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Farb-Töne in Ton

Dach- und Vormauerziegel
Farb-Töne in Ton

Markus Hoeft

Der etwas zeitgeistige Trend zur Farbe am Bau passt erstaunlich gut zu einem uralten Baustoff der Menschheit: zu gebranntem Ton. Die Farbe muss hier nicht als Beschichtung oder Anstrich aufgebracht, sondern kann aus dem Rohstoff herausgearbeitet werden.
Wer dies im Sinne einer „Ehrlichkeit des Materials“ nutzen möchte, sollte jedoch auch die Grenzen der baustoffeigenen Farbgebung akzeptieren.
Vorgeschichte
Sand, als Hauptbestandteil der meisten Putzmörtel, und Natursteine bilden die stoffliche und damit auch farbliche Grundlage eines Großteils der überlieferten Architektur.
Wollten frühere Baumeister diesen Farbkanon verlassen, aber trotzdem mit baustoffeigenen, also nicht angestrichenen Farben arbeiten, blieb ihnen hauptsächlich die Möglichkeit, auf gebrannten Ton als Baustoff auszuweichen. Vor allem mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert kam es bei Dach- und Vormauerziegeln zur Massenproduktion und zu erschwinglichen Preisen. Das Material und seine Farbe haben sich seitdem auch bei Laien als feste Kombination in das Bewusstsein eingeprägt, so wurden etwa „Klinkerrot“ oder „Ziegelrot“ zu allgemein verständlichen Farbbezeichnungen.
Und das, obwohl schon von Natur aus nicht jeder Ton zu einem roten Scherben brennt. Darüber hinaus sind gezielte Farbveränderungen durch technische Variationen im Produktionsprozess möglich. Zwar berichten die meisten Hersteller, dass Ziegelrot und die ihm verwandten Farben bis heute die Mehrheit beim Umsatz bilden, doch gleichzeitig gibt es eine lange Tradition brauner sowie dunkelgrauer bis schwarzer Dachziegel und gelber sowie ins Schwarz-Violette tendierender Vormauerziegel. In jüngerer Zeit sind außerdem verstärkt Angebote von auffällig-bunten Ziegeln für Dächer und Wände zu beobachten, etwa in Grün oder Blau. Fertigungstechnisch steht heute beim Ton also ein sehr breites Farbspektrum zur Verfügung. Doch handelt es sich dabei immer um „ehrliche“ Farben, die also dem Baustoff von Natur aus innewohnen oder nicht doch eher um künstlicher Farbgebungen? Vor dieser Diskussion sei zunächst ein kurzer Blick auf die Techniken der Farbgebung geworfen.
Farbgebung im Rohstoff
Der Rohstoff Ton ist ein Sedimentgestein, dessen Vorkommen durch das Absetzen kleinster Teilchen in urzeitlichen Gewässern entstanden sind.
Er besteht aus den Resten der mechanischen und chemischen Verwitterung anderer Gesteine, die mit kalkigen, kieseligen und organischen Beimengungen durchsetzt sind.
Das Mengenverhältnis der Inhaltsstoffe ist von Vorkommen zu Vorkommen unterschiedlich und kann selbst innerhalb ein und derselben Grube schwanken. Die Rohstoffzusammensetzung bestimmt auch die Farbe des gebrannten Endprodukts.
Das enthaltene Eisen bewirkt beispielsweise eine kräftig-rote Farbgebung (Eisenoxid). Ein höherer Kalziumgehalt, etwa in Form von Kalkstein, führt bei eisenarmen Tonen zu gelben Farben. Manganhaltige Tone brennen zu braunen oder schwarzbraunen Farbtönen.
Während früher jedes Ziegelwerk ausschließlich mit Rohstoffen aus der eigenen Grube arbeitete und dadurch eine „Hausfarbe“ hatte, lassen sich bei den heutigen Transportmöglichkeiten auch Rohstoffe verschiedener Herkunft mischen, wodurch eine gezielte Farbgebung jenseits der Hausfarbe möglich wird.
Statt verschiedene Tone zu verwenden, kann man dem Basiston auch nur die Stoffe zusetzen, die für die jeweilige Farbgebung verantwortlich sind. Eisen, Kalzium oder Mangan wirken dann wieder wie oben beschrieben, Chromoxid führt den Farbton in Richtung Grün, Kobaltoxid in Richtung Blau oder Graphit in Richtung Grau.
Sowohl mit der Mischung von Tonen als auch mit dem Mineralienzusatz entstehen in jedem Fall voll durchgefärbte und weitgehend homogene Ziegel. Die Struktur ist offenporig und die Oberfläche matt.
Farbgebung durch Auftrag
Bei den Farbstoffen für den Rohton handelt es sich überwiegend um Metallsalze, die relativ teuer sind. Neben den voll durchgefärbten Ziegeln gibt es speziell bei Dachziegeln deshalb die Engoben. Bei diesem Verfahren wird auf den geformten Rohziegel ein farblich aufbereiteter Tonschlamm aufgespritzt, der sich mit dem Basiston im anschließenden Brand innig verbindet. Stofflich besteht das Endprodukt homogen aus Ton. Es ist deshalb auch offenporig und matt; die Farbe befindet sich allerdings nur auf der Oberseite.
Statt eines Tonschlamms kann man auch eine dünne Schicht aus gemahlenen und vorgeschmolzenen Gläsern auftragen, die dann im Brand eine harte glasartige Oberfläche ausbilden – die Glasur eben. Die Oberfläche weist geschlossene Poren und einen mehr oder minder starken Glanz auf. Die Glasur kann klar oder gefärbt sein.
Glasierte Ziegel werden für Dach- und Vormauerziegel eingesetzt. Sie sind weder farblich noch stofflich homogen. Die Glasur und der Ton müssen ein übereinstimmendes Wärmedehnungsverhalten haben, damit zwischen beiden Schichten keine Spannungen entstehen.
Misslingt dies, kann auf der Oberfläche ein Netz feiner Haarrisse entstehen, die zwar nicht die Gebrauchstauglichkeit beeinträchtigen, aber doch einen optischen Mangel darstellen. Das Rissbild wird als Craquelé oder eingedeutscht auch als Krakelee bezeichnet.
Für Dachziegel gibt es außer den Engoben und Glasuren eine Mischform zwischen beidem. Dabei werden farbgebende Tonschlämme und glasbildende Zusätze gemeinsam auf den Rohling gespritzt.
Es entsteht keine durchgängige Glasschicht an der Oberfläche, sie bleibt offenporig und glänzt nur matt. Die Ziegel sind als Glanz-, Edel- oder Sinterengoben auf dem Markt, fachsprachlich heißen sie auch Terra sigilata.
Farbgebung im Brand
Sowohl für Mauer- als auch für Dachziegel werden die Umgebungsverhältnisse im Brennofen für eine gezielte Farbbeeinflussung ausgenutzt. Neben der Brenntemperatur hat vor allem das Angebot an Sauerstoff Auswirkungen auf die Farbe. Im Reduktionsbrand wird mit Sauerstoffmangel gearbeitet. Statt des roten Eisenoxids Fe2O3 entsteht vermehrt FeO, das für schwarze oder doch zumindest dunkle Töne sorgt. In Form des Dämpfens hat der Reduktionsbrand eine lange Tradition, überliefert sind hierfür auch Bezeichnungen wie Blaudämpfen, Blauschmauchen oder Silberdämpfen. Man warf dabei organisches Material in den Brennofen, etwa harziges Holz oder grüne Zweige, aber auch Teer oder Schmieröl.
Die organische Substanz verbrennt im Ofen und entzieht der Umgebung dabei Sauerstoff, was zur schon beschriebenen Dunkelfärbung führt. Asche, die sich in den Poren des Brennguts ablagert, kann den Prozess zusätzlich verstärken.
Reduktionsbrand lässt sich auch durch die Feuerführung im Ofen herbeigeführten.
Früher geschah dies oft ungesteuert, weil einige Stücke näher und andere weiter entfernt von der Feuerstelle und/oder der Belüftung lagen. In den heutigen modernen Tunnelöfen lassen sich die Sauerstoffzufuhr sowie die Brennstoffmenge und damit die Flammintensität sehr genau regeln.
Starke Flammen verbrennen viel Sauerstoff und wirken so reduzierend. Die Produkte dieser Brenntechnik werden deshalb auch geflammte oder Flammziegel genannt.
Bläst man hingegen zusätzlichen Sauerstoff in den Ofen, kommt es zum Oxidationsbrand mit verstärkter Fe2O3-Bildung. Das Brenngut nimmt dann eine intensive rötliche Farbe an.
Gebaute Farbe
Welches Verfahren der Einfärbung auch zum Einsatz kommt, der Ziegel gelangt in jedem Fall mit seinem endgültigen Aussehen in die Außenwand oder auf das Dach. Bisweilen wird deshalb auch von „gebauter Farbe“ gesprochen.
Sieht man von den Glasuren ab, dann werden die Farben aus dem Baustoff und seinen Eigenschaften heraus entwickelt. Das Material zeigt sich „ehrlich“ in seinen eigenen Farben.
Die Begriffe der „gebauten Farbe“ und der Materialehrlichkeit werden meist im Gegensatz zu Anstrichen, Beschichtungen oder Bekleidungen verstanden, bei denen das endgültige Aussehen des Bauteils erst am Bau und mit einem anderen (Beschichtungs-) Material hergestellt wird.
Nun muss man Anstriche, Beschichtungen oder Bekleidungen nicht von vornherein, sozusagen theoretisch-abstrakt, negativ bewerten.
Als Verschleißschicht an Holzfenstern erhöht der Lack etwa deutlich die Standzeit des Fensters. Eine weitere klassische Anwendung sind stählerne Industriehallen, die ohne farbige Beschichtungen an den Wänden doch reichlich öde wirken würden. Es bleibt bei jedem Anstrich und jeder Beschichtung jedoch das Problem, dass zwei verschiedene Materialien einen dauerhaften Verbund eingehen müssen, der an Außenwänden und auf Dächern auch den Umwelteinflüssen standzuhalten hat. Die farbige Beschichtung darf im Laufe der Zeit nicht auswaschen, abblättern oder anderweitig verschleißen.
Die Schicht der Farbpigmente ist zudem oft sehr dünn, so dass schon kleinere mechanische Einwirkungen während der Errichtung oder auch während der Standzeit zu optischen Beeinträchtigungen führen können. Die geringe Dicke eines Anstrichs macht sich außerdem negativ bemerkbar, wenn die Pigmentierung im Laufe der Standzeit verblasst und dadurch das Grundmaterial hervorscheint.
Im ganzen Stück naturfarbene oder mit den oben beschriebenen Brandtechniken bzw. Rohstoffmischungen durchgefärbte Ziegel haben hier eindeutige Vorteile.
Überlieferte Klinkerbauten aus dem 19. Jahrhundert beweisen bis heute, wie dauerhaft die Farbgebung mit gebranntem Ton sein kann. Die Fassaden zeigen zwar Alterungsspuren, aber kaum Farbverschleiß.
Glasuren und Engoben
Etwas differenzierter als voll durchgefärbte Ziegel muss man hinsichtlich der gebauten Farbe wohl die Engoben und Glasuren betrachten. Speziell bei Glasuren handelt es sich relativ eindeutig um eine Beschichtung des Basisbaustoffs mit einem anderen Material.
Durch den Brennprozess gehen beide Schichten eine sehr innige und durchaus auch dauerhafte Verbindung ein. Trotzdem kann man gelegentlich sehr alte glasierte Ziegel finden, die einige blinde Stellen aufweisen.
Sie treten erst nach Jahrzehnten auf und bei den heutigen perfektionierten Produktionsmethoden vielleicht auch gar nicht mehr – was allerdings kaum jemand seriös vorhersagen kann. Abgewitterte Glasuren sind übrigens bei Dachziegeln kein technischer Mangel, sie bleiben auch ohne diese Schicht dicht.
Bedeutender als das Langzeit-Problem einer eventuellen Abwitterung dürfte bei Glasuren aber die Rissbildung sein. Beim Brand können Spannungen in den Verbund zwischen Ton und Glasur eingetragen werden, die gleich oder aber auch später zu dem schon erwähnten Krakelee führen können.
Dachziegel sind hiervon stärker betroffen, weil sie eine deutlich größere und zudem auch unregelmäßigere Oberfläche haben als Mauerziegel. Auch hier gilt wieder, dass die Risse kein technischer, sondern nur ein optischer Mangel sind. Für Engoben lehnen die Dachziegelhersteller den Begriff der Beschichtung in der Regel ab. Tatsächlich handelt es sich hier nicht um die Verbindung zweier unterschiedlicher Materialien, der Scherben ist nach dem Brand vielmehr stofflich homogen.
Mit den Anstrichen hat die Engobe jedoch gemeinsam, dass die farbgebende Schicht außerordentlich dünn und dadurch mechanisch relativ leicht zu beschädigen ist. Bei der Verlegung muss also eine gewisse Sorgfalt walten. Um nun aber keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Engobierung und Glasierung sind bewährte Techniken in der Ziegelbranche. Der überwiegende Teil der so behandelten Ziegel bleibt über viele Jahrzehnte optisch mängelfrei.
Wer jedoch in einem architekturtheoretischen Sinne ein Purist der gebauten Farbe sein möchte, sollte eher auf Ziegel zurückgreifen, die durch die Rohstoffzusammensetzung oder die Brandtechnik als ganzes Stück farblich behandelt wurden.
Ton-eigene Farben
Gebrannter Ton hat ein weites Farbspektrum von Gelb über das klassische Rot bis hin zu braunen, bläulich-violetten und grau-schwarzen Farbtönen. Die Farben sind von Natur aus erdig-gedeckt und lassen sich deshalb fast alle problemlos miteinander an einer Wand oder auf einem Dach kombinieren. Die originalen Tonfarben entsprechen den menschlichen Sehgewohnheiten, es besteht kaum die Gefahr, dass diese Farben als aufdringlich empfunden werden.
Leuchtende oder gar schrille Farben bringt Ton allein nicht hervor (am stärksten strahlt vielleicht das Rot aus dem Oxidationsbrand). Auffällig leuchtende und ungewöhnliche Tönungen werden mit den bereits beschriebenen Metallsalzen hergestellt.
Vollflächige Gestaltungen in Farben wie Hellblau oder Lindgrün sind zwar auf den ersten Blick „Hingucker“, doch besteht die Gefahr, dass die Farben auf Dauer penetrant wirken bzw. dass man sie sich „über“ sieht. Solche nicht dem Ton eigenen Farben sollten eher sparsam eingesetzt werden.
Denn bei allen Vorteilen, die mit gebranntem Ton gebaute Farbe aufweist, hat sie doch auch einen Nachteil: Die Farbgebung ist für Jahrzehnte festgelegt. Wer auf dem Dach einer kurzlebigen Farbmode gefolgt ist, kann später notfalls noch neu eindecken.
Bei Fassaden wird der Bauherr wohl bis zum Ende der Standzeit des Gebäudes mit seiner einmaligen und nun vielleicht als etwas misslungen angesehenen Idee leben müssen.
Farbkonstanz und Patina
Die Farben des gebrannten Tons sind faktisch unverwüstlich und verschleißen auch unter Witterungseinfluss nicht. Trotzdem verändern sie sich im Prozess der Patinabildung. Außerdem sind sie von einem Ziegel zum anderen nie industriell gleichmäßig.
Man muss heute fast schon daran erinnern, dass Ziegel ein ursprünglich handwerklich gefertigtes Naturprodukt sind.
Die eingangs erwähnten Inhomogenitäten des Rohstoffs und die Brennbedingungen in historischen Kohlebrandöfen führten früher regelmäßig zu einer ungleichmäßigen Farbgebung, auch innerhalb einer Charge.
Durch Weiterentwicklung der Aufbereitungs- und Brenntechniken können die Ziegelwerke heute sehr homogene Chargen ausliefern. In qualitativer Hinsicht ist dies ein deutlicher Gewinn, optisch ist es eigentlich eher ein Verlust.
Eine gewisse Ungleichmäßigkeit macht ja gerade den Charme von Ziegelwänden und -dächern aus. Völlig gleichfarbige Flächen können hingegen schnell monoton und bei entsprechender Größe auch erdrückend wirken. Neben den homogenen Ziegeln bieten die Hersteller deshalb heute auch betont ungleich ausfallende Oberflächen an.
Die Farbvarianz von Ziegeln verstärkt sich im eingebauten Zustand durch die Patinabildung. Durch Umwelteinflüsse kommt es dabei zu verschiedenen und im Einzelnen kaum vorhersagbaren Oberflächenveränderungen.
Partielle Aufhellungen mischen sich mit dunklen Verkrustungen, es treten ggf. Fließspuren auf und schließlich siedeln sich verschiedene Organismen auf den Ziegeln an. Pionierpflanzen sind Grünalgen und Flechten, später können auch Moose oder sogar Blütenpflanzen auftreten. Weil die Ziegel schon im fabrikneuen Zustand nicht untereinander identisch sind und weil die Teilflächen verschiedenen mikroklimatischen Bedingungen ausgesetzt sind, verläuft die Patinabildung für jeden Ziegel etwas anders.
Die Patinabildung ist ein natürlicher Prozess, der keinen Mangel oder Schaden des Materials darstellt. Sie tritt bei Dachziegeln deutlich stärker und schneller als bei Mauerziegeln auf, weil an geneigten Flächen das Wasser und andere Ablagerungen besser anhaften als an senkrechten.
Von der Patinabildung geht vielleicht die größte Faszination bei der Farbgebung mit gebranntem Ton aus.
Denn bei voll erhaltener Funktionsfähigkeit kann ein Gebäude sichtbar und in Würde altern, ohne jemals alt im Sinne von schäbig auszusehen.
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