Plädierten gemeinsam für mehr Architekten-Wettbewerbe in Vorarlberg (von links): Verena Konrad, Josef Fink, Bernhard Marte und Hermann Kaufmann bei der Pressekonferenz am 7.5.2018 im vai Vorarlberger Architektur Institut in Dornbirn.
Plädierten gemeinsam für mehr Architekten-Wettbewerbe in Vorarlberg (von links): Verena Konrad, Josef Fink, Bernhard Marte und Hermann Kaufmann bei der Pressekonferenz am 7.5.2018 im vai Vorarlberger Architektur Institut in Dornbirn.
Bild: Darko Todorovic
Selbstverpflichtung und Appell an Auftraggeber

Architekten aus Vorarlberg fordern mehr Wettbewerbe für die Baukultur

Architektinnen und Architekten aus Vorarlberg sorgen sich um den guten Ruf ihrer heimischen Architektur. 120 der 150 Vorarlberger Architekturbüros unterzeichneten in den vergangenen Wochen einen Appell für mehr Wettbewerbe und eine faire Partnerschaft zwischen Auftraggebern und Architekten. Er enthält auch eine Selbstverpflichtung, nur mehr an Wettbewerben teilzunehmen, die den Standards der Kammer der Ziviltechniker entsprechen.

„Baukultur ist ein gesellschaftliches Anliegen“, sagt der Vorarlberger Architekt Josef Fink, Vorsitzender des Wettbewerbsausschusses in der Kammer der Ziviltechniker für Tirol und Vorarlberg. „Architektinnen und Architekten sind nicht nur dem Auftraggeber, sondern auch der Öffentlichkeit verpflichtet.“

Tatsächlich sieht Fink den international guten Ruf der Vorarlberger Architektur in Gefahr: „Die Strahlkraft der Vorarlberger Architektur ist nach wie vor hoch. Doch viele Bauten, die in den vergangenen Jahren neu entstanden sind, genügen diesem Qualitätsanspruch nicht.“ Das werde auch in Gesprächen mit Außenstehenden deutlich, die intuitiv die „Schuhschachtel-Architektur“ kritisieren, die „immer gleich ausschaut“.

„Vor allem öffentliche Bauten und private Einfamilienhäuser ziehen nach wie vor architekturaffine Besucher an“, schildert Fink. Basis für diese herausragenden architektonischen Leistungen sind eine faire Partnerschaft zwischen Auftraggebern und Planern. Bei öffentlichen Bauten werden fast immer Architektur-Wettbewerbe ausgeschrieben. Private Auftraggeber führen meist Gespräche mit mehreren Büros und suchen auf diese Weise nach der für sie besten Lösung.

Faire Wettbewerbe gefordert
„Wettbewerbe führen zu mehr Innovation und Qualität, wenn sie fair abgewickelt werden“, ist Josef Fink überzeugt. Das war nach Ansicht vieler Architekten in den vergangenen Jahren oft nicht der Fall. Besonders im Wohnbau und in Industrie, Gewerbe und Handel würden strikte Vorgaben bei der Ausschreibung und der Versuch der Kostenminimierung in der Umsetzung Innovation behindern.

Die häufig genannten Argumente gegen Wettbewerbe – Kosten, Zeit und der Verlust der Entscheidungskompetenz – lässt Fink nicht gelten. Der Mehrwert eines Wettbewerbs sei fast immer höher als die ohnehin geringen Kosten. Der Zeitaufwand von durchschnittlich zwei Monaten werde in der Umsetzungsphase ausgeglichen, weil ein Wettbewerb den Auftraggeber dazu zwinge, die Anforderungen klar zu definieren.

Und die Entscheidung über das Siegerprojekt treffe eine gute Jury nie gegen den Auftraggeber: „Wer einmal in einer Wettbewerbsjury war, der weiß, dass das eine hilfreiche Beratung ist, die die Anliegen des Auftraggebers respektiert.“

Dialog mit den Auftraggebern
Auf Initiative namhafter Vorarlberger Architekturbüros führte die Kammer der Ziviltechniker für Tirol und Vorarlberg in den vergangenen Monaten Gespräche mit öffentlichen, gemeinnützigen und privaten Auftraggebern. „Wir suchen ganz bewusst den Dialog mit unseren Kundinnen und Kunden. Es geht um ein Miteinander für mehr Qualität und nicht um ein Gegeneinander“, betont Architekt Bernhard Marte, Vorstandsmitglied der Kammer.

Parallel erarbeitete die Architektenkammer zusammen mit vielen Vorarlberger Büros eine Selbstverpflichtung, die inzwischen von 120 der 150 selbstständigen Architektinnen und Architekten unterzeichnet wurde.

