Umnutzung einer Werft zum Medienstandort in Amsterdam

Innere Verwandlung

Auf dem Gelände einer ehemaligen Schiffswerft in Amsterdam wurde vor kurzem das Gebäude der früheren Schiffszimmerei zum neuen Hauptsitz von MTV Networks Benelux umgewandelt. Die bewusst zurückhaltende Umgestaltung des Architekten Max van Aerschot zeigt einen gelungenen Kontrast von Alt und Neu.

Robert Uhde

Durch seine etwas abseitige Lage jenseits des Flusses IJ gilt der Norden der Stadt Amsterdam selbst manchen Einheimischen als Terra Incognita. In unmittelbarer Nähe zum Wasser wird dort seit einigen Jahren das ehemalige Werftgelände der „Nederlandsche Dok- en Scheepsbouwmaatschappij NDSM“ sukzessive zum Kunst- und Medienzentrum Media Wharf oder MedienWerft umgenutzt. Auf dem rund 84 000 m2 großen Areal können Kultur- und Medienschaffende attraktive Flächen anmieten und eigene Projekte realisieren.
Einen wichtigen Impuls zur weiteren Entwicklung des ehemaligen Industriegeländes schafft die Revitalisierung der einstigen Schiffszimmerei: Die 1926 errichtete Halle wurde vor kurzem nach Plänen des Architekten Max van Aerschot zum neuen Hauptsitz von MTV Networks Benelux umgewandelt.
Imposante Industriekulisse
Das Werksgelände der NDSM wurde seit 1916 in mehreren Abschnitten errichtet. Nachdem auf der Werft jahrzehntelang riesige Passagier- und Containerschiffe gefertigt, umgebaut oder repariert worden waren, folgte Anfang der 1980er-Jahre im Zuge der weltweiten Werftenkrise der Konkurs. Seitdem standen die alten Montagehallen lange Zeit leer. Erste Ideen für eine Umnutzung des Geländes wurden bereits in den achtziger Jahren entwickelt. Doch erst 1999 ergab sich durch eine Initiative der Gruppe „Kinetisch Noord“ eine realistische Perspektive: Das Kollektiv aus Künstlern, Regisseuren, Architekten und Skatern hatte vorgeschlagen, einen Teil der alten Hallen in ein Kreativ-Zentrum für Performances und Kulturereignisse aller Art umzuwandeln.
Aufbauend auf diese Aktivitäten konnten inzwischen mehrere weitere Projekte auf der MediaWharf angeschoben werden. In der komplett sanierten ehemaligen „Baanderij“ (Seilerei) wurde eine Brasserie mit schöner Aussicht über das Wasser untergebracht, in der angrenzenden Montagehalle sollen in den nächsten Jahren Büroeinheiten entstehen. Außerdem gibt es Planungen, auf dem Areal eine Dependance des Museums of Modern Art MoMa einzurichten.
Ehemalige Schiffszimmerei mit offener Struktur
Einen entscheidenden Schub für die weitere Entwicklung des Areals bedeutete zuletzt der Einzug von MTV Networks Benelux in die ehemalige Schiffszimmerei der Werft. Der für den Umbau der Halle verantwortliche Architekt Max van Aerschot war zuvor bereits seit einigen Jahren in die städtebaulichen Planungen auf dem NDSM-Areal involviert. Im Frühjahr 2005 erhielt er schließlich den Auftrag, die 1926 errichtete Schiffszimmerei gemeinsam mit dem Amsterdamer Innenarchitekturbüro QuA in einen flexiblen Hauptsitz für die rund 160 Mitarbeiter des Senders zu verwandeln.
Als große Herausforderung bei der Planung erwies sich neben der engen Zeitvorgabe – als Planungs- und Bauzeit waren nur zwei Jahre vorgesehen – vor allem die streng funktionale, stark durch die Moderne beeinflusste Architektur der denkmalgeschützten Halle. Denn die auf den ersten Blick eher zurückhaltende Gestaltung mit den streng gerasterten, durch breite horizontale Fensterbänder geöffneten Backsteinfassaden und den aufliegenden Sheddächern entsprach zunächst nicht unbedingt dem betont jugendlichen Image des Senders MTV mit seinen im Durchschnitt etwa 25 Jahre alten Mitarbeitern.
