Neubau einer Holzschnitzerei in Südtirol

Wie geschnitzt

Im Örtchen Pontives, rund 20 km nordöstlich von Bozen am Westrand der Dolomiten gelegen, wurde der Neubau einer Holzschnitzerei fertig gestellt. Das Projekt von bergmeisterwolf Architekten überzeugt insbesondere durch seine unregelmäßig gefaltete Holzfassade, die traditionelle Holzverschindelung mit heutiger Ästhetik und Holzkonstruktion verbindet.

Robert Uhde

Die Dolomiten gehören zu den beeindruckendsten Gebirgsketten Europas. Sanft gewellte Almen wechseln hier abrupt mit bis zu 3 200 m hoch aufsteigenden Riffen aus Kalkstein. Dass die Region aber nicht nur imposante Felsformationen, sondern bisweilen auch spannende Architektur zu bieten hat, beweist unter anderem das in Brixen ansässige Büro bergmeisterwolf Architekten. Die Planer um Gerd Bergmeister und Michaela Wolf haben in den vergangenen Jahren zahlreiche hochwertige Projekte vor Ort realisiert, darunter die mit einer minimalistischen Holzfassade gestaltete Kellerei Schreckbichl in Girlan bei Bozen (2011) oder den in ungewöhnlichen Formen realisierten Büroneubau für den Innenausbaubetrieb Barth in Brixen (2009).
Jüngstes Projekt von bergmeisterwolf Architekten ist der im vergangenen Jahr in der kleinen Ortschaft Pontives im Grödnertal in Holzrahmenbauweise errichtete neue Sitz der Holzschnitzerei Ulrich Perathoner. Der kleine Familienbetrieb, der sich der bekannten Tradition des regionalen Grödner Kunsthandwerks verschrieben hat, benötigte nach über 35-jähriger Firmentätigkeit einen Neubau mit deutlich vergrößerten Werkstatt-, Ausstellungs- und Lagerflächen. Ausgehend von der Funktion des Gebäudes und der Lage des Grundstücks in unmittelbarer Nähe zu einem Kreisverkehr und mehreren Industriehallen schufen die Planer einen selbstbewussten skulpturalen Baukörper mit kristallin gefalteter Oberfläche aus dreieckigen Holzschindeln, die selbsttragende Konstruktion und Außenfassade zugleich ist. Der Baukörper läuft parallel zur Straße und nimmt dabei deren Richtung auf. Je nach Betrachterperspektive ergeben sich dabei ständig wechselnde Ansichten und Formen. Zusätzliche Dynamik erhält der Neubau durch die verschieden großen Öffnungen in unterschiedlichen Größen und Geometrien, die in sämtlichen Bereichen überraschend helle Innenräume ermöglichen.
Selbsttragende Konstruktion
Mit ihrem ungewöhnlichen Entwurf beziehen sich die Architekten direkt auf die Tradition des Grödner Kunsthandwerks:
„Die Grundidee ist inspiriert von den Werkzeugen des Holzschnitzers und von deren handwerklichem Können“, erklärt Architektin Michaela Wolf. „Daraus hat sich für uns nach und nach das Bild eines noch nicht fertig behauenen Holzblocks entwickelt. Die unregelmäßig alternden Schindeln unterstützen dabei das Bild einer unfertigen Skulptur.“
Trotz dieses offensichtlichen Rückgriffs auf die Tradition haben sich die Planer davor gehütet, ihren Entwurf ins Romantisch-Sentimentale abgleiten zu lassen. Stattdessen haben sich bergmeisterwolf Architekten für eine betont moderne Formgebung entschieden, die zwar auf vorhandene Bauformen aus der Region zurückgreift, die andererseits aber einen völlig neue, bewusst eigenwillige Ästhetik erzeugt. Ein gelungenes Detail ist dabei die großzügig geöffnete, entsprechend der übrigen Fassade in unregelmäßigen Dreiecken gefaltete Stirnfassade in Richtung des südöstlich angrenzenden Kreisverkehrs.
Die selbst tragende Glasfront mit den schwarz lackierten Stahlprofilen schafft viel Licht im angrenzenden Ausstellungsbereich und ermöglicht gleichzeitig einen fließenden Übergang vom Innenraum zur umgebenden Berglandschaft.
