Sanierung und Anbau eines Wohnhauses in Rieseby

Fenster zum Fluss

In Rieseby bei Schleswig hat der Oldenburger Architekt Uwe Oltmanns ein ehemaliges Landarbeiterhaus aus dem Jahr 1920 saniert und durch einen gläsernen Anbau erweitert und geöffnet. Das eingestellte „Glasregal“ vergrößert die Wohnfläche auf 200 m² und macht im gesamten Haus die Aussicht auf die angrenzende Schlei erlebbar.

Robert Uhde

Die Halbinsel Schwansen zwischen dem Meeresarm der Schlei im Norden und der Eckernförder Bucht im Süden und Osten wurde im frühen Mittelalter von Dänen und Jüten besiedelt. Noch heute weisen zahlreiche der Ortsnamen wie Gammelby, Karby oder Thumby auf diese Ursprünge hin. Das Zentrum der Region ist die Gemeinde Rieseby mit rund 2 500 Einwohnern. Etwas außerhalb des Ortes, nur wenige Meter vom schilfbewachsenen Ufer der Schlei entfernt, hat der Oldenburger Architekt Uwe Oltmanns ein hell verklinkertes Landarbeiterhaus aus dem Jahr 1920 umgebaut und erweitert. „Nach rund 90-jähriger Nutzung ohne größere Renovierung war das Haus ziemlich baufällig“, beschreibt der Architekt seinen ersten Eindruck, nachdem er 2007 durch die Bauherrenfamilie mit der Umbauplanung beauftragt worden war. „Die Räume waren feucht und dunkel und im damaligen Zustand viel zu kleinteilig.“
Das in direkter Nachbarschaft zu einem großen Gut und in unmittelbarer Nähe zu einer größeren Waldfläche gelegene Haus befand sich bereits seit den späten 1940er-Jahren in Besitz der Eltern und Großeltern der Bauherrin. 1992 war sie mit ihrem Mann hier eingezogen und hatte all die Jahre den Charme des alten Kotten genossen. Nach der Geburt der dritten Tochter ließ sich eine Erweiterung und grundlegende Renovierung des Hauses dann aber nicht mehr länger hinauszögern.
Auf Basis der gemeinsamen Gespräche mit dem Architekten wurde schließlich beschlossen, das Haus durch einen betont modernen Anbau zu erweitern und zu öffnen. Der zweistöckige Anbau ermöglicht nicht nur eine deutliche Vergrößerung der bestehenden Wohnfläche von 108 auf 210 m², sondern bietet den Bewohnern gleichzeitig völlig neue Perspektiven auf das Ufergrundstück und das in Richtung Nordwesten angrenzende Ufer der Schlei.
Strukturiert und erweitert
Die Aufgabe einer Verbindung von alt und neu war für Uwe Oltmanns nicht neu. In Oldenburg hatte er kurz zuvor zum Beispiel ein dreigeschossiges Wohnhaus grundlegend modernisiert und dabei die backsteinerne Architektur eines angrenzenden mittelalterlichen Pulverturmes in seine Planungen mit einbezogen.
„Wichtig bei solchen Projekten ist der Blick für den jeweiligen Ort“, so der Architekt.
In Rieseby bestand die Herausforderung vor allem darin, die vorhandenen Räumlichkeiten für moderne Wohnansprüche nutzbar zu machen und dabei insbesondere den engen Bezug zur Natur zu betonen, ohne dabei den Altbaucharakter des Hauses zu zerstören. Gleichzeitig sollte eine Minimierung der zuvor sehr hohen Energiekosten ermöglicht werden. Als problematisch erwies sich dabei insbesondere der dunkle und feuchte Gesamteindruck des Hauses durch die viel zu kleinen Fenster und die relativ schattige Lage des Grundstückes zwischen der Schlei nach Norden und einer südlich angrenzenden Anhöhe. Darüber hinaus musste eine optimale dämmtechnische Lösung für die zuvor schlecht isolierten Fassaden entwickelt werden.
Als architektonische Lösung schlug Uwe Oltmanns schließlich vor, die Innenräume neu zu strukturieren und die vorhandene Grundfläche durch einen orthogonal eingestellten zweigeschossigen, lichtdurchfluteten Flachdach-Anbau in Richtung Norden zu erweitern. Bei der Umsetzung des auf einem Sockel aus Stahlbeton errichteten, auf drei Rundstützen ruhenden Neubauvolumens wurde ganz bewusst eine betont moderne Architektursprache gewählt, die sich eindeutig vom Bestand abhebt. Zum neuen Mittelpunkt des Hauses wurde dabei die elegant profilierte, vor einem 1,80 m tiefen Luftraum über beide Geschosse reichende Panoramafassade, die an ihren beiden Rändern jeweils durch eine rund 1,60 m tiefe Glasfuge erweitert wurde. Die 5,70 m hohe und 8,50 m breite, aus unterschiedlich großen Glasflächen zusammengesetzte Front ermöglicht einen fließenden Übergang zwischen innen und außen und lässt die Lage des Hauses am Ufer der Schlei erlebbar werden (filigrane Aluminium-Pfosten-Riegel-Konstruktion Schüco FW 50+).