Ein stark bildhafter Entwurf, der einprägsam die Attribute der Zielgruppe aufgegriffen hätte, war jedoch durch MTV auch gar nicht gewünscht. Stattdessen verfolgten Max van Aerschot und die Innenarchitekten von QuA eher das Konzept einer offenen, bewusst unhierarchischen Struktur, die sich jederzeit flexibel der Entwicklung des Unternehmens anpassen lässt.
Überraschend heller Innenraum
Der nach dem Umbau überraschend helle Innenraum wird durch das harmonische Zusammenspiel von großen Glasflächen, unbehandeltem Holz, den vorhandenen Stahl-Eisenträgern in abgeblätterter grünlich-bläulicher Farbe, der Sheddachkonstruktion sowie einigen betont neuen Elementen in leuchtendem Rot geprägt. Die roten Trennwände wurden aus Schichtstoffplatten (HPL) Polyrey Papago R 036 von Gesibois hergestellt. Zentrales Element ist dabei das offene, als Verweis auf die ehemalige Nutzung als Schiffszimmerei mit viel Holz (z.B. Jatoba-Parkett) gestaltete Atrium im Zentrum der Halle, das durch die Planer ganz bewusst als Treffpunkt bzw. als „großes Wohnzimmer“ für die unterschiedlichen Redaktionsteams konzipiert wurde.
Eingefasst wird das Atrium durch eine breite Holztreppe, die eine offen einsehbare, lediglich durch eine Glasfront mit Holzlamellen abgetrennte Büroebene in Richtung Nordosten erschließt. Darüber hinaus dient die Treppe aber auch als raffiniertes Multifunktionsmöbel: Bei Veranstaltungen kann sie nämlich auch als Tribüne mit Aussicht auf mehrere Monitore genutzt werden, auf denen gerade die Programme der verschiedenen Sender des Hauses ablaufen. Unter der Treppe wurden die Tanks für die Sprinkleranlage sowie ein Abstellplatz für Fahrräder untergebracht. In gegenüber liegender Richtung schließen sich im EG weitere Büros sowie ein 600 m2 großes Aufnahmestudio an.
Neu eingefügte Ebenen
Um die seinerzeit recht baufällige Halle für die Zwecke von MTV nutzbar zu machen und das exakt vorgegebene Raumprogramm umsetzen zu können, war das gesamte Gebäude zunächst vollständig entkernt und der Boden einheitlich um rund 60 cm abgesenkt worden, um eine ebene Grundfläche zu erhalten. Statt der alten Einbauten integrierten die Architekten zwei neue, auf zusätzlich eingefügten Stahlbetonträgern ruhende Ebenen mit offenen Büros für die einzelnen Sender und Produktionsteams. Im ersten Geschoss steht außerdem eine mit viel Holz gestaltete Kantine mit schöner Aussicht aufs Wasser zur Verfügung.
Um zusätzliche Flächen zu schaffen und eine direkte Verbindung zwischen den einzelnen Abteilungen zu ermöglichen, integrierte Max van Aerschot eine umlaufende, mit leuchtend roten Wänden sowie Glasbrüstungen gestaltete Galerie, die bequem in den gegenüber liegenden Teil der Halle führt. Im Dachgeschoss schließen sich die Direktorenbüros sowie eine Außenterrasse an. Ein weiteres neu eingefügtes Element ist das leuchtend rote Volumen, das direkt über dem Hauptzugang in 4 m Höhe frei im Raum zu schweben scheint und damit einen sichtbar markierten Übergang zwischen innen und außen schafft. Die auf zusätzlichen Stahlbetonstützen ruhende Box beherbergt die Arbeitsräume für die Redaktion des Kinderkanals Nickelodeon.
