Umnutzung eines Getreidesiloturms zum Wohnhaus in Neuss

Wohnen im Adlerhorst

In Rosellen bei Neuss wurde ein 20 m hoher ehemaliger Getreidesiloturm zum individuellen Wohnhaus mit Aussichtsplattform umgenutzt. Der vom Bauherrn eigenständig umgesetzte Entwurf des Kölner Büros van den Valentyn Architektur lässt dem Gebäude seine eigentümliche Kraft und überrascht durch helle und großzügige Innenräume.

Robert Uhde

Wenn Menschen davon erzählen, wie sie sich ihre Traumwohnung vorstellen, dann fallen die Beschreibungen ganz unterschiedlich aus: Mancher wünscht sich das Meer direkt vorm Haus, der nächste bevorzugt den Blick auf die Berge, wieder andere schwärmen vom Swimming-Pool im Garten oder einfach nur von viel Platz. Für ein Bauherrenpaar aus Köln war es dagegen ein Adlerhorst, der ihrem Traum vom Wohnen am nächsten kam. Seit mittlerweile zwei Jahren wohnen die beiden in einem umgenutzten ehemaligen Getreidesilo, das ihnen als Festung und privater Rückzugsort dient.
Bereits 1999 hatten der Besitzer einer Autowerkstatt und die Geschäftsführerin einer Marketing-Agentur in Köln eine ungenutzte Betriebsfläche der Raiffeisen-Warenzentrale RWZ im Dorf Rosellen in der Nähe von Neuss aufgekauft, um die auf dem Grundstück gelegenen Lagerhallen zur eigenen Werkstatt auszubauen. Das nebenan aufragende, 1963 errichtete und seit 1993 leer stehende Getreidesilo sollte dabei ursprünglich abgerissen werden, um zusätzliche Fläche auf dem Grundstück zu schaffen und um die weiß verputzten alten Feldbrandsteine zum Verblenden der angrenzenden Werkstatthalle nutzen zu können.
Doch dann kam alles ganz anders als zunächst geplant. Kurz bevor der 20 m hohe Siloturm abgebrochen werden sollte, hatten die Bauherren schließlich die Idee, das Bauwerk zu einem individuellen Wohnhaus mit Dachterrasse umzunutzen. Ziemlich schnell war den beiden jedoch klar, welche gewaltigen Anstrengungen ein solcher Umbau erfordern würde. Denn um Kosten zu sparen, hatten sich die Bauherren gegen alle Bedenken schon frühzeitig dazu entschieden, die gesamten Baumaßnahmen in Eigenregie zu übernehmen und lediglich die architektonische Planung nach außen zu vergeben. Dabei hat das Getreidesilo eine Grundfläche von beinahe 9 x 12 m und es mussten eine vertikale Erschließung sowie sämtliche Elektro-, Heiz- und Sanitärleitungen komplett neu integriert werden. Gleichzeitig war eine statische und dämmtechnische Lösung für die 36,5 cm starke, durch vier Stahlbetonringbalken gestützte Mauerwerksfassade nötig. Aufgrund der schwierigen Ausgangsbedingungen erstreckten sich Planung und Umbau daher alles in allem über einen Zeitraum von rund sieben Jahren.
Minimalistisches Konzept
Mit der architektonischen Planung des Projekts wurde das Kölner Büro van den Valentyn Architektur beauftragt. Aufbauend auf den Vorstellungen der Bauherren entwickelte das Team um Thomas van den Valentyn und Johannes van Linn einen minimalistischen Entwurf, der die eigentümliche Kraft des Bauwerks betont und durch wenige gezielte Eingriffe steigert. Die innen vorhandene Holzkonstruktion sowie das alte Dach mussten dabei vollständig entfernt werden. Stattdessen sah der Entwurf der Architekten die Integration eines frei gestellten Sichtbetonkerns mit Aufzug und Spindeltreppe zur Erschließung zweier Ebenen sowie einer Dachterrasse vor. Oberhalb der Dachebene setzt sich der Erschließungskern als weithin sichtbarer, ellipsenförmiger Aufbau fort.
Als weitere Umbaumaßnahme wurde die aus Feldbrandsteinen errichtete Außenfassade des Siloturms durch eine Kernisolierung mit einer Vorsatzschale aus hochwertigen schwarzen Keramik-Klinkern von der ABC-Klinkergruppe ergänzt, um so den fast schon abstrakten Charakter des Gebäudes zu betonen und eine optimierte Wärmedämmung der Innenräume zu erhalten. Die bestehende Fassadengliederung des Turms mit den kleinen Fenstern ließen die Architekten dabei weitgehend unangetastet, um so den ursprünglichen geschlossenen Charakter des Bauwerks zu erhalten.
Umbau
Um die Planungen der Architekten in die Realität umsetzen zu können, musste das Bauwerk zunächst vollständig entkernt und dabei auch die noch vorhandenen rund 800 t Getreide entsorgt werden. Statt der alten Siloschächte aus Holz mit einem Durchmesser von jeweils 2 m wurden dabei drei neue Stahlbetondecken als neue Wohnebenen im oberen Drittel des Turms eingezogen. Um diese Maßnahmen überhaupt in Eigenregie durchführen zu können, hatte sich der Bauherr vorab kurzerhand für 70 000 Euro einen alten Autokran im Internet ersteigert und einen Kranführerschein gemacht. Schritt für Schritt konnte er so anschließend im Kern des Bauwerks einen ellipsenförmigen Schacht aus Sichtbeton langsam von unten in Schichten aufbauen. Allein diese Maßnahme nahm rund ein Jahr Bauzeit in Anspruch.
