Neubau eines Einkaufs- und Kulturzentrum in Koblenz

Weinblätter aus Aluminium

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Durch die Eröffnung des Einkaufszentrums mit angrenzendem Kulturzentrum hat der Koblenzer Zentralplatz ein neues Gesicht erhalten. Das Projekt der Architekten Benthem Crouwel wird insbesondere durch seine Form sowie durch seine ungewöhnlichen Außenfassaden aus bedrucktem Glas und blattförmigen Aluminiumelementen geprägt.

Robert Uhde

Lange Zeit wurde der nach dem Zweiten Weltkrieg im Zuge des Wiederaufbaus geschaffene Koblenzer Zentralplatz vor allem durch das Warenhaus Hertie geprägt. Doch nach der Schließung des Kaufhauses 1996 verkam der Platz zusehends, so dass die Stadt schließlich eine städtebauliche Neuordnung der Fläche beschloss. Aus dem 2008 ausgeschriebenen Wettbewerb für das Projekt waren Benthem Crouwel Architects als Sieger hervorgegangen. Das in Amsterdam und Aachen ansässige Büro, das zuletzt den Glaszylinder des Fletcher-Hotels in Amsterdam realisiert hat (bba 1-2|2014), hatte in seinem preisgekrönten Entwurf vorgeschlagen, am Standort eine Einkaufsmall samt angrenzendem Kulturzentrum zu schaffen und die Freifläche zwischen beiden Neubauten als flexibel nutzbaren Platz neu zu gestalten.
Nach rund zweieinhalbjähriger Bauzeit ist das insgesamt rund 180 Millionen Euro teure Projekt inzwischen fertig gestellt. Das von der ECE Projektmanagement betriebene neue „Forum Mittelrhein“ integriert auf drei Ebenen mit rund 20 000 m² Verkaufsfläche insgesamt 80 Läden, Restaurants, Cafés und Servicebetriebe. Direkt darüber steht ein Parkhaus mit drei Parkdecks und 750 Stellflächen zur Verfügung. Das angrenzende städtische Kulturgebäude „Forum Confluentes“ beherbergt auf fünf Ebenen mit einer Fläche von 12 000 m² zusätzlich das Mittelrhein-Museum, die Stadtbibliothek Koblenz sowie die Touristik-Zentrale mit dem „Zentrum der Rheinromantik“.
Sämtliche Funktionen werden über Treppen und Fahrstühle erschlossen. Zusätzlich steht ein Panoramaaufzug zur Verfügung, der den 30 m hohen Lichthof hinauf bis zur großen öffentlichen Dachterrasse führt. Komplettiert wird das neue städtebauliche Ensemble durch eine 6 000 m² große Piazza mit Anbindung an die Koblenzer Altstadt.
Kulturbau aus Glas
Um die verschiedenen Funktionen der beiden Gebäude zu betonen und eine spannungsreiche städtebauliche Gesamtkomposition zu erhalten, haben Benthem Crouwel die beiden Baukörper betont unterschiedlich gestaltet. Das deutlich kleinere, über einer dreiecksförmigen Grundfläche errichtete Kulturzentrum „Forum Confluentes“ präsentiert sich dabei mit einer doppelschaligen Glasfassade (Sonderanfertigung Glasfassade von Seele GmbH), deren ungewöhnliche Gestaltung spontan an einen Schleier erinnert. Charakteristisches Element der 5 700 m² großen Außenhülle ist die bewusst von außen aufgebrachte weiße Siebbedruckung in Form eines horizontal strukturierten Punkterasters mit unterschiedlicher Dichte und mit einer Punktgröße von bis zu 100 mm.
„Auf diese Weise haben wir eine geheimnisvoll seidenartige Oberfläche ohne störende Reflexionen und ohne grünliche Färbung erreicht, die Lust machen soll, das Gebäude zu betreten“, erklärt Architekt Markus Sporer.
