Akustische Qualitäten städtischer Innenhöfe

Studie: Leise ist nicht immer besser

Für die Lebensqualität einer Wohnung sind die Geräusche in der Umgebung genauso wichtig wie die optische Gestaltung der Gebäude. Experten der Hochschule Luzern haben deshalb die Klangqualitäten städtischer Innenhöfe in unterschiedlichen Überbauungen untersucht. Ziel war es herauszufinden, wie die Qualität des Stadtklangs effizient verbessert werden kann.

Wie wohl sich Menschen an ihrem Wohnort fühlen, hat nicht nur mit Design und Spielplätzen zu tun, sondern auch mit der Klangqualität des Umfelds. Ist es im Hof oder in benachbarten Wohnungen zu laut oder stören Gespräche und Geräusche, mindert das die Zufriedenheit der Bewohner.

Für Architekten ist die Auseinandersetzung mit dem Klang einer Überbauung jedoch ungewohnt. „Das Wissen, wie man den Außenraum eines Gebäudes akustisch gestaltet, ist fast verloren gegangen“, sagt Ulrike Sturm, Leiterin des Projekts „Stadtklang – Aktivierung von Klangraumqualitäten urbaner Außenräume“. „Vielleicht auch, weil es ein komplexes Thema ist; die vielen Elemente, die da hineinspielen, sind schwierig zu erfassen.“ Es brauche deshalb planerische und gestalterische Überlegungen, um – über den Lärmschutz hinaus – die Klangqualität urbaner Gebiete zu verbessern. Das Projekt fragt deshalb auch danach, wie die Thematik bereits in die Planung integriert werden kann.

Das Problem wird zunehmen: Wenn verdichtet gebaut wird, verstärken sich auch die Geräusche in Außenräumen. Deshalb unterstützte Innosuisse das Projekt „Stadtklang“. Expertinnen und Experten aus Architektur, Städtebau, Stadt- und Landschaftsplanung, Baustoffkunde, Akustik und Sozialwissenschaften untersuchten darin gemeinsam die akustischen Qualitäten städtischer Innenhöfe.

Wie beschreibt man Klang?

Um den „Stadtklang“ einer Überbauung zu erforschen, müssen zwei Fragen geklärt werden: Was hört man, wenn man sich im Hof aufhält? Und welche Wirkung haben die Gebäude darauf? Dabei beeinflussen drei „Raumschalen“ das, was eine Person hört:

  • Erstens die Umgebung außerhalb der Überbauung – die umgebenden Straßen und deren (Verkehrs-)Lärm.
  • Zweitens der Raum zwischen den Häusern mit den Aktivitäten im Innenhof.
  • Und drittens der Nahraum im Umkreis von fünf Metern rund um eine Person oder Gruppe und deren Gespräche.

Um das Zusammenspiel dieser drei Raumschalen zu untersuchen, führte das Projektteam, darunter Klangforscher und Klangkünstler Andres Bosshard, in verschiedenen Innenhöfen Expertenbegehungen mit Tonaufnahmen durch und wertete diese systematisch aus. Dabei ging es unter anderem darum, die Geräusche genau zu erfassen: Um was für Geräusche handelt es sich? Wie laut sind sie, wie oft und wann treten sie auf? Welche Tonfrequenz oder welchen Rhythmus haben sie? Welcher Klang entsteht? Durch die Variation von Bauteilen konnten deren Auswirkungen auf die Akustik des Hofs untersucht werden.

Ruhe und Diskretion – ein Widerspruch?

Eine wichtige Erkenntnis daraus ist: Leiser ist nicht immer besser, denn neben Ruhe ist auch Diskretion ein Anspruch, den Bewohnerinnen und Bewohner an einen Innenhof stellen. „Man möchte in einem Gespräch sein Gegenüber gut verstehen“, sagt Ulrike Sturm, „aber nicht, dass andere das Gespräch mithören können.“

Das Ziel der akustischen Hofgestaltung ist eine ausgewogene Klangkombination aus allen drei Raumschalen: Fehlen zum Beispiel die tiefen und mittleren Frequenzen aus dem umgebenden Raum, werden etwa einzelne Stimmen aus dem Raum zwischen den Baukörpern klarer, mitunter auch zu klar vernehmbar.

Simulationen unterstützen die Planung

Je früher in der Planung der Klangraum berücksichtigt wird, desto größer die Gestaltungsspielräume für eine angenehme und abwechslungsreiche Akustik im Außenraum. In Simulationsprogrammen kann mit der Stellung der Gebäude oder verschiedenen Materialien experimentiert werden: Je härter und glatter eine Oberfläche ist, umso mehr reflektiert sie den Schall. Parallele Wände verstärken diese Wirkung noch. Strukturierte Wände mit Mikroporen oder Reliefs sind für die Akustik in einem Innenhof besser als glatte Oberflächen, weil sie eintreffenden Klang streuen. Poröse Materialien wie Schaumstoffe, Mineralfasermatten oder dicke Textilien „schlucken“ Schall im Frequenzbereich der Stimme, harte und schwere Materialien wie Glas, Beton oder Holz hingegen absorbieren Schall praktisch nicht.

Um der Komplexität des Themas gerecht werden, brauchte es Experten aus verschiedensten Fachgebieten und Institutionen. So arbeitete ein Team der Hochschule Luzern zusammen mit Experten des Bundesamtes für Umwelt (BAFU), der Empa, kantonalen und städtischen Behörden sowie Wirtschaftspartnern.

Vorgehen und Ergebnisse sind in zwei Publikationen des vdf-Verlags Zürich erschienen: Hochschule Luzern (Hrsg.): Stadtklang – Wege zu einer hörenswerten Stadt. Bd. 1 Perspektiven, 2016, Bd. 2 Klangraumgestaltung von Aussenräumen, 2019 .

Zweibändige Publikation

Die zweibändige Publikation „Stadtklang – Wege zu einer hörenswerten Stadt“ leistet einen Beitrag dazu, Klang als gestaltbare qualitative Dimension von Schall zu begreifen. Band 1 mit dem Titel „Perspektiven“ erschien bereits 2016.

Der neu erschienene Band 2 mit dem Titel „Klangraumgestaltung von Außenräumen“ vereint die Erkenntnisse aus dem Forschungsprojekt in einem interdisziplinären Instrumentarium für die planerische und bauliche Praxis und beleuchtet akustische Wirkungen des Gebauten. Es beschreibt, wie Klangräume erfasst werden können, gibt Hinweise, wann im Verlauf des Planungsprozesses welche Mittel zur Verbesserung des Klangs zur Verfügung stehen, nennt Vor- und Nachteile dieser Mittel, gibt Empfehlungen zur Klangraumgestaltung und beschreibt Beispiele für die akustische Wirkung des Gebauten. Ergänzt wird der Band von einem Glossar und einer Checkliste für die Planung.

Sturm, Ulrike, Bürgin, Matthias und Schubert, Axel (Hrsg.): Stadtklang. Wege zu einer hörenswerten Stadt, Band 2: Klangraumgestaltung von Aussenräumen, vdf Hochschulverlag AG an der ETH Zu¨rich, www.vdf.ethz.ch, 112 Seiten, ISBN 978-3-7281-3939-9

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