekannt. Entsprechend dieser Grundhaltung präsentiert sich auch der vom OMA-Partner Reinier de Graaf geplante Neubau der Rotterdamer Stadtverwaltung nicht als Weiterführung oder gar als Rekonstruktion des historischen Zentrums, sondern ganz bewusst als weitere Zäsur: „Das heutige Rotterdam ist ein Konglomerat unterschiedlichster architektonischer Stile: der Nachkriegsmoderne, des Humanismus‘ der 1970er -Jahre, der Postmoderne der 1980er -Jahre, der Hochhäuser der 1990er -Jahre und der heutigen Beliebigkeit“, erklärt Reinier de Graaf. „Statt hier einen weiteren Stil hinzuzufügen, haben wir uns bewusst für eine Hingabe an diese Heterogenität entschieden.“

Modularer Gebäudeaufbau mit Glaskuben

Als Ergebnis der vielschichtigen Überlegungen entstand ein modular aufgebauter Komplex aus unregelmäßig übereinander gestapelten Glaskuben, der an zwei Punkten sukzessive bis zu einer Höhe von 16 Geschossen aufsteigt. Die tatsächliche Dimension des Neubaus ist jedoch nur an wenigen Stellen des Stadtraums erfahrbar, da er in Richtung Süden und Osten durch die beiden erhalten gebliebenen Zeilen der alten Stadtverwaltung eingefasst und den Blicken entzogen wird. Gut zu sehen ist der Neubau entsprechend vor allem von Westen aus. Eingerahmt vom Altbaubestand des Rathauses und der Post lässt er dabei zunächst an eine Wolkenformation, an übereinander gestapelte Hafencontainer oder an eine ätherisch in Nebel gehüllte Gebirgslandschaft denken, die von Hellblau bis Tiefgrau sämtliche Facetten des Rotterdamer Himmels in sich aufnimmt. Eine Besonderheit sind dabei die zahlreichen Rücksprünge, die durch die unregelmäßige „Stapelung“ der jeweils 7 ,20 x 7 ,20 m großen und 3,60 m hohen Kuben entstanden sind und deren Dachflächen den Bewohnern als attraktive, bis zu 45 m² große Außenterrassen zur Verfügung stehen.

Um auf dem innerstädtischen Grundstück eine optimierte Logistik und einen zügigen Baufortschritt zu ermöglichen, wählten die Planer einen modularen Aufbau mit maximaler Standardisierung. Die ungewöhnliche Konstruktion basiert auf einem dreidimensionalen, an zwei Erschließungstürmen aus Stahlbeton aufgehängten, dabei teilweise bis zu 21 m frei auskragenden Stahlskelett aus 7 ,2 m langen Stahlstreben, in das dann die einzelnen Wand- und Deckenelemente als standardisierte Fertigteile eingesetzt werden konnten:

„Die Konstruktion ließ sich nicht nur innerhalb von neun Monaten realisieren, sie bietet auch die spätere Option, den Komplex durch Hinzufügen und Entfernen einzelner Quader flexibel an veränderte Anforderungen anzupassen“ , beschrieben die Architekten die Vorteile des gewählten Aufbaus.

Vorgefertigte Wandelemente aus Glas

Die für die Fassadenfläche von insgesamt 14 000 m² eingesetzten, jeweils 1,80 x 3,60 m, bzw. 3,60 x 3,60 m großen und direkt an der Stahlkonstruktion des Gebäudes verankerten Aluminium-Sandwichpaneele (individuell gefertigt von Scheldebouw) integrieren wechselweise horizontal bzw. vertikal ausgerichtete Glasflächen sowie unterschiedlich große Öffnungselemente im Bereich der Büros bzw. Schiebetüren im Bereich der Wohnungen. Zusätzlich betont wird die bewegte Optik durch einen rhythmischen Wechsel von transparenten und opaken, mit einem Punktmuster als Sicht- und Sonnenschutz bedruckten Glasfeldern. Die gewählte Dreifach-Isolierverglasung ermöglicht gleichzeitig eine optimierte Wärmedämmung.

Eine abweichende Gestaltung zeigt lediglich die als transparenter Glasvorhang gestaltete, insgesamt rund 1 000 m² große Atriumfront in Richtung Westen und Norden. Die stufenartig über ein, zwei oder drei Raster reichende Fassade setzt sich zusammen aus jeweils 3,60 m hohen und 1,20 m breiten, in schlanken Profilen eingefassten Glaselementen, die die darüber aufsteigende Kubusstruktur des Gebäudes fast wie losgelöst vom Entree erscheinen lassen. Die gebogenen Glaselemente sind ebenfalls von Scheldebouw indivdiuell gefertigt. Zusätzlichen Reiz bietet die Verwendung von wellenförmig gebogenem Glas, durch das die Eingangsfront selbst aus der Nähe betrachtet so wirkt, als bestünde sie aus aneinander gereihten Glasröhren.

Lichter Innenraum

Über den Glasvorhang ins Innere des Gebäudes gelangt, betreten die Besucher, Mitarbeiter und Bewohner des Neubaus zunächst eine 12 m hohe, dabei komplett stützenfreie Atriumhalle, die als öffentliche Passage in Ost-West-Richtung fungiert und in der eine große Holztreppe den Empfang der Stadtverwaltung mit ihren öffentlichen und nicht-öffentlichen Bereichen erschließt. Raumprägende Elemente sind die beiden jeweils gebäudehoch aufsteigenden Lichthöfe, die auf den ersten Blick die Rasterkonstruktion des Gebäudes sichtbar werden lassen. Komplettiert wird die Erdgeschossnutzung durch das im südlichen Teil integrierte Museum für Stadtgeschichte sowie durch die im Altbau nach außen gerichteten Laden- und Caféflächen.

Die oberhalb des Erdgeschosses integrierten, mit Glaswänden bzw. Balustraden an die beiden Innenhöfe angrenzenden Büroebenen sind insbesondere durch ihre maximale Flexibilität und das Fehlen fester Arbeitsplätze gekennzeichnet. Neben offenen Großraumbüros integrierten die Planer dazu auch transluzente, in Glas eingefasste Besprechungsräume, die im Zusammenspiel mit dem vorhandenen Bestand an Einzelbüros im unmittelbar angrenzenden Altbauwinkel ein flexibles Raumangebot für unterschiedlichste Anforderungen bieten. Das Wand- und Türsystem aus teilweise gebogenem Glas stammt von Maars Living Walls. Komplettiert wird das Konzept für den Neubau durch die oberhalb der Büros integrierten Wohnebenen. Alles in allem stehen hier 84 individuell geschnittene Wohnungen mit Flächen zwischen 54 und 350 m² zur Auswahl. Die gigantische Aussicht über die Stadt mit ihrer markanten Hochhaussilhouette gibt es dabei inklusive.

Planung:

OMA, Rotterdam; Reinier de Graaf, Rem Koolhaas

Team: Pascual Bernad de Castro, Vilhelm Christensen, Alessandro De Santis, Katrien van Dijk, Jake Sadler Forster, David Gianotten, Andrea Giannotti, Alasdair Graham, Mendel Robbers, Dirk Peters, Tsuyoshi Nakamoto, Timur Shabaev, Yuri Suzuki, Milos Zivkovic

http://oma.eu/

Statik:
Pieters Bouwtechniek, Delft, NL

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