Optimale Lösungen finden
Unter dem Titel „Unterstützungserklärung zur Wettbewerbskultur“ fordert das Papier „fair ausgelobte, lautere und professionell durchgeführte Wettbewerbsverfahren“. Wettbewerbe seien „das am besten geeignete Instrument zur Ermittlung optimaler Lösungen für gestellte Entwurfsaufgaben“, heißt es darin. „Neben dem primären Ziel der Qualitätssteigerung schafft der Wettbewerb fundierte Grundlagen für eine wirtschaftliche, effiziente und erfolgreiche Projektabwicklung … Architekturwettbewerbe leisten einen unverzichtbaren Beitrag zur Baukultur unseres Landes.“

Sämtliche Unterzeichner verpflichten sich, nur mehr an Wettbewerben teilzunehmen, die den Standards der Kammer entsprechen. Sie sehen vor:

  • Gleichbehandlung und Anonymität der teilnehmenden Büros und Transparenz in der Durchführung
  • Absichtserklärung zur Beauftragung des siegreichen Büros
  • fachkompetente und unabhängige Beurteilung
  • angemessene Preise und Entschädigungen
  • klare Regelung der Werknutzungsrechte

Mehrwert für den Auftraggeber
Dass Wettbewerbe für die Auftraggeber mit Kosten verbunden sind, ist den Architekten bewusst: „Die Auslobung erhöht die Kosten in der Projektierungsphase. Gleichzeitig eröffnet ein Wettbewerb die Chance auf ein hervorragendes Kosten-Nutzen-Verhältnis.“

Ein häufiger Diskussionspunkt zwischen Auftraggebern und Architektenkammer sind die Honorare, die bei einem Wettbewerb gezahlt werden. Für eine hohe Qualität fordern die Architekten auch hier eine angemessene Regelung: „Ein fair honorierter Wettbewerb für eine Wohnanlage mit 100 Wohnungen kostet so viel wie ein einziges Schlafzimmer“, vergleicht Marte. „Bisher bekommen wir Architekten oft nur den Gegenwert eines Abstellraumes.“ Für die Gestaltung der Abschlagshonorare stellt die Kammer einen Preisgeldrechner zur Verfügung.

Qualität im öffentlichen Raum
Auch Verena Konrad, Direktorin des vai Vorarlberger Architektur Instituts, unterstützt die Forderung der Architekten nach mehr Wettbewerben: „Eine unabhängige Jury legt das Augenmerk nicht nur auf maximalen Nutzen beim Verkauf der Wohnungen, sondern sucht auch städtebaulich optimale Lösungen.“ Es sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe guter Architektur, nicht nur qualitätvolle Gebäude zu schaffen, sondern auch öffentliche und halböffentliche Räume zu gestalten.

Konrad erhofft sich aus mehr und anders gestalteten Wettbewerben „einen Innovationsschub für die Vorarlberger Architektur“. Innovationen seien insbesondere im Wohnbau in Vorarlberg in den vergangenen Jahren nur in kleinen Schritten erfolgt.

Das Vorarlberger Architektur Institut plant begleitend zum Vorstoß der Architekten eine Veranstaltungsreihe zum „Wert geistigen Eigentums“: „Wir möchten damit die geistige Leistung von Architektinnen und Architekten bewusst machen und Achtung und Wertschätzung für ihre Arbeit fördern“, so Konrad.

Positive Erfahrungen
Univ.-Prof. Hermann Kaufmann war sowohl vielfacher Teilnehmer an Wettbewerben als auch Mitglied in Jurys. Er ist überzeugt: „Wettbewerbe lösen nicht alle Probleme, aber sie sind ein gutes Instrument, um eine hohe Qualität in der Architektur sicherzustellen. Um wenig Geld bekommen die Auftraggeber eine unwahrscheinliche Lösungsvielfalt mit einer hohen Garantie, die beste Lösung zu kriegen.“

Als Beleg führt er die Gemeinden an, die Wettbewerbe früher nur durchgeführt hätten, weil sie gesetzlich vorgeschrieben waren. Heute haben fast alle Gemeinden erkannt, welche Chancen ein Wettbewerb biete, sagt Kaufmann: „Baukultur hat heute einen hohen Stellenwert. Dazu haben viele erfolgreiche Wettbewerbe beigetragen.“

Es sei wahrscheinlich überraschend, dass Architekten mehr Wettbewerbe einfordern, sich also mehr Konkurrenz zwischen den Büros wünschen. Doch das Bewusstsein sei da, dass die hohe Qualität nur im Wettbewerb der Ideen möglich sei.

Chance für junge Büros
Für Kaufmann bieten faire Architekturwettbewerbe, bei denen die Jury die Projekte anonym beurteilt, eine Chance vor allem für junge Büros. „Sie haben dort die Möglichkeit, sich mit frischen Ideen einen Namen zu machen. Das hält auch die etablierten Büros in Schwung.“

Genau so hätten sich die Vorarlberger Büros auch international einen Namen gemacht: Obwohl im internationalen Maßstab klein, konnten sie mit herausragenden Projektideen immer wieder renommierte Ausschreibungen gewinnen. Vorarlberg sieht Kaufmann dabei als „Architektur-Labor“: „Ohne die scharfe Konkurrenz im Land hätten wir nicht diese hohe Qualität.“ Das ist auch die Basis für den Exporterfolg einiger international tätigen Vorarlberger Architekturbüros, vom dem zahlreiche heimische Betriebe des Bauwesens profitieren.