Neubau eines Jugend- und Bildungszentrums in Jülich

Lernfach Energieeffizienz

Auf dem Gelände des Hauses Overbach in Jülich wurde das Science College als Jugend- und Bildungsinnovationszentrum fertig gestellt. Der Neubau vom Aachener Architekturbüro Hahn Helten + Assoziierte Neubau integriert neben Wärmedämmung auf Passivhaus-Niveau auch elektrochrome Sonnenschutz- verglasung und Heliostat-Tageslichtlenkung.

Robert Uhde

Das 1918 durch den Orden der „Oblaten des heiligen Franz von Sales e. V.“ gegründete Gymnasium Haus Overbach in Jülich-Barmen gehört zu den bedeutendsten katholischen Bildungseinrichtungen in Nordrhein Westfalen. Die baulichen Ursprünge des großflächigen Komplexes, der außer dem Gymnasium und dem direkt angrenzenden Kloster auch eine Jugendbildungsstätte für Musik integriert, stammen noch aus dem 14. Jahrhundert und wurden später vielfach umgebaut und erweitert. Zuletzt kam das Science College Overbach hinzu. Der Neubau bietet hochmodern ausgestattete Lehrräume für projektorientierte Kurse zu aktuellen Forschungsthemen in den sogenannten MINT-Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik.
Darüber hinaus wird ab September 2012 am Standort ein Franz-von-Sales-Kolleg etabliert, das MINT-interessierten Abiturienten im ganzen Bundesgebiet eine einjährige Orientierungsphase nach dem Abitur ermöglicht. Da sich die Angebote an Kinder und Jugendliche aus dem In- und Ausland richten, die hier ergänzend spezielle Seminare, Kurse oder Workshops besuchen, wurde zusätzlich auch ein Gästehaus neu errichtet. Beide Neubauten erfüllen die Anforderungen des Passivhaus-Standards.
Kontrapunkt zum Bestand
Mit der Planung des ambitionierten Projekts war 2007 das Architekturbüro Hahn Helten + Assoziierte aus Aachen beauftragt worden. Als bewussten Kontrapunkt zur historischen Backsteinarchitektur des Bestandes realisierten die Planer um Prof. Ulrich Hahn und Günter Helten einen zweigeschossigen, dabei konzentrisch um ein zentrales Forum herum entwickelten Neubau. Trotz seiner exponierten Lage im Kern einer U-förmigen Hofanlage und seiner betont modernen Architektur-sprache fügt er sich harmonisch in den Gesamtkontext ein. Die weite Aussicht auf ein direkt angrenzendes Landschaftsschutzgebiet blieb dabei weitgehend erhalten.
Die Außenansicht des Neubaus wird durch die abwechselnd grau bzw. lime-grün gestaltete Putzfassade, die leicht asymmetrische Form mit dem weit auskragenden Obergeschoss sowie durch langgestreckte horizontale Fensterbänder geprägt. Im Innenraum schafft das zentrale Forum einen offenen Raum zur Begegnung und Kommunikation, der gleichzeitig auch für Konzerte, Ausstellungen und Vorträge mit bis zu 300 Besuchern genutzt werden kann. Rings um das Forum steigt eine Erschließungsgalerie kaskadenartig in die Höhe und bietet Zugang zu den auf fünf Halbebenen ringförmig um das Forum angeordneten Unterrichtsräumen. Neben Seminarräumen für allgemeine Unterrichtseinheiten stehen dabei auch vier hochwertig ausgestattete Labore zur Verfügung.
„Als zusätzliche Fläche haben wir außerdem eine Außenterrasse geschaffen“, erklärt Architekt Günter Helten. „Von hier aus können die Schüler astronomische Beobachtungen durchführen und dabei die weite Aussicht auf die angrenzende Auenlandschaft erleben.“
Auf Passivhaus-Niveau
