Aufstockung eines Bürogebäudes in Amsterdam

Zu neuem Leben erweckt

Auf der Plattform einer alten Kranbahn im Amsterdamer Hafen hat das Büro OTH den gläsernen Büroneubau „Kraanspoor“ errichtet. Der in 10 m Höhe aufgeständerte Glasriegel erstreckt sich über eine Länge von 270 m entlang des Hafenkais. Bauliche Zugeständnisse wurden dabei an die vorhandene Statik der Kranbahn gemacht.

Robert Uhde

Der Norden von Amsterdam wurde lange durch den Schiffbau bestimmt. Doch nachdem die Hafenaktivitäten seit den 1980er-Jahren zunehmend weiter nach Westen in Richtung Nordsee umgesiedelt wurden, lagen die einstigen Hafenflächen weitgehend brach. Inzwischen regt sich jedoch neues Leben. Im Mittelpunkt steht dabei das ehemalige NDSM-Werftgelände, das seit einigen Jahren zum Kunst- und Medienzentrum „MediaWharf“ umgewandelt wird. Nur wenige Meter weiter in Richtung Nordwesten trifft der Blick auf den lang gestreckten Neubauriegel „Kraanspoor“. Die gläserne Bürobox wurde durch das Amsterdamer Büro OTH auf den Überresten einer alten Betonkranspur platziert und greift dabei geschickt deren imposante Kubatur auf.
Folgenreiche Begegnung
Die erste Begegnung der OTH-Gründerin Trude Hoykaas mit dem imposanten Industriemonument rührt aus dem Jahr 1997. Auf der Suche nach einem neuen Standort für ihr Büro fuhr die Architektin damals mit dem Fahrrad das nördliche Ufer des IJ-Sees entlang. Direkt hinter dem verlassenen Areal der NDSM-Werft stieß sie dort an einem der alten Kais auf eine auf mächtigen Stützen ruhende Stahlbeton-Plattform, auf der zwei alte, verfahrbare Hafenkrane ruhten. Die 270 m lange, 13,5 m hohe und 8,7 m breite Plattform war 1952 durch den Architekten J. D. Postma zum An- und Abtransport von Waren errichtet worden und nach der Stilllegung der Hafenaktivitäten inzwischen dem Verfall preisgegeben. Tief beeindruckt von der Größe und der industriellen Ausstrahlung des Bauwerks entschied OTH umgehend, das Monument als Plattform für ein modernes Bürogebäude zu nutzen. Kurz darauf erfuhr das Büro jedoch von der Stadt, dass der Bau abgerissen werden sollte. Da die Architekten jedoch nicht locker ließen, zog die Stadt ihre ursprüngliche Planung schließlich zurück und überließ OTH das Bauwerk mit der Auflage, einen geeigneten Investor für die von ihr vorgeschlagene Umnutzung zu finden. Auf Basis der gemeinsam mit Julian Wolse, dem heutigen Partner von OTH, entwickelten ersten Entwurfszeichnungen zeigte sich schließlich der Projektentwickler ING Real Estate interessiert. Nachdem das Unternehmen kurz darauf den Fernsehsender IdtV Media als Mieter für rund die Hälfte der 12 500 m² großen Gesamtnutzfläche gewonnen hatte, war schließlich entschieden, dass die Planung nach jahrelanger Vorlaufzeit tatsächlich realisiert werden konnte.
Filigrane Leichtbaukonstruktion
Um die eigentümliche Kraft des vorhandenen Bauwerks zu erhalten, schwebte den Architekten von Beginn an ein Zusammenspiel aus alt und neu vor. Direkt oberhalb der alten Betonkranbahn sollte nach ihrer Planung eine ebenfalls 270 m² lange Aufstockung in moderner Architektur aus Stahl und Glas entstehen, die die Länge des Monuments betonen und gleichzeitig eine faszinierende Panorama-Aussicht auf das Wasser und die am anderen Ufer gelegene Altstadt bieten sollte.
Als große Herausforderung stellte sich schon bei den bautechnischen Untersuchungen heraus, dass die vorhandene Statik der alten Kranbahn kein allzu großes Gewicht aushalten würde. Zudem war die Betonkonstruktion aufgrund der ehemaligen Nutzung als Kranspur zur Wasserseite hin deutlich stärker ausgebildet und daher nur bedingt geeignet für mittige Belastungen. Um trotz dieser Einschränkungen eine optimale Nutzung zu erreichen, platzierten die Architekten den Neubauriegel schließlich asymmetrisch auf der weitgehend intakt gelassenen Kranbahn. Im Ergebnis ragt der insgesamt 13,8 m breite Aufbau damit jetzt auf der Wasserseite mit 3,25 m etwas weiter über die Beton-Plattform hinaus als auf der Landseite, wo er nur 1,35 m übersteht.
Als weiteres Zugeständnis an die vorhandene Statik wurde die Aufstockung von vorn herein auf drei Geschosse beschränkt und in Leichtbauweise mit einer durchgehenden doppelten Glasfassade realisiert. Um die Leichtigkeit des gläsernen Aufbaus auch optisch zu betonen, ruht der Büroriegel nicht direkt über dem Bestand, sondern wurde ganz bewusst auf 3 m langen, im Beton verankerten Stahlstützen aufgeständert, so dass Durchblicke zwischen alt und neu möglich sind und der Büroriegel scheinbar über der Kranspur zu schweben scheint.
Vertikale Erschließung