Experimenteller Charakter
Ebenso überzeugend wie die vielfach gefaltete Außenhülle präsentiert sich auch das Innere des Neubaus mit 2 700 m² Nutzfläche. Im weitgehend innenwandfreien Erdgeschoss haben die Planer einen großzügigen, über zwei Geschosse reichenden Ausstellungsraum untergebracht, in dem die fertigen Krippen und Figuren präsentiert werden. Direkt angrenzend finden sich die Maschinen- und Lagerräume, das Obergeschoss dient als Werkstätte für die Bildhauer. In sämtlichen Bereichen setzen sich die Falten innerhalb der Fassade auch im Innenraum fort. Die Verwendung von einfachen, nicht behandelten Materialien wie Stahl, Glas und Holz, kombiniert mit einfachen Leuchten, betont dabei den rohen und experimentellen Charakter der Architektur.
Im Dachgeschoss des Neubaus wurde zusätzlich eine Wohnung für die Bauherrenfamilie integriert. Um dabei ein abgeschirmtes Wohnen mit Dachterrasse zu ermöglichen, haben die Planer die Holzschindelfassade in diesem Bereich teilweise als waagerechte Brüstung ausgebildet. Zur Straße und zum Kreisverkehr hin ist die Wohnung weitgehend geschlossen, in gegenüberliegender Richtung öffnet sie sich zu den angrenzenden Bergen.
Gefaltete Skulptur
Um die komplizierte Geometrie des Neubaus ausbilden zu können, setzt sich die Außenhülle aus insgesamt 137 Flächendreiecken mit durchgehend unterschiedlichen Formaten zusammen. „Zwei unterschiedlich geneigte Flächendreiecke verbinden dabei gewissermaßen den Boden mit der Decke“, erklärt Michaela Wolf. „Die einzelnen Hohlkastenelemente wurden komplett handwerklich aus Brettschichtholz gefertigt, sie bestehen aus einer 40 mm starken Holzverlattung, diffusionsoffener Folie, einer 260 mm starken Dämmung aus Holzfaserplatten sowie einer innenseitigen Verkleidung mit weiß lackierten OSB-Platten. Außenseitig wurde abschließend eine Lärchenholzverschindelung verschraubt.“ (Hohlkastenelement von Lignosystem, vorgefertigte Wandelemente aus verleimtem Brettsperrholz von Stora Enso).
Im Zusammenspiel der verschiedenen Elemente ergibt sich räumlich-konstruktiv ein selbsttragendes Flächentragwerk, das aber nur wenig vertikale Last aufnehmen kann. Deshalb mussten sämtliche tragenden Bauteile im Gebäudeinneren stärker ausgelegt werden, darunter auch die vorgefertigten Trennwände aus verleimtem Brettsperrholz im Obergeschoss, die zum großen Teil als wandartige Träger unterschiedlicher Dicke ausgebildet sind. Zudem wurden das erste Geschoss und der Treppenhauskern samt Lastenaufzug in Stahlbeton realisiert.
Eine ebenso große Herausforderung bildeten die unterschiedlichen Fensteröffnungen und insbesondere die verglaste Stirnfront des Gebäudes. Um die komplizierte Geometrie als selbsttragendes Raumfachwerk ausbilden zu können, kam ein eigens für dieses Projekt entwickeltes Fassadenaufsatzsystem von Frener & Reifer Metallbau GmbH zum Einsatz. Die vorgefertigten Einzelteile und die je nach statischer Anforderung unterschiedlich starken Profile wurden dabei direkt vor Ort verschweißt. Besonders beeindruckende Perspektiven erzeugen die ungewöhnlichen Geometrien während der Dunkelheit, wenn sich das austretende Licht in den Öffnungen oder Faltungen eindrucksvoll mit der Landschaft verbindet.
Architekturbüro: bergmeisterwolf Architekten, Brixen, Wien Projektteam: Roland Decarli, Marina Gousia, Jürgen Prosch, Peter Reichhalter, Ana Soares Statik: Schrentewein & Partner, Bozen (Südtirol, Italien)