Neubau eines Wohnungsgebäudes in Frankfurt am Main

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Beim Anblick des Aktiv-Stadthauses ist es heute kaum vorstellbar, dass der schmale Grundstücksstreifen mitten in Frankfurt lange Zeit als unbebaubar galt. Mit seinem Entwurf entwickelte das Büro HHS Planer + Architekten einen außergewöhnlichen Wohnbau, der von den extremen Grundstücksabmessungen gestalterisch und funktional sogar profitiert.

Dipl.-Ing. Claudia Närdemann

Das neue Gebäude im Frankfurter Gutleutviertel verbindet individuelle Gestaltung und die behutsame Einbindung in die Strukturen eines alten Innenstadtquartiers mit einem ausgeklügelten Plus-Energie-Konzept. Die Architektur entwickelte sich aus den besonderen Gegebenheiten des Ortes heraus. Das 160 m lange und nur 9 m breite Grundstück entlang der Speicherstraße lag viele Jahre brach. Dabei war es aufgrund der exklusiven Lage, nahe des Hauptbahnhofs und nur zwei Häuserblocks vom Mainufer entfernt, für eine Wohnnutzung geradezu prädestiniert.
Den Kasseler HHS Planer + Architekten gelang es mit ihrem Entwurf, einen neuen markanten Stadtbaustein zu schaffen, der mittlerweile das Innenstadtviertel entscheidend prägt. Der besondere Grundstückszuschnitt ist Basis für die unverwechselbare Architektur des Wohnbaus, dessen lange schmale Kubatur zum einen Wohnungsgrundrisse auf ganzer Gebäudebreite ermöglicht und zum anderen, aufgrund der großen südlichen Fassadenfläche und der geringen Gebäudetiefe, den Anforderungen an ein Plus-Energie-Haus entspricht. An der Südseite führt die Speicherstraße vorbei, nach Norden hin orientiert sich das Gebäude zu einem hofähnlichen Platz mit Baumbestand.
Leichte Hülle
Die Tragkonstruktion des Aktiv-Stadthauses besteht aus massiven Schotten, die in Stahlbeton und Mauerwerk gefertigt sind, sowie aussteifenden Stahlbetondecken. Nichttragende Außenwände in Holzrahmenbauweise bilden die Gebäudehülle. Die vorgefertigten geschosshohen Außenwand-Elemente sind vor den Stahlbetonschotten angeordnet und horizontal daran angeschlossen. Mit Zellulose gedämmt erreichen sie einen U-Wert von 0,127 W/(m²K). Die natürliche Isocell-Zellulosedämmung ist mit mineralischen Salzen angereichert, die vor Ungezieferbefall und Schimmelpilzen schützen. Außerdem machen sie die Dämmung verrottungssicher und brandbeständig. Mit Einblasmaschinen wurden die Zellulosefasern in die Wände eingebracht. Das Material füllt engste Spalten aus und verfilzt sich in der Konstruktion zu einer fugenlosen Dämm-Matte. Als äußeren Abschluss der Holzwände wählten die Architekten die „DHF Platte“ von Egger, eine diffusionsoffene, feuchtebeständige Holzfaserplatte für deren Herstellung Sägespäne und Hackschnitzel aus der Schnittholzproduktion verwendet werden.
Sonnenseite schlägt Wellen
Der lange, schmale Gebäuderiegel öffnet sich mit großzügig verglaster Fassade nach Süden hin. Zwischen den Fensterelementen sind gebäudeintegrierte Photovoltaikmodule von Solarnova eingesetzt, die für den Wohnbau maßgeschneidert wurden. Insgesamt 348 Glas-PV-Module mit einer Leistung von jeweils 338 Wp sorgen gemeinsam mit der Photovoltaik auf dem Dach dafür, dass der energetische Eigenbedarf der Bewohner gedeckt und sogar ein Energie-Überschuss erzielt wird.
„Mit dem Haus möchten wir Anstöße für ein neues Denken im Wohnungsbau geben und zeigen, wie Architektur einen Beitrag zur Klimawende leisten kann,“ erklärte der mittlerweile verstorbene Architekt Prof. Manfred Hegger von HHS Planer + Architekten AG.
Je nach Blickwinkel spiegeln sich Himmel und Umgebung in den glänzenden, schwarzen Modulen. Kombiniert wurden die Solarzellen mit dem Schüco-Fassadensystem „FW 50+“. Das Pfosten-Riegel-System verfügt über eine schmale Profilansicht von nur 50 mm.