Um den homogenen Charakter der Außenhülle nicht durch Anker oder Haltekrallen zu stören, kam ein neuartiges Befestigungssystem zum Einsatz: „Dabei werden die bis zu 5 m breiten, 3 m hohen und 22 mm starken Scheiben aus absturzsicherndem Verbundglas von horizontal verlaufenden Edelstahlprofilen gehalten, die rückwärtig jeweils von filigranen Zug-stäben abgehängt werden“, berichtet Markus Sporer. „Die einzelnen Zugstäbe sind jeweils an Stahlkonsolen auf Höhe der Attika befestigt.“ Komplettiert wird die Fassadenoptik durch amorph abgerundete Gebäudekanten, die die elegante Dynamik des Entwurfes betonen. Die rund 70 cm hinter der Außenhülle angeordnete, als Stahlpfosten-Riegelkonstruktion errichtete Innenhülle der zweischaligen Konstruktion dient dagegen in erster Linie als thermischer Schutz.
Weinlaub-Fassade
Eine gänzlich andere architektonische Gestaltung zeigt das deutlich größere Einkaufszentrum.
„Um einen Bezug zur Region zu schaffen, haben wir uns hier vom Thema ‚Weinbau‘ inspirieren lassen“, erklärt Markus Sporer.
Die oberen Ebenen des Gebäudes auf Höhe des Parkdecks werden dazu von einer stilisierten, im Kontrast zur minimalistischen Fassade des Kulturbaus beinahe schon barock daherkommenden Weinlaubfassade umschlossen. Hergestellt wurden die individuell angefertigten Aluminiumelemente in der Seacon Umformtechnik GmbH. Die ungewöhnliche Konstruktion setzt sich aus rund 2 900 Aluminiumtafeln mit einer Kantenlänge von 1,25 x 1,25 m und einer Tiefe von 30 cm zusammen, die über Punktbefestigungen an einer Stahl-Unterkonstruktion verschraubt wurden. „Ausgangspunkt der Gestaltung war ein einzelnes, frei als Weinlaubblatt interpretiertes 3D-Modell, das dann in einem industriell-thermischen Tiefziehverfahren in hoher Stückzahl vervielfältigt wurde“, so Markus Sporer. „Um ein lebendiges Fassadenbild zu erreichen, wurden die Elemente jeweils um 90 Grad zueinander gedreht und beidseitig mit drei verschiedenen Grüntönen beschichtet. Am Abend wird die Konstruktion zusätzlich durch 700 LED-Leuchten illuminiert.“
Thema „Vulkanismus“
Die beiden unteren Ebenen des Einkaufszentrums werden im Kontrast von einer herkömmlichen Alu-Pfosten-Riegelfassade mit transparenter Verglasung eingefasst. Durch das Zusammenspiel beider Materialien wirkt der Neubau optisch kleiner und fügt sich somit besser in die bestehenden städtebaulichen Strukturen ein. Im Inneren des Gebäudes ermöglichen drei offene, über Rolltreppen miteinander verbundenen Ebenen sowie fünf große Glasdächer ein luftiges Ambiente mit ausreichend Tageslichteinfall. Die Glasdächer des Einkaufszentrums bestehen aus der Pfosten-Riegelkonstruktion CI-System Glasarchitektur PR60 von Lamilux.
Ein charakteristisches Gestaltungselement sind hier die in Anlehnung an das Thema „Vulkanismus“ verwendeten bedruckten Farbtapeten, die mit ihrer dynamischen Farbgestaltung von Grün über Gelb bis hin zu Rot auf dynamische Weise das Innere eines Vulkanberges erlebbar machen sollen.
Ähnlich viel Wert wie auf eine abwechslungsreiche Gestaltung legten die Planer auf ein hochwertiges gebäudetechnisches Konzept. Neben einem intelligenten Licht- und Energiekonzept mit dynamischer tageslichtabhängiger Steuerung trägt vor allem die Begrünung der Dachflächen dazu bei, dass das Einkaufszentrum inzwischen das Zertifikat in Gold der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen in den Kriterien Energieeffizienz und Umweltschutz erhalten hat. Das Gebäude erscheint also nicht nur aus der Perspektive der Fußgänger, sondern auch in der Aufsicht in üppigem Grün.
Architekten: Benthem Crouwel Architects, Amsterdam Projektteam: Markus Sporer, Marcel Blom, Anna Gerlach, Noortje ter Heege, Tina Kortmann, Sascha Rullkötter, Cornelius Wens, Sander Vijgen, Benedikt Krienen, Anna Böll, Frank Deltrap
 Generalplaner: ECE Projektmanagement GmbH & Co. KG, Hamburg Statik: IDN Ingenieure, Duisburg
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