Neben der Schaffung eines hohen räumlichen und funktionalen Komforts stand bei der Planung des Neubaus insbesondere die Umsetzung einer hohen Energieeffizienz auf Passivhaus-Niveau im Vordergrund. Die Basis dazu ist eine effektive Dämmung sämtlicher Außenfassaden mit einem 30 cm dicken WDV-System der Wärmeleitfähigkeitsgruppe WLG 040. Eine zusätzliche Besonderheit ist die elektrochrome Dreifach-Isolierverglasung (E-Control-Isolierglas 3-fach von E-Control-Glas) der Außenfenster, die eine flexible und tageslichtabhängige Schaltbarkeit der Glasfarbe von transparent nach blau ermöglicht.
„Die Fenster sorgen für einen gesteuerten Licht- und Wärmeeintrag ins Gebäude und ersetzen so konventionellen Sonnenschutz“, erklärt Günter Helten. „Die Sichtbeziehung nach außen bleibt dennoch ganzjährig erhalten. Und da die Räume auch von der Innenseite her belichtet werden, ist die Versorgung mit natürlichem Licht selbst bei gedimmten Fenstern gewährleistet.“
Zur Be- und Entlüftung wurde eine effektive Lüftungsanlage integriert. Der geringe Restwärme- und Kühlbedarf des Gebäudes wird komplett über eine Wärmepumpenanlage mit acht Erdsonden in Verbindung mit einem Verteilsystem zur Bauteilaktivierung gedeckt. Um dabei die Betondecken frei und somit thermisch wirksam zu halten, wurden anstelle von abgehängten Decken spezielle Baffeldecken (Vertikallamellen von Armstrong und Hygiene Protect Baffeln von Ecophon) integriert. Eine weitere technische Besonderheit des Neubaus sind die durch Lichtspiralen der Künstlerin Annette Sauermann in Szene gesetzten „Sonnenbrunnen“ im Deckenbereich des Forums (Lichtlenksystem Heliostat Komplettsystem rondo von Soldec).
„Die Brunnen bestehen aus drei großen Heliostaten mit einem Durchmesser von jeweils 3 m, die mit Hilfe von nachführbaren Spiegeln ausreichend Tageslicht vom Dach her in den Innenraum lenken“, erklärt Günter Helten.
Wissenschaftliches Monitoring
Um die Effektivität sämtlicher technischen Anlagen bei laufendem Betrieb zu überprüfen und zu optimieren, wird das Gebäude gegenwärtig noch bis Ende des Jahres einem wissenschaftlichen Monitoring unterzogen. Die bisher erfassten Daten deuten jedoch darauf hin, dass die prognostizierten Verbrauchswerte eingehalten werden.
„Ganz bewusst wird das Thema Energieeffizienz außerdem auch im Unterricht behandelt und erlebbar gemacht“, berichtet Günter Helten. „Im Erdgeschoss wurde dazu ein „Internet Corner“ mit zehn Rechnerarbeitsplätzen eingerichtet, an denen Kinder und Jugendliche selbstständig mit den
aktuellen Verbrauchsdaten des Gebäudes arbeiten können.“ Architektur, Energieeffizienz und Pädagogik gehen so fließend ineinander über.
Aber auch sonst entspricht die Einrichtung des Science College Overbach mit interaktiver Whiteboard-Technologie statt Wandtafeln sowie Mediensegeln an jedem Laborarbeitsplatz durchweg universitären Standards. Durch die Kooperation mit der RWTH Aachen, der FH Aachen, dem Forschungszentrum Jülich und den Forschungsabteilungen von Industrieunternehmen ist außerdem sichergestellt, dass die Ausstattung auch künftig auf der Höhe der Zeit bleibt. Beste Voraussetzungen also für eine erfolgreiche Schulkarriere.
Planung: Hahn Helten + Assoziierte, Aachen
 Projektkoordination: Ingenieurbüro für Umweltfragen, Aachen Gebäudetechnik: Ingenieurbüro inco GmbH, Aachen Thermische Gebäudesimulation: Ingenieurbüro P. Jung, Köln
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