Auf der Südseite werden die Gebäudekanten durch die hell verkleideten Geschossdecken definiert. Zahlreiche Rücksprünge entstehen durch Fenster, Loggien, den im Dachgeschoss durchlaufenden Balkon sowie das eingezogene gläserne Sockelgeschoss. Sie schaffen eine lebendig strukturierte Südansicht. Raffiniertes Detail ist die leichte, durchgehende Faltung der Fassade, die nicht nur gestalterische Vorteile bietet. Neben der optischen Gliederung erweitert sie auch den Wohnraum in Inneren.
Die wellenförmige Südfassade erweckt Assoziationen zum nahe gelegenen Wasser und verleiht dem langen Gebäude eine gewisse Spannung. Gerade an der Straßenseite sollte keine kompakte, massive Kubatur auf dem schmalen Grundstück entstehen. Durch die sensible Gestaltung schufen die Architekten ein Mehrfamilienwohnhaus, das trotz seiner Größe leicht und dynamisch wirkt.
Sowohl architektonisch als auch funktional spielt das Eingangsgeschoss eine besondere Rolle. Nach Süden hin wurde es als gläserner, eingezogener Sockel ausgebildet, wodurch eine öffentliche Nutzung ablesbar und zudem die Leichtigkeit der Fassade betont wird. Die durchgehende Glasfassade besteht aus dem Schüco-Pfosten-Riegel-System „FW 50+ Si“ und der Schüco-Tür „ADS 75 Si“, womit die hohen energetischen, funktionalen und gestalterischen Anforderungen erfüllt werden.
„Offene“ Ecken
Zu den Stirnseiten hin bilden spitz zulaufende Balkone die Gebäudeecken. Die „offenen“ Ecken lockern die Ansichten auf und schaffen eine Verbindung des Wohnbaus mit seiner Umgebung. Im Kontrast zur Südseite steht die Nordseite des Gebäudes, die komplett mit der Eternit-Fassadentafel „Equitone tectiva“ in Weiß verkleidet ist. Durch die feinen Linien der geschliffenen Faserzementoberfläche und die leicht changierenden Farbnuancen verleiht die Tafel der Lochfassade einen lebendigen Ausdruck. Großzügige Balkone mit geschlossenen Brüstungselementen aus Beton gliedern die helle Fassade.
Das leicht nach Süden geneigte Dach ist lückenlos mit einem Solarmodul von Sunpower aus der „E20“- Serie bestückt. Dank der Zellentechnologie „Maxeon“ wird damit ein Wirkungsgrad von bis zu 20,4% erzielt. Das Modul verfügt über einen niedrigen Spannungs-Temperaturkoeffizienten, antireflexbeschichtetes Glas und ein effektives Teillastverhalten bei schwacher Lichteinstrahlung.
Als Dachabdichtung kam „Sarnafil TS 77–18“ von Sika zum Einsatz, eine mehrschichtige Kunststoffbahn mit innenliegender Verstärkung aus Polyestergelege auf der Basis von thermoplastischen Polyolefinen.
Im Inneren verteilen sich auf sieben Obergeschosse insgesamt 74 unterschiedlich große, barrierefreie Wohnungen. Im Erdgeschoss sind zwei Ladenlokale sowie eine öffentliche Car-Sharing-Station für Elektromobile untergebracht, deren Akkus mit den Stromüberschüssen der Photovoltaikanlagen geladen werden. Alle Wohnungen verfügen über einen eigenen attraktiven Außenbereich.
Der Entwurfsprozess des Aktiv-Stadthauses in Frankfurt bedeutete für die Architekten eine ständige Gratwanderung. Architektonische, städtebauliche sowie funktionale Anforderungen mussten mit höchsten energetischen Ansprüchen koordiniert und in Einklang gebracht werden. Entstanden ist ein Geschosswohnungsbau in einem innerstädtischen Viertel, der trotz seiner Größe eine besondere Leichtigkeit ausstrahlt und seine Autarkie selbstbewusst nach außen kommuniziert, ohne dabei die vorhandenen baulichen Strukturen zu dominieren.
Architekten:
HHS Planer + Architekten AG, Kassel
Hersteller
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