Das Neue Frankfurt im Bauhausjahr 2019

Drei Sonderausstellungen zum legendären Großstadtprojekt „Neues Frankfurt“

Das "Neue Frankfurt", legendäres Großstadtprojekt der 1920er Jahre, ist Thema von drei Sonderausstellungen im Bauhausjahr 2019. Bild: Ernst-May-Gesellschaft, Inv. 06.06.02
Bruchfeldsiedlung, Donnersberger Straße, 1926/27. Bild: Ernst-May-Gesellschaft, Inv. 06.06.02

Zu Beginn der 1920er Jahre konstituiert sich in Frankfurt am Main ein beispielloses Programm baulicher und kultureller Erneuerung, das unter dem Namen „Neues Frankfurt“ in die Kulturgeschichte eingeht. Die Stadt entwickelt sich in der Weimarer Republik zum Archetyp der modernen Großstadt. Drei Frankfurter Museen – das Museum Angewandte Kunst, das Deutsche Architekturmuseum und das Historische Museum Frankfurt – richten 2019 anlässlich des Bauhausjubiläums Sonderausstellungen zu verschiedenen Aspekten des legendären Großstadtprojekts aus.

Zwar gilt das Bauhaus heute vielen als die Wiege der Moderne. Doch die berühmte Kunstschule war nicht der alleinige Brennpunkt neuartiger Gestaltung in Deutschland und Europa. Zum Ausgang der 1920er Jahre war Frankfurt als ein dem Bauhaus gleichwertiges, weltbekanntes Zentrum der Avantgarde etabliert. Wenn in jenen Jahren des epochalen Wandels das Bauhaus die Akademie der Moderne gewesen ist, dann war das Neue Frankfurt die Baustelle.

Ein Forum für das Neue Frankfurt

Das jüngst gegründete „Forum Neues Frankfurt“ vernetzt die Akteure und bietet 2019 ein Begleitprogramm rund um das Neue Frankfurt an. Vorträge, Aufführungen und ein internationales Symposium sind für das Bauhausjahr in Planung.

„So vielschichtig wie das Neue Frankfurt war, wollen wir auch unser Programm gestalten. Das Neue Frankfurt war viel mehr als nur ein städtebauliches Projekt unter Federführung des damaligen Stadtbaurats Ernst May“, sagt die Frankfurter Kulturdezernentin Dr. Ina Hartwig. „Die Künstlerinnen und Künstler des Neuen Frankfurt leisteten Pionierarbeit auf verschiedensten Gebieten. Ob Produkt- und Grafikdesign, Musik und Darstellende Kunst, Literatur, Radio oder bildende Kunst – diese tiefgreifende Reformbewegung am Ende der Weimarer Republik durchdrang alle Lebensbereiche der damaligen Stadtgesellschaft. An dieses reiche Frankfurter Erbe für die Moderne wollen wir heute anschließen.“

Auch die Übersetzung des Neuen Frankfurt in die Gegenwart haben sich die Verantwortlichen zur Aufgabe gemacht. „Die Fragen des sozialen und preiswerten Bauens, die Ernst May und sein Team Mitte der 1920er Jahre beschäftigten und schließlich zum Neuen Frankfurt als einem Siedlungsbauprogramm führten, sind heute in Frankfurt aktueller denn je. Die vielen guten Lösungsbeispiele aus dieser Zeit wollen wir an die heutigen Anforderungen anpassen und weiterentwickeln“, so Mike Josef, Planungsdezernent der Stadt Frankfurt.

Drei Ausstellungen – drei Perspektiven auf das Neue Frankfurt

»Moderne am Main 1919–1933«

Museum Angewandte Kunst | 19. Januar bis 14. April 2019

Im Januar 2019 startet das Museum Angewandte Kunst mit der ersten thematischen Ausstellung und belegt, dass das Neue Frankfurt sich nicht im bekannten, von Ludwig Landmann initiierten und von Ernst May durchgeführten Wohnungsbauprogramm erschöpft. Die Großstadtutopie umfasst ab der zweiten Hälfte der 1920er Jahre einen universalen Anspruch im Mode-, Interieur-, Industrie-, Produkt- und Kommunikationsdesign. Die angewandten und freien Künste durchdringen mit neuen Formen alle Bereiche des menschlichen Lebens. Im Verbund mit einer forcierten Industrialisierung und dem Ausbau kommunaler Bereiche soll das Neue Frankfurt eine moderne urbane Gesellschaft formen.