Zusätzlich betont wird der Bezug zum Umraum durch eine große, auf Niveau des Erdgeschosses aufgeständerte Außenterrasse. Um die Einflüsse von Wind und Wetter zu begrenzen, wird die Terrasse durch ein Vordach überdeckt, das oberhalb der Glasfuge rund 1,20 m aus der Fassade hervorragt. Die beiden Seitenfassaden des Anbaus wurden hingegen relativ geschlossen mit Holzpaneelen verkleidet und lediglich durch zwei kleinere horizontale Fenster geöffnet.
Als weitere Umbaumaßnahme wurde das Dachgeschoss des Hauses durch drei neu eingefügte Gauben in Richtung Süden erweitert. Die hellen Klinkerfassaden des Altbaus wurden dagegen weitgehend unverändert belassen und lediglich mit 60 mm starken Ytong Multipor-Mineraldämmplatten von innen gedämmt, um so trotz der unterschiedlichen Eingriffe den Charakter des alten Landarbeiterhauses zu erhalten. Um Tauwasser- und Schimmelbildung zu vermeiden, kam die Dampfbremsfolie Iso Vario KM Duplex von Saint-Gobain Isover zum Einsatz. Nicht mehr intakt war hingegen die Dacheindeckung des Hauses, so dass Architekt und Bauherren entschieden, das vorhandene Krüppelwalmdach mit originalgetreu gewählten Tondachziegeln im gleichen Format neu einzudecken. Ebenso mussten auch sämtliche Fenster ausgetauscht und durch neue Holzsprossenfenster mit Wärmeschutzverglasung ersetzt werden. Als weitere Maßnahme zur Senkung der Energiekosten wurden eine Erdwärmeanlage mit vier jeweils 60 m tief ins Erdreich getriebenen Sonden, eine Wärmepumpe sowie eine Fußbodenheizung in sämtlichen Räumen integriert, so dass das Haus nach dem Umbau immerhin den KfW-60-Standard erreicht.
Großzügiger Innenraum
Die Erschließung des Hauses erfolgt wie vor dem Umbau über eine in den 1990er-Jahren errichtete Verandakonstruktion aus Holz mit Außentreppe in Richtung Nordosten, die im Obergeschoss gleichzeitig einen Balkon zur Verfügung stellt. Im Inneren des Hauses gelangen die Bewohner zunächst in einen kleinen Flur mit angrenzendem Hauswirtschaftsraum und WC, und von dort direkt in die großzügige, nach Nordwesten hin komplett geöffnete Wohnküche. „Vor dem Umbau gab es hier eine winzige Küche und ein kleines Wohnzimmer“, blickt Uwe Oltmanns zurück. Durch die Entfernung der Zwischenwand zwischen beiden Räumen und die durch den Anbau neu hinzu gewonnene Fläche wurde jetzt ein 70 m² großer Raum mit fließendem Übergang zwischen innen und außen geschaffen. Zusätzliche Wohnqualität bietet dabei der anstelle des nicht mehr benötigten Schornstein-Zuluftschachtes neu eingefügte Kamin.
Um die Funktion der im Übergang zwischen alt und neu entfernten tragenden Wand zu ersetzen und die Bewegungen des Obergeschosses aufzufangen, wurde ein Stahlträger neu eingefügt, der durch eine rot lackierte Rundstütze mit einem Durchmesser von 17 cm gestützt wird. Für den Boden der Wohnküche wählte der Architekt gemeinsam mit den Bauherren im Kontrast zu den ansonsten durchgängig verlegten Parkettböden einen Zementestrich, der den modernen Charakter des Anbaus betont und gleichzeitig einen gelungenen Bezug zu den Steinböden in alten Bauernhäuser schafft. Komplettiert wird die Fläche im Erdgeschoss durch ein kleineres Fernsehzimmer sowie durch das große Elternschlafzimmer mit angrenzendem Bad und Zugang zur Außenterrasse im „Altbautrakt“ nach Südwesten.
Die Erschließung des Obergeschosses erfolgt über eine neu eingefügte Stahltreppe im nordwestlichen Teil des Hauses. Neben den drei Kinderzimmern steht den Bewohnern hier oben auch eine Galerie im Bereich der Treppe als Bürofläche zur Verfügung. Die rot gestaltete Rückwand schafft dabei einen angenehmen Farbkontrast zu den weißen Wänden, den hellen Parkettböden und dem dicht begrünten Außenbereich. Besonders angetan sind sie außerdem von ihrem modern gestalteten Badezimmer mit rot gefliester Badewanne und schwarzem Schieferboden. Um den luftigen Charakter der darunter gelegenen Wohnküche zu erhalten, schließt das Bad rund 1 m vor dem großen Panoramafenster mit einer zweiten, innen liegenden Glasfront nach Norden ab.
Planung: Uwe Oltmanns, Oldenburg