Neben der Plattform selbst sind auch die vier als Bogenkonstruktion ausgebildeten Betonstützen mit den darin untergebrachten Treppenaufgängen erhalten geblieben. Im Zuge des Umbaus wurden die alten Aufgänge zu repräsentativen Zugängen mit Panorama-Fahrstühlen, umlaufenden Treppenstufen und einer passgenau eingefügten Verglasung umgebaut. Die transparenten Liftschächte ermöglichen nicht nur traumhafte Rundum-Blicke über das Wasser, sondern lassen auch die gesamte Höhe des Gebäudes von 27 m erfahrbar werden. In sämtlichen Zugangsschächten wurden für eine optimierte Ausnutzung des zur Verfügung stehenden Raumes zusätzlich zwei übereinander gelegene Sitzungsräume integriert. Der Raum im Inneren der Betonplattform wurde offen gelassen, ein kleiner Bereich wird nach dem Umbau als Archiv und Lager genutzt.
Ebenfalls noch vorhanden sind die auf der Wasserseite an der Beton-Plattform vorhandenen Laufbrücken, die originalgetreu neu aufgebaut wurden und jetzt als Fluchtwege für den Brandfall zur Verfügung stehen. Als zusätzliche Brandschutzmaßnahme wurde die Haupttragkonstruktion des Gebäudes mit einer speziellen Brandschutzbeschichtung ausgeführt, um so wie gefordert eine Feuerwiderstandsdauer von 90 m zum Löschen und zur Evakuierung des Gebäudes zu erreichen.
Doppelte Glasfassade
Markanter Blickfang des Gebäudes ist seine durchgehende, insgesamt 6 000 m² große Glasfassade. Die transluzente Membran betont den Kontrast zwischen alt und neu und schafft in sämtlichen Bereichen lichtdurchflutete Räume mit fließendem Übergang zwischen innen und außen. Um gleichzeitig eine optimierte Klimatisierung mit einem optimalen Wärmeschutz zu ermöglichen, wurde die gläserne Außenhaut als doppelte Fassade mit einem begehbaren Zwischenraum von 0,60 m an jeder Seite ausgebildet. Auf der inneren Schicht der doppelten Fassade wurden in regelmäßigen Abständen individuell öffenbare, über die gesamte Geschosshöhe reichende Fenster mit Rahmen aus weiß lasiertem Kiefernholz integriert.
Die äußere Membran besteht aus insgesamt 3 000 mechanisch verfahrbaren Glaslamellen, die durch ein flexibles Antriebssystem gesteuert werden, um so eine gezielte Lichtlenkung in den Innenräumen sowie einen ausreichenden Blendschutz zu ermöglichen. Die jeweils 65 kg schweren Lamellen drehen sich dabei auf Basis der Signale von eingebauten Wettersensoren je nach Wetterlage in verschiedene Positionen zwischen 0 und 90 Grad. Im Sommer schützt die doppelte Fassade die Innenräume vor Überhitzung, im Winter wirkt sie als natürlicher Wärmepuffer. Unterstützt wird das energiesparende Konzept des Neubaus durch die Nutzung der 70 mm starken Geschossdecken zur Betonkernaktivierung sowie die Integration einer Wärmepumpe, die das Wasser des IJ-Sees zur Beheizung und Kühlung des Gebäudes verwendet. Für die winterliche Beheizung steht außerdem ein Gasbrennwertkessel zur Verfügung.
Leichte Geschossdecken
Eine weitere Besonderheit des Büroriegels ist der Aufbau der Geschossdecken. Um eine möglichst leichte Konstruktion zu erhalten, wurde ein spezielles Decken-Bodenkonzept integriert. Die stählernen Rippen der Betonplatten weisen dabei nicht wie sonst üblich nach unten, sondern nach oben. Auf diese Weise konnten sämtliche Leitungen und sonstigen haustechnischen Komponenten uneingeschränkt und Platz sparend von oben im Tragwerk installiert werden. Nach Abschluss der Installation wurde das System durch eine Konstruktion in Trockenbauweise abgeschlossen. Unterhalb des Gebäudes war aufgrund des Freiraums zwischen der Plattform und dem Glasriegel und zum Schutz der Isolierung sowie der vorhandenen Leitungen eine zusätzliche thermische Dämmung des ersten Geschosses notwendig. Die dazu realisierte abgehängte Deckenkonstruktion wurde mit silbergrau eingefärbten Holzwolleplatten ausgebildet, die eine hohe Sturmfestigkeit gewährleisten.
Funktionales und flexibles Bürokonzept
Bei der Gestaltung und Organisation der Innenräume entschieden sich die Planer in Abstimmung mit ING Reals Estate und IdtV Media für die Umsetzung eines funktionalen Bürokonzepts, das sich jederzeit flexibel an wechselnde Anforderungen anpassen lässt. Als Standardeinteilung für die drei jeweils 12,60 m breiten Ebenen wurde eine zweibündige Aufteilung mit einem zentralen Erschließungsflur realisiert. Sämtliche Gemeinschaftsfunktionen wurden direkt neben den zentralen Erschließungskernen untergebracht, um so jederzeit alternative Raumkonzepte umsetzen zu können. Ein weiteres wichtiges Element der Planung sind die in sämtlichen Bereichen eingefügten Trennwände aus Glas. Nicht nur, um die interne Kommunikation zwischen den Mitarbeitern zu fördern, sondern auch, um die von außen wahrnehmbare Transparenz auch im Innenraum zu erhalten. Von sämtlichen Räumen aus können die modernen Hafenarbeiter so den freien Blick über das Wasser genießen.
Planung: OTH, Amsterdam Projektteam: Trude Hooykaas, Julian Wolse, Steven Reisinger, Gerald Lindner Tragwerksplanung: Aronsohn raadgevende ingenieurs, Rotterdam Gebäudephysik: Lichtveld, Buis & Partners BV, Nieuwegein
Projektplanung: Grontmij / Kats & Waalwijk, Gorinchem