Entscheidende Protagonisten sind die wiedererstandene Messe, das städtische Hochbauamt sowie die Kunstschule Frankfurt, die unter Fritz Wichert eine bedeutende Neuausrichtung erfährt. Aber auch andere der neuen Gestaltung verpflichtete Vereinigungen und Interessengemeinschaften sowie eine ansehnliche Zahl privater Unternehmer – z.B. Bünte & Remmler, die Bauersche Gießerei oder Fuld und Co. – tragen die Moderne am Main. Sie alle sind mit ihrer Arbeit im Sinne des Neuen Frankfurt aktiv an einer auch außerhalb der Stadt wahrgenommenen ästhetischen wie gesellschaftlichen Neugestaltung beteiligt.

Die Ausstellung zeichnet ein Bild von Aufbruch, Vorbildfunktion und Auseinandersetzung mit der Frage, ob und in welcher Weise grundlegende gesellschaftliche Veränderungen auch einen ästhetischen Wandel mit sich bringen sollten und wie das Neue sich seinen Weg bahnt.

»Neuer Mensch, Neue Wohnung. Die Architektur des Neuen Frankfurt 19251933«

Deutsches Architekturmuseum | 23. März bis 18. August 2019

Ab März beleuchtet das Deutsche Architekturmuseum die gemeinsame Vision des Oberbürgermeisters Ludwig Landmann und seines Stadtbaurats Ernst May, die 1925 auf nicht weniger als die Umgestaltung der Stadt zur exemplarischen Metropole der Moderne abzielt, sowohl baulich als auch gesamtkulturell. Die Moderne als Lebensform nimmt in Frankfurt Gestalt an: Theorie wird zur Praxis. Die 300 Quadratmeter umfassende Ausstellung versammelt die Siedlungen und ausgewählte Bauten des Neuen Frankfurt, die den Ruhm der Stadt als Hochburg der Moderne begründeten.

Im Kern des Projekts steht damals ein beispielhaftes Wohnungs- und Städtebauprogramm von internationaler Ausstrahlung. Den entscheidenden Impuls gibt das von Ernst May im Oktober 1925 publizierte Bauprogramm über 10 000 neu zu errichtende Wohneinheiten. Die Architekten des Neuen Frankfurt leisten in der Folge auf zahlreichen Gebieten Pionierarbeit, die international beachtete Vorbilder hervorbringt, wie z. B. die Typisierung familiengerechter Wohnungen, bezahlbare Wohnungsgrundrisse für das Existenzminimum, die erste Standardküche, industrielle Vorfertigung des Rohbaus, funktionales Mobiliar, kindgerechter Schulbau oder integrierte Stadt- und Grünplanung.

Im Hochbauamt der Stadt arbeitet und experimentiert zu dieser Zeit ein international zusammengesetztes Team, so zu finden nur in Frankfurt und am Dessauer Bauhaus. Die Stadt besitzt unter Fachleuten bald ein solches Renommee, dass 1929 der 2.Internationale Kongress für moderne Architektur (CIAM) nicht in Berlin oder in Dessau, sondern in Frankfurt abgehalten wird.

»Wie wohnen die Leute? Mit dem Stadtlabor unterwegs in den Ernst-May-Siedlungen«

Historisches Museum Frankfurt | 16. Mai bis 15. September 2019

Das Neue Frankfurt brachte der Stadt in den 1920er Jahren weltweite Aufmerksamkeit und rund 15 000 Wohneinheiten in nur zehn Jahren. Das Historische Museum Frankfurt nähert sich dem Neuen Frankfurt mit einer Ausstellung, die einer einfachen aber entscheidenden Frage aus gegenwärtiger Perspektive nachgeht: „Wie wohnen die Leute?“ „Wie wohnen wir gesund und wirtschaftlich?“ – lautete der Titel einer Filmreihe, die von 1926 an in Frankfurt entstand und bei der Ernst May beratend mitwirkte.

In Anlehnung an diese für das „Neue Bauen“ grundlegende Frage, begibt sich das Museum mit seinem Stadtlabor in die Siedlungen des Neuen Frankfurt, die unter Ernst May und seinen Mitstreitern in den 1920er Jahren entstanden sind. Das Team vom Stadtlabor fragt nach dem Nutzen der damaligen Vorstellungen für die heutige Zeit. Was ist von der damaligen Reformbewegung geblieben? Wie sieht das tägliche Leben heute dort aus?

Die Beiträge für die Ausstellung entstehen in enger Zusammenarbeit zwischen dem Museum und den Stadtlaboranten – es sind Bewohner als Alltagsexperten ebenso wie Wissenschaftler, Planer und Künstler. Grundlage der partizipativen Museumsarbeit ist die geteilte Expertise. Nur gemeinsam mit den Frankfurtern kann die Stadt der Gegenwart erfasst und beschrieben werden.

Dafür wird es neben Workshops am Museum Aktionen vor Ort in den Siedlungen geben, um die Nachbarschaften miteinzubeziehen.


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