Innere Glashülle: Box-in-Box
Einer der grundlegenden Planungsgedanken war die Integration einer zusätzlichen innen liegenden Glashülle vor sämtlichen Außenwänden. Dieses „Box-in-Box-System“ ermöglichte eine effektive Wärmeisolation der ansonsten ungedämmten Fassaden, ohne die vorhandenen Außenmauern substanziell antasten oder verändern zu müssen. Die beiden Fassaden in Richtung Nordwesten und Nordosten brauchten so kaum verändert werden. Als einzige Maßnahmen wurden hier zwei neue Öffnungen zur Tageslichtversorgung integriert.
Dementsprechend großzügiger zeigte sich der Denkmalschutz bei der notwendigen Entkernung des Halleninneren sowie bei der Behandlung der beiden anderen Fassaden des Gebäudes, die aus funktionalen Gründen umgestaltet werden mussten. Am stärksten verändert zeigt sich dabei die durch hellere Klinker sowie durch modern profilierte schmale Fensterbänder deutlich als neu markierte Eingangsfassade in Richtung Südosten. Zwei weitere neu eingefügte Elemente wurden auf der angrenzenden Stirnfassade in Richtung Südwesten integriert: Im linken Teil der Fassade trifft der Blick dort auf ein frei auskragendes, komplett verglastes Volumen mit der Kantine, im rechten Teil wurde ein großes Volumen aus Corten-Stahl neu eingefügt, das die gesamte Haustechnik des Gebäudes aufnimmt.
Hohe Brandschutzauflagen
Die innen liegende Glashülle wurde nicht durchgängig mit Isolierglasscheiben ausgebildet. Um die hohen Brandschutzauflagen für das Gebäude einzuhalten, verwendete Max van Aerschot an einigen Stellen halbopake, 200 x 200 mm große Glasbausteine Basic weiß Clearview von Seves. In einigen Bereichen wurden außerdem transparente Lichtbauelemente aus Polycarbonat PC 2540-6, d=40 mm sowie das HKS-System im Dach eingesetzt (Rodeca). Als wärmegedämmte, selbsttragende Dachplatten wurden von Unilin Systems unbehandelte holzbasierte Platten Typ Unisupur Fins verwendet. Die notwendigen Fluchtwege und -treppen ließen sich im 1,5 m breiten Raum zwischen Außenfassade und Innenhülle unterbringen. Die Berechnung der Fluchtwege und der notwendigen Abstände zu den brennbaren Bauteilen erfolgte auf Basis der jeweiligen Auslastung anhand der in den Niederlanden geltenden Brandschutzverordnung. Auf eine Unterteilung des Gebäudes in verschiedene Brandabschnitte konnte aufgrund der vorhandenen Sprinklerinstallation verzichtet werden.
Im deutlichen Kontrast zu den zahlreichen neu hinzugefügten Elementen stehen die vielen erhalten gebliebenen oder rekonstruierten Elemente. Eine wichtige Umbaumaßnahme betraf dabei die baufällige und jetzt im vorgefundenen Raster komplett neu errichtete Sheddachkonstruktion, die eine angenehme und helle Atmosphäre im Innenraum schafft. Das alte, noch voll funktionsfähige gusseiserne Tragwerk für das Dach konnte dagegen weitgehend im vorgefundenen Zustand belassen werden. Die Stützen und Träger wurden ganz bewusst nicht entrostet und nicht neu lackiert, sondern lediglich oberflächlich gesäubert – als interessanter Kontrast zu den neu eingefügten Stützen aus Stahlbeton und um die industrielle Aura der ehemaligen Schiffszimmerei beizubehalten.
bba-Infoservice Parkettboden 519 Beleuchtung 520 Glasbausteine 521 Transparente Lichtbauelemente 522 Dachplatten 523 Beton-Flächenplatten 524 www.vanaerschot.nl/ www.vanaerschot.nl/
Planung: Max van Aerschot architecten, Haarlem
Interior Design: QuA Associates Brand Environment Design, Amsterdam Projektmanagement: BVF Projectmanagement, Limmen Statik: Evers Partners, Velsen
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