Um die Betonfläche anschließend als Speicherfläche zur Beheizung des Gebäudes nutzen zu können, wurden über die gesamte Fläche Rohre mit einem Durchmesser von 15 cm in den Beton integriert. In der nächsten Bauphase wurden dann ein Aufzug und vor allem die zwischen vier und fünfeinhalb Tonnen schweren Treppenelemente zur vertikalen Erschließung von oben herab eingesenkt. Beim Aufzug handelt es sich um eine Sonderanfertigung; der angepasste 450 kg-Seilaufzug von Windscheid + Wendel hat sechs Haltestellen.
Offene Wohnebenen
Sämtliche vorhandenen Fensterflächen wurden im Zuge der Umbaumaßnahmen zugemauert und durch neue Öffnungen ersetzt. Zum Einsatz kamen Holz-Alu-Fenster von Janssen. Trotz der begrenzten Fläche sind auf diese Weise in sämtlichen Geschossen offene und überraschend helle Innenräume entstanden. Das untere der neu entstandenen Geschosse nimmt das Wohnzimmer und eine offene Küche auf, im darüber liegenden Geschoss stehen den Bewohnern ein geräumiges Schlafzimmer sowie ein großes, modern ausgestattetes Badezimmer zur Verfügung. Über der Dachebene integrierten die Planer eine Dachterrasse mit weiter Panorama-Aussicht über die flache Niederrhein-Ebene mit dem rund fünf Kilometer nördlich gelegenen Stadtzentrum von Neuss und bis nach Düsseldorf. Zur Verschattung und als Schutz gegen leichten Regen wurde eine elektrisch ausfahrbare Jalousie integriert.
Der eingestellte Erschließungskern teilt den Grundriss in zwei unterschiedliche Räume auf und schafft auf diese Weise eine intelligente Zonierung des Raumes, ohne dabei mit irgendwelchen Wänden an die vorhandenen Mauern anschließen zu müssen. So können sich die Bewohner auf sämtlichen Ebenen frei von einem zum anderen Raum bewegen, ohne dass dabei Türen den Weg versperren. Gleichzeitig erhält der Innenraum so den ganzen Tag über Licht aus allen Himmelsrichtungen, so dass es zu jeder Tageszeit ausreichend hell ist. Um den hellen Eindruck der Innenräume zu betonen, wurde das Mauerwerk der Außenwände innenseitig mit einem weißen Lehmputz verputzt. Für die Böden wurden auf sämtlichen Ebenen Dielen aus hellem Kiefernholz (Pitch Pine) gewählt, das hervorragende mit den modernen Möbeln harmoniert. Zusätzlichen Reiz erhalten die Innenräume durch den schon außen sichtbaren Kontrast zwischen den rechtwinkligen Außenmauern und den geschwungenen Linien des ellipsenförmigen Erschließungskerns.
Deutlich rustikaler als die übrigen Wohnräume präsentiert sich das Erdgeschoss des ehemaligen Getreidesilos. Unterhalb der neu eingefügten Ebenen steht den Bewohnern hier ein rund 12 m hoher Raum mit einer kleinen Bar zum Empfang von Kunden und einem Hochregallager zur Lagerung von Autoteilen zur Verfügung. Ein markanter Blickfang ist dabei die aus einem alten Stahlträger gestaltete Theke. Der westliche Teil des Erdgeschosses mit dem Eingangsbereich und der Theke liegt ebenerdig, der östliche Teil wurde um rund 1,2 m angehoben, um so das Untergeschoss für Lagerflächen und zur Unterbringung der Heizungsanlage nutzen zu können. Und sollten die Bewohner später einmal mehr Platz benötigen, dann sind Fahrstuhl und Treppenhaus darauf ausgerichtet, dass in den vorhandenen Raum theoretisch noch weitere Stockwerke integriert werden können.
Nutzung von Erdwärme
Die Beheizung des Rosellenturms erfolgt über eine Erdsondenanlage. Zur Installation der Anlage musste zunächst ein 40 m tiefes Loch in die Erde gebohrt und anschließend eine Sonde vertikal in den Boden eingesetzt werden. Durch die Sonde zirkuliert eine Trägerflüssigkeit, die die im Erdreich vorhandene Wärme aufnimmt und an eine hochmoderne Wärmepumpe (Luft-Wasser-Wärmepumpe HWL-A von Hautec) mit einem Wirkungsgrad von rund 90% abgibt. So entsteht ein Kreislauf, bei dem das erwärmte Kesselwasser über Rohre in den massiven Stahlbetonkern im Zentrum des Gebäudes geleitet wird, der als Wandheizung für eine gleichmäßige Beheizung des gesamten Turms zur Verfügung steht. Die Erdwärme steht kostenfrei zur Verfügung, bezahlen müssen die Bewohner lediglich den zum Betreiben der Anlage notwendigen Reststrom. Die Vorlauftemperatur der Anlage beträgt 28 °C, was ausreicht, um sämtliche Räume das ganze Jahr über auf rund 20 °C zu erwärmen. Der Adlerhorst bietet also nicht nur beste Aussichten, auch für ausreichende Temperaturen ist also jederzeit gesorgt.
Planung: van den Valentyn Architektur, Köln; Thomas van den Valentyn mit Johannes van Linn Mitarbeiter: Thomas Wientgen, Lukas Baumewerd