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Ausstellung: Böhm 100 – Der Beton-Dom von Neviges

Zum 100. Geburtstag von Gottfried Böhm
Ausstellung: Böhm 100 – Der Beton-Dom von Neviges

Das Deutsche Architekturmuseum (DAM) feiert den 100. Geburtstag des Architekten Gottfried Böhm mit einer konzentrierten Ausstellung, die einem seiner bekanntesten Bauwerke gewidmet ist – der Wallfahrtskirche in Neviges.

Der Architekt Gottfried Böhm feiert am 23. Januar 2020 seinen 100. Geburtstag. Zu seinen bekanntesten Bauwerken zählt die Wallfahrtskirche „Maria, Königin des Friedens“ in Neviges.

In dem kleinen Ort Neviges, der zwischen Wuppertal und Essen liegt, entstand vor etwa 50 Jahren eine gewaltige Kirche. Mit 800 Sitz- und 2.200 Stehplätzen ist sie der zweitgrößte Sakralbau im Erzbistum Köln, nur noch übertroffen vom Kölner Dom, weswegen sie auch „Marien-Dom“ genannt wird. Das aus Sichtbeton wie ein Gebirge geformte Ensemble zählt zu Böhms „brutalistischer“ Werkphase und wurde zwischen 1963 und 1968 realisiert.

Im Jahr 1986 bekam Gottfried Böhm als erster deutscher Architekt den Pritzker-Preis verliehen, den Nobelpreis der Architektur. Seine Zeichnungen, sowie der Nachlass seines Vaters Dominikus Böhm, befinden sich in der Sammlung des DAM. Nachdem das Museum beiden Böhms bereits 2005 und 2006 umfassende Ausstellungen gewidmet hat, wird nun zum 100. Geburtstag der Rückblick mit einem Ausblick verbunden, denn gegenwärtig erhält die Kirche in Neviges eine neue Dachschicht mithilfe einer innovativen Textilbetontechnologie.

Die Ausstellung

Erstmals in der Geschichte des DAM wird die Stirnwand des Vortragssaals mit raumhohen Fototapeten in eine illusionistische Raumansicht verwandelt. Dort wird eine Collage aus Innenraumfotos des Mariendoms von Neviges zu sehen sein. Mit vielen Fotos aus der Bauzeit der Kirche und zahlreichen expressiven Zeichnungen Gottfried Böhms wird dieses zentrale Werk der Sakralarchitektur des 20. Jahrhunderts so umfangreich wie noch nie präsentiert.

Die Wallfahrt nach Neviges

Seit dem späten 17. Jahrhundert kommen Pilger nach Neviges, um ein kleines Marienbildnis anzubeten, das von dem dort ansässigen Franziskanerorden gehütet wird. Die Region war zu Beginn der Wallfahrt im Jahr 1681 überwiegend evangelisch geprägt. Die Marienverehrung von Neviges ist in der Zeit der Gegenreformation entstanden. Nach dem Ersten Weltkrieg und auch nach 1945 stiegen die Pilgerzahlen stark an, sodass die kleine Klosterkirche nicht mehr ausreichte. Die Franziskaner entwickelten den Plan, eine neue, riesige Wallfahrtskirche mit 8.000 Plätzen zu bauen und führten 1962/1963 einen Architekturwettbewerb mit 15 Teilnehmern durch.

Wettbewerb und Einweihung 1968

Gottfried Böhms Entwurf wurde in der ersten Wettbewerbsrunde wegen seiner expressiven Formensprache noch stark kritisiert. In einer zweiten Phase jedoch setzte er sich durch. Er hatte als Einziger vorgeschlagen, die Kirche als Endpunkt eines ansteigenden Pilgerweges zu inszenieren. Einer Erzählung zufolge soll der fast erblindete Kölner Erzbischof Frings das Modell des Entwurfs mit den Fingern ertastet und danach seine Zustimmung gegeben haben.

Der Spatenstich erfolgte 1966. Zwei Jahre später überragte die monumentale Betonkirche mit ihrem kühn gefalteten Dach die kleinen, mit Schiefer verkleideten Giebelhäuschen von Neviges um ein Vielfaches.

Raumeindruck des Gesamtkunstwerks

Wer diese Kirche betritt, fühlt sich zunächst wie in einer riesigen, dunklen Höhle. Dann treten die selbst an trüben Tagen außergewöhnlich rot leuchtenden Kirchenfenster hervor, die Gottfried Böhm genauso wie die Bestuhlung und alle Details der Innenausstattung selbst entworfen hat. Berühmt sind das Rosenfenster und das Schlangenfenster, die sinnbildlich für die Jungfrau Maria sowie den Sieg über das Böse stehen.

Die Sanierung

Seit Jahrzehnten ist durch Risse im Stahlbetondach immer wieder Wasser in das Innere der Wallfahrtskirche gedrungen. Gegenwärtig wird eine neue, dünne Schicht aus Textilbeton aufgetragen. Dafür werden über einer Grundbeschichtung zwei Lagen Spritzbeton mit integrierten Carbonmatten und eine farblich angepasste Deckschicht aufgebracht, an geometrisch schwierigen Stellen der ca. 2.700 Quadratmeter großen Dachfläche sogar mit der Mauerkelle. Durch das mehrlagige Textilbetonsystem sollen die wasserführenden Risse in ein fein verteiltes, und damit unschädliches Rissbild überführt werden. Das innovative Verfahren wurde am Institut für Bauforschung an der RWTH Aachen entwickelt. Peter Böhm hatte die künstlerische Oberleitung.

Die Architektendynastie der Böhms

Gottfried Böhms Vater, Dominikus Böhm (1880–1955) zählt zu den wichtigsten Architekten des expressionistischen Kirchenbaus. Gottfried Böhm wurde am 23.1.1920 in Offenbach geboren, wo sein Vater an der Werkkunstschule (der heutigen HfG) unterrichtete. Die ersten Bauten nach dem Architekturdiplom in München bearbeiteten Vater und Sohn gemeinsam. 1948 heirateten die Architektin
Elisabeth Haggenmüller und Gottfried Böhm. Sie war bei den meisten Projekten beteiligt, obwohl das Architekturbüro allein seinen Namen trug. Auch drei der vier Söhne sind Architekten: Stephan, Peter und Paul. In dem Film „Die Böhms — Architektur einer Familie“ (2014), der im Rahmen des umfangreichen Begleitprogramms gezeigt wird, treffen zwei Böhm-Generationen zusammen.

Böhm und Frankfurt

In der Ausstellung werden die Verbindungen der Familie Böhm zur Stadt Frankfurt am Main nicht näher behandelt, doch für die Leserinnen und Leser in der Region Südhessen könnte dies als Anknüpfungspunkt für die Berichterstattung interessant sein:
Von Gottfried Böhm stammt die Kirche St. Ignatius im Frankfurter Westend (Gärtnerweg 60). Der Entwurf entstand 1964, also im selben Jahr, als auch die Entscheidung in Neviges fiel.

Nicht nur das gefaltete Betondach kennzeichnet beide Bauten. Böhm hat auch für die Frankfurter Kirche ein Rosenfenster entworfen. Am Rande des Europaviertels steht die Zentrale der Bundesbahn, ein Entwurf von Gottfried Böhms Sohn Stephan Böhm (1991–1993). Das durch seine Betonfertigteilfassade geprägte Gebäude soll demnächst durch einen Neubau der DB am Hauptbahnhof ersetzt werden, seine Zukunft ist